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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Brasilien droht seine ausländischen Touristen zu verlieren

Seit Jahren stagnieren Brasiliens Besucherzahlen. Es kommt wohl noch schlimmer: Unter der jetzigen Regierung dürften bald noch weniger ausländische Touristen ins Land kommen.
Update: 18.07.2019 - 12:41 Uhr 2 Kommentare
Selbst in Hotspots wie Rio de Janeiro fehlt es an Touristenschwärmen.
Rio de Janeiro

Selbst in Hotspots wie Rio de Janeiro fehlt es an Touristenschwärmen.

Salvador Den brasilianischen Tourismusminister kennt üblicherweise niemand. Es sei denn, diese Person leistet sich einen Skandal – wie der derzeitige Amtsinhaber. Er wird verdächtigt, öffentliche Wahlkampfzuschüsse, die für weibliche Kandidaten bestimmt waren, veruntreut zu haben. Doch der Minister hält sich trotz belastender Zeugenaussagen im Amt.

Das zeigt vor allem eines: Wie unbedeutend der Posten in der traditionellen Ministerrangordnung eingeschätzt wird. Sonst hätten Interessierte schon längst an seinem Stuhl gesägt. Dass der Tourismusminister unwichtig ist, das ist nicht neu – aber ein Grund, warum der Tourismus in Brasilien völlig unterentwickelt ist angesichts des Potenzials des Landes. Weltweit leiden die Hotspots des Tourismus unter Touristenschwärmen – doch selbst in Rio de Janeiro oder den Wasserfällen von Iguazú sind die Brasilianer meist unter sich.

Der notorisch unterentwickelte Tourismus ist ein Drama angesichts des natürlichen, sozialen und kulturellen Reichtums, den Brasilien zu bieten hat als Tourismusziel. Doch mit rund 6,5 Millionen Besuchern im Jahr befindet sich Brasilien nicht einmal unter den drei Dutzend wichtigsten Touristenzielen der Welt – und das nach einer Fußballweltmeisterschaft 2014  und den Olympischen Spielen zwei Jahre später als Vitrinen für das Land.

Chance Arbeitsplätze zu schaffen

Brasilien verschenkt damit eine gewaltige Chance Arbeitsplätze zu schaffen für Menschen, die es sonst wegen der fehlenden Ausbildung schwer haben, Jobs in der Industrie oder selbst im informellen Dienstleistungssektor zu bekommen. Die natürliche brasilianische Gastfreundschaft und Höflichkeit kombiniert mit einer Ausbildung im Hotel- und Gaststättengewerbe plus einem Sprachkurs in Englisch böte für viele Menschen schnell Beschäftigung.

Doch das funktioniert nicht. Einerseits fehlt dem Land die touristische Infrastruktur. Sie hat sich sogar noch verschlechtert in den letzten Jahren trotz der internationalen Sportereignisse. Entscheidend ist aber, denke ich, dass in Brasilien das grundsätzliche Verständnis dafür fehlt, was ausländische Touristen anziehen könnte.

Denn was Brasilianer toll finden, gefällt Ausländern meist gar nicht – und umgekehrt. Ein Beleg dafür ist die Werbung, welche die Behörde für Tourismus „Embratur“, seit Jahren im Ausland macht: Glauben die Technokraten in Brasília wirklich, dass auch nur ein Tourist aus Europa einen teuren 12-Stunden-Flug nach Brasilien unternehmen wird, um sich „12 Shopping-Center um Ihre Koffer zu füllen“ oder „Die Magie von Weihnachten“ anzuschauen?

Zu Jahresbeginn hat Brasilien die Visapflicht für Touristen aus den USA, Kanada, Japan und Australien aufgehoben. Stolz verkündet der angeschlagene Minister jetzt monatliche Statistiken, wie das Interesse an Brasilien-Reisen aus diesen Ländern zugenommen haben soll. Doch ich bezweifele das: Es gibt wenig Länder auf der Welt wie Brasilien, wo man so wenige Touristen aus den USA, Kanada und Australien trifft wie Brasilien.

Die Pläne des politisch angeschlagenen, dafür umso eifrigeren Ministers gehen noch weiter: Bis Ende der Amtszeit des jetzigen Regierung im Jahre 2022 will der Minister die Tourismuszahlen auf zwölf Millionen fast verdoppeln.

Negative Tourismusbilanz?

Das dürfte ihm, wie allen seinen Vorgängern, nicht gelingen. Es ist sogar gut möglich, dass die Tourismusbilanz dieser Regierung deutlich negativ ausfallen wird: Wer will noch Naturparks und Ökotourismus in Brasilien machen, wenn die Regierung gleichzeitig alle Kontrollen und Maßnahmen zum Schutz des Amazonas aushebelt und der Agrarlobby freies Geleit zusichert?

Wer will als LGBT-Vertreter noch nach Brasilien kommen, wenn die Attacken auf Schwule, Lesben und Transsexuelle zunehmen und öffentlich nichts dagegen unternommen wird? Wer will in einer Land kommen mit einer erschreckend hohen Mordrate und den höchsten Unfallraten der Welt, zu der die Regierung nichts Besseres einfällt als die Bevölkerung zu bewaffnen und die Straffreiheit im Straßenverkehr zu lockern? Welcher Künstler findet Brasilien derzeit noch interessant, wenn die Justiz zunehmend Kunst darauf überprüft, ob sie nicht die traditionelle Familienwerte verletzt?

Von keinerlei solchen Zweifeln verunsichert, hat die brasilianische Tourismusbehörde nun ihren neuen internationalen Slogan vorgestellt. Die Mitarbeiter der Behörde haben ihn selbst entworfen, wie sie stolz verkündeten, um den Prozess „sparsamer und schneller“ zu gestalten.

Das Ergebnis ihrer Bemühungen lautet: „Brazil – visit and love us“. Das klingt ein bisschen wie der Spruch, mit dem die brasilianischen Militärs in der Diktatur von 1964 bis 1985 ihr Land bewarben: „Brasilien – liebe es oder verlasse es“.

Mehr: Der brasilianische Präsident Bolsonaro will wieder mehr Regenwälder im Amazonas roden. Beim Besuch von Entwicklungsminister Müller droht ein Eklat.

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2 Kommentare zu "Weltgeschichte: Brasilien droht seine ausländischen Touristen zu verlieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Hallo Herr Busch,

    ich kann die Argumente in Ihrem Artikel teilweise nachvollziehen und teilweise nicht nachvollziehen.
    Mich würden mehr Details zu diesem Thema interessieren, daher würde ich gerne nach weiteren Quellen suchen. Leider schreiben Sie einen gesamten Artikel über einen Minister und dann nennen Sie nicht einmal den Namen dieser Person.

    Ich würde mich über diese Information sehr freuen.

    Vielen Dank.

  • ich finde es auch sehr schade, dass Brasilien nicht mehr Touristen hat. Aber dass es an
    Bolsonaro liegt, der erst wenige Monate im Amt ist, geht sicher an der Realitaet vorbei.
    Die Frage ob mehr oder weniger Regenwald gerodet wird, interessiert 90 % der Touristen
    nicht. Eine Verfolgung von Schwulen und Lesben findet in Brasilien nicht statt - im Gegenteil
    kamen in der Vergangenheit sehr viele Homosexuelle nach Brasilien, weil es dort sehr
    viele Gleichgesinnt gab und sicherlich weiterhin gibt. Aber das Marketing und die Infra-
    struktur muessen natuerlich verbessert werden. Und obwohl ich kein Parteigaenger von
    Bolsonaro bin, wird das Land unter ihm hoffentlich sicherer werden.

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