Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Eine dunkle Zukunftsvision für Brasilien

Brasilien wirkt derzeit oft wie der düster-skurrile Film „Brazil“ von 1985. Nur dass heute soziale Medien die Gesellschaft verändern. Das Resultat ist ähnlich grotesk wie der Film.
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Demonstranten protestierten vergeblich vor der Stichwahl gegen Jair Bolsonaro. Er wird im Januar Präsident von Brasilien. Quelle: Reuters
„Er lügt auf WhatsApp“

Demonstranten protestierten vergeblich vor der Stichwahl gegen Jair Bolsonaro. Er wird im Januar Präsident von Brasilien.

(Foto: Reuters)

Salvador„Brazil“ ist ein Film aus dem Jahre 1985, den ich mehrmals gesehen, aber nie richtig verstanden habe. Es ist eine surrealistische Traumvision. Am Drehbuch scheinen Orwell, Huxley, Kafka mitgeschrieben zu haben. Auch Monty Python spielen mit.

Es geht um einen totalitären Staat mit Folterszenen, ein Liebespaar auf der Flucht, Tausende von kleinen Beamten als Erfüllungsgehilfen des Regimes. Alles sehr skurril, aber auch erschreckend. Was ich vor allem nie verstand, war die Filmmusik: Der Film ist mit einer Endlosschleife des Samba-Klassikers „Aquarela do Brasil“ aus dem Jahr 1939 von Ary Barroso unterlegt, also einer fröhlich-tropischen Musik, mit komplexen Harmonien, in vielen Versionen. Auch der Titel: „Brazil“ – warum?

Jetzt nach den Wahlen im Jahr 2018 habe ich das Gefühl, dass Regisseur Terry Gilliam – einer der Monty-Python-Gründer – ziemlich visionär war. Denn Brasilien 2018 ist dem „Brazil“ (1985) auf ein paar Ebenen ziemlich nahe gekommen.

Ich rede von dem erschreckenden und völlig intransparenten Einfluss von WhatsApp bei diesen Wahlen. Der hat bei vielen Brasilianern einen Effekt wie eine Gehirnwäsche ausgelöst, den ich mir so richtig nicht erklären kann – auch bei Freunden, die ich zum Teil schon Jahre kenne.

Zur Erklärung: Vor zwei Jahren noch unterstützten eigentlich nur rechte Hardliner, Waffenfreaks, Diktaturnostalgiker und eher arme Würstchen den rechtspopulistischen Hinterbänkler Jair Bolsonaro. Der fiel damals mit seinen homophoben, frauenfeindlichen und demokratieverachtenden Sprüchen auf. Aber niemand, den ich näher kannte, nahm ihn ernst.

Das änderte sich aber so vor einem Jahr. Erstmals tauchten in den Elterngruppen der Schule, in Nachbarschaftsvereinigungen, in spontanen Zusammenkünften auf WhatsApp Posts auf von Menschen, die einem erklärten, dass die Arbeiterpartei (PT) und Lula in Brasilien eine Diktatur wie in Venezuela errichten wollten.

Dass in den Bundesstaaten, wo die PT regiert, Jungs in den Schulen mit Puppen spielen müssen und vom Lehrer aufgefordert werden, doch mal in sich zu gehen, ob sie nicht vielleicht schwul seien. Oder, ein anderer populärer Vorwurf: Die Jugend Brasiliens würde durch Medien, in den Schulen und an den Universitäten zu Kommunisten indoktriniert.

Ja, tatsächlich taucht seit einem halben Jahr immer wieder der Kommunismus als Bedrohung auf in diesen Posts. Und das in einer so apolitischen Gesellschaft wie Brasilien, wo „das Volk beim Marsch auf die Barrikaden stets entweder am Strand oder in der Sambakneipe hängen bleibt“, wie Matthias Matussek als Lateinamerika-Korrespondent im „Spiegel“ spottete.

Doch inzwischen ist Jair Bolsonaro zum Präsidenten gewählt worden, wegen seiner perfekten Kampagne über die sozialen Medien, vor allem eben WhatsApp. Das ist einerseits nicht überraschend, so intensiv wie Brasilianer Facebook, WhatsApp und Instagram nutzen. Aber erschreckend ist, zu was für einer gesellschaftlichen Verwandlung das geführt hat.

Wir haben Freunde, die plötzlich all den Quatsch, dem sie jetzt monatelang auf WhatsApp ausgesetzt waren, auch glauben: Das sind gebildete Menschen mit Universitätsabschlüssen, die mehrmals im Jahr ins Ausland reisen, die sich informieren könnten, wenn sie wollten, die Zugang zu Medien haben. Es ist erschreckend, wie rasant demokratie- und menschenrechtsverachtende Positionen in Brasilien in kurzer Zeit akzeptierter Mainstream geworden sind.

Ob sie Regierungspolitik werden, bleibt abzuwarten. Es ist aber wahrscheinlich, dass Brasiliens Gesellschaft einen deutlichen Rechtstruck erlebt. Die konservative Wende der Gesellschaft ist dem gewählten Präsidenten Bolsonaro ein wirkliches Anliegen. Er wird den Waffenbesitz erleichtern und die Strafmündigkeit herabsetzen.

Evangelikale werden in der Kulturpolitik das Sagen haben. Emanzipatorische Ideen oder Themen wie Geschlechtsvielfalt werden zurückgedrängt oder direkt verboten. Die Universitäten dürften stärker kontrolliert werden, inhaltlich und personell. Auch der Einfluss auf die Justiz wird ausgeweitet, der Druck auf die Medien erhöht. Wem das nicht passt, der könne ja auswandern oder komme in den Knast, erklärte Bolsonaro gerade. Für alle diese Maßnahmen wird er Beifall ernten von seinen Anhängern – auch einem Teil meiner Freunde.

Auf Kritik aus dem Ausland oder von Ausländern, die in Brasilien leben, reagieren die Brasilianer zunehmend allergisch. Nach dem Motto: Wenn es dir nicht passt, dann geh doch einfach zurück. Das höre ich noch nicht direkt, aber in Leserreaktionen auf meine Kolumne bei der Deutschen Welle („Tropiconomia“) auf Portugiesisch ist das normal geworden.

Ich frage mich, wer den Soundtrack für Brasilien 2018 spielen wird. Die Auswahl ist groß: Nicht viele Künstler haben sich gegen Bolsonaro ausgesprochen.

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