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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Von Empregadas und Babás: In Brasiliens Familien kümmern sich Bedienstete um den Haushalt

Anweisen, statt selbst anpacken: Viele Familien in Brasilien haben Haushaltshilfen angestellt. Auch heute noch ist der Einfluss des kolonialen Erbes spürbar.
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Im Großraum São Paulo ist die Zahl der informell in Haushalten Beschäftigten – also Angestellte ohne Arbeitsvertrag – im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen.
Haushaltshilfe

Im Großraum São Paulo ist die Zahl der informell in Haushalten Beschäftigten – also Angestellte ohne Arbeitsvertrag – im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen.

Salvador Brasilien war 1888 das letzte Land der westlichen Welt, in dem die Sklaverei abgeschafft wurde. Manchmal frage ich mich, ob das der Grund ist, warum die Gesellschaft bis heute zutiefst geprägt wird von dem Gegensatz zwischen Herrenhaus und Sklavenhütte. So hat der Soziologe und Anthropologe Gilberto Freyre 1933 seinen Klassiker betitelt, in dem er die Theorie einer brasilianischen „Rassendemokratie“ entwickelte. Doch davon ist Brasilien noch weit entfernt.

Das fällt im Alltag auf: Unter den vielleicht zehn Familien aus der Mittelschicht in unserem Freundeskreis gibt es keine einzige Frau und nur einen oder zwei Männer, die kochen können – obwohl alle gerne essen und oft Restaurants besuchen. Wenn nicht die Empregada – also die Hausangestellte – ein Essen zubereitet, dann bleibt die Küche kalt.

Und so sind diese Freunde auch aufgewachsen: Kochen, putzen, aufräumen – das haben immer Angestellte übernommen. Das ist wohl ein Grund, warum es brasilianischen Studenten aus der Mittel- und Oberschicht auch so schwerfällt, im Ausland zu studieren: Sie müssen sich plötzlich um alles selbst kümmern. Das können nicht viele.

Die Empregada wird heute meist verschämt oder politisch korrekt Assistentin oder Sekretärin genannt. An ihrem Leben als Bedienstete hat das aber nichts geändert. Die Baupläne der Luxusapartments bestehen aus zahlreichen Suiten, teilweise mit begehbaren Kleiderräumen und getrennten Badezimmern für sie und ihn, aus „Home-Theater“, „Hall“ und Gabinete.

Doch hinter dem Waschküchenbereich fehlt nie das kleine Zimmer, in das nur ein Bett, ein Schrank und ein Flachbildfernseher passen. Es ist für die Empregada, pardon, Secretária, die dort oftmals für den Schichtbetrieb wohnt. Auch hat jedes Haus zwei Aufzüge: Für das Dienstpersonal und für die Herrschaften.

Brasilianern gelingt es, sich inmitten von Empregadas zu bewegen, als seien sie unsichtbar. Kinder und überhaupt die ganze Kindererziehung wird gerne abgegeben – an Dienstboten, Kindermädchen, Psychologen, Privatlehrer, Ernährungsberater. Das geschieht nicht nur in traditionellen Familien. Auch junge Ehepaare – zum Teil im Ausland studiert und ausgebildet – fahren selten ohne „Babá“ – also das Kindermädchen – in die Ferien am Strand oder auf die Farm.

Die Babá ist immer dabei. Sie wird heute auch noch so bezeichnet, auch wenn in Stellenanzeigen inzwischen nach Enfermeiras – also eine „Krankenschwester“ für den Nachwuchs – gesucht wird. Leicht zu erkennen sind sie sowieso: Sie tragen meistens weiße Arbeitskleidung – wie Krankenschwestern eben.

Auf die koloniale Mentalität trifft man quer durch alle Schichten: Jeder Brasilianer, von der „Sekretärin“ bis zum Unternehmer, fühlt sich erst dann richtig erfolgreich, wenn andere die Arbeit für ihn erledigen. Der Sambakomponist Noel Rosa dichtete einst: „Bei mir wachsen prima Maniok und Bananen. Jetzt muss ich nur noch jemanden finden, der sie für mich schält“.

„Mandar fazer“ – anweisen, statt selbst anzupacken – das ist ein feststehender Begriff in Brasilien, wenn ein Problem gelöst werden muss. Statt dass man selbst zugreift, weist man an, gibt Befehle – damit zeigt man Verantwortung, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Geht es schief, dann hat man direkt auch eine gute Ausrede: Leider hat das Personal versagt.

Zeitweise sah es so aus, als seien die Tage der Babás, der „Sekretärinnen“ oder Krankenschwestern gezählt: Als Brasilien vor zehn Jahren boomte und in vielen Branchen die Stellen unbesetzt blieben, weil es nicht genug Arbeitskräfte gab, da wurden die Servicekräfte knapp. Viele Hausangestellte arbeiteten lieber zu geregelten Arbeitszeiten und meist höheren Löhnen in Fabriken, als Verkäuferinnen oder machten sich selbständig in einem Nagelstudio.

Auch die gesetzlichen Auflagen für die Anstellung von Hausangestellten wurden deutlich erhöht. Doch mit der Rezession und Stagnation seit nun fünf Jahren steigt wieder die Zahl der Hausangestellten. Im Großraum São Paulo ist die Zahl der informell in Haushalten Beschäftigten – also Angestellte ohne Arbeitsvertrag – im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen.

Mehr: Jahrzehntelang brachte ein Zug Lebensmittel zum weltbekannten Rungis-Markt in Paris. Nun sollen klimaschädlichere Lkws den Transport übernehmen. Eine Geschichte über Staatsversagen.

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