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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum Brasilien ein Paradies für Rentner ist

Die Rentenbezugsdauer steigt, das System ändert sich kaum. Brasiliens Beamte nutzen das – und schlagen als Pensionäre oft eine zweite Karriere ein.
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Für Politiker mit Mitte 50 ist es in Brasilien nicht ungewöhnlich, zwei oder drei Renten zu beziehen.
Christusstatue Cristo Redentor in Rio de Janeiro

Für Politiker mit Mitte 50 ist es in Brasilien nicht ungewöhnlich, zwei oder drei Renten zu beziehen.

SalvadorAls Korrespondent in Brasilien habe ich regelmäßig diesen Überraschungseffekt bei Interviews. Meist am Ende, wenn ich die Biografie meines Gesprächspartners noch mal genauer abfrage. Dann erklärt der eloquente, voll im Leben stehende Gesprächspartner plötzlich – in der Regel in einem Nebensatz –, dass er oder sie pensioniert sei.

Das geschieht häufig bei Interviewpartnern aus der Justiz, der Politik, der Verwaltung, dem Militär oder Staatskonzernen – also aus Branchen, die direkt vom Staat abhängen. In diesen Berufen ist es üblich, nach der Verrentung noch eine zweite Karriere einzuschlagen.

Es ist auch nicht ungewöhnlich für Politiker mit Mitte 50, zwei oder drei Renten zu beziehen: eine vom Job in der öffentlichen Veraltung, die zweite aus der Mandatszeit als Abgeordneter. Als Kirsche obendrauf kommt noch eine fürs Ministeramt, für den Gremiumssitz, den Beiratsposten oder den Platz in einem der vielen Sondergerichte der Justiz – die natürlich ebenfalls mit Pensionsansprüchen gesegnet sind.

Das überrascht mich jedes Mal aufs Neue, weil die Damen und Herren meist erst Anfang 50 sind. Und weil sie als Rentenbezieher ganz normal einem Job nachgehen. Die Rente, so scheint es, ist in Brasiliens beamteter Mittel- und Oberschicht so etwas wie eine zusätzliche Einnahmequelle aus einer vorherigen Karriere, die man mit dem neuen Job aufstockt.

Wie kommt das? Einerseits – und das ist die gute Nachricht – weil die Brasilianer immer älter werden. Brasilien zählt zu den Ländern, in denen die Lebenserwartung der über 60-Jährigen am deutlichsten zugenommen hat. Heute werden die Brasilianer durchschnittlich 82 Jahre alt, also etwa so alt wie die Menschen in den wohlhabenden Nationen oder Industrieländern. 1980 noch wurden die Brasilianer im Mittel nur 76 Jahre alt, wenn sie mal die 60 Jahre überschritten hatten.

Brasilianer verbringen immer mehr Zeit als Rentner

Andererseits – und das ist die schlechte Nachricht – weil sich im gleichen Zeitraum am Rentensystem kaum etwas geändert hat. Seit der Verfassung von 1988 ist es in seinen Grundzügen nicht geändert worden. In Brasilien gehen die Menschen bisher nach der Beitragszeit in Rente, was die vielen „jungen“ Rentner vor allem in der Mittelschicht erklärt.

Im Vergleich mit den anderen OECD-Staaten erreichen die Brasilianer durchschnittlich rund zehn Jahre früher das Renteneintrittsalter – zu einem Zeitpunkt, an dem in den Industrieländern die Menschen meist im Zenit ihrer Karriere stehen.

Das tun sie ja in Brasilien auch – nur dass sie eben schon die Rente beziehen und weiterarbeiten. Und das, obwohl die Lebenserwartung der Brasilianer inzwischen der von Ländern wie Deutschland oder Chile gleicht. In Brasilien verrenten sich die Männer durchschnittlich mit 55,6 Jahren, Frauen erhalten mit 52,8 Jahren im Durchschnitt ihren ersten Altersbezug. In den meisten Industrieländern liegt heute das Renteneintrittsalter bei 65 Jahren, mit ansteigender Tendenz in Richtung 67 Jahre.

Der unverändert frühe Rentenbeginn hat dazu geführt, dass die Brasilianer immer mehr Zeit ihres Lebens als Rentner verbringen. Die durchschnittliche Bezugsdauer der Rente hat in nur 15 Jahren fast um ein Drittel zugenommen. Um die Jahrtausendwende lebten die Brasilianer rund ein Fünftel ihres Lebens als Rentner. Heute sind es rund 28 Prozent ihrer Lebenszeit.

Das führt das Rentensystem an die Grenzen seiner Existenz: So leben Brasilianerinnen, die heute im Mittel 84 Jahre alt werden, nach ihrer Pensionierung statistisch länger von ihrer Rente, als sie einbezahlt haben. „Es macht keinen Sinn, dass eine Gesellschaft dafür aufkommt, dass eine Person 30 Jahre Rente bezieht“, sagt Marcello Estevão, Direktor für Makroökonomie bei der Weltbank.

„Wissen Sie, ich bin Anfang 50 ...“

Denn eigentlich dient die Rente ja nur dazu, den Lebensstandard im Alter abzusichern. Aber sie soll kein zusätzliches Einkommen für diejenigen garantieren, die arbeiten können, wie eben die Angestellten im Staatsapparat – meine Interviewpartner.

Etwa die Chefin der Bundespolizei, die ich kürzlich beim Besuch eines deutschen Ministers in Salvador traf. Eine sportliche, durchtrainierte Frau, die ihre Mannschaft fest im Griff hatte, bei der kein Zweifel auftauchte, dass sie das Sagen hatte. Irgendwann erzählte sie dann im Gespräch, dass sie jetzt auch wohl bald in Rente gehen werde. „Wissen Sie, ich bin Anfang 50…“, so die Polizeichefin.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Rund fünf Millionen Rentner Brasiliens (2017) arbeiten weiter, weil sie zu wenig Rente bekommen. 70 Prozent aller Rentenempfänger beziehen nur einen Mindestlohn von derzeit umgerechnet 230 Euro. Die meisten müssen sich noch etwas dazuverdienen. Die rüstigen und regen Staatsbediensteten dagegen bekommen weit mehr als den Maximalsatz der Rentner im Privatsektor.

Mehr: Unhaltbare Versprechen bei der gesetzlichen Rente sind keine Antwort auf drohende Altersarmut. Es braucht stattdessen zielgerichtete Maßnahmen.

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