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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Was Che Guevara in Chiles Wüste zu suchen hatte

Spuren des Revolutionärs finden sich an vielen Orten, sogar in der verlassenen Arbeiterstadt Chuquicamata in der chilenischen Atacama-Wüste. Dort ist die Zeit stehengeblieben.
14.05.2019 - 14:49 Uhr Kommentieren
In der Siedlung in der Atacama-Wüste wohnten früher die Arbeiter der Kupfermine. Heute ist die Stadt eine Geisterstadt. Quelle: imago images / Danita Delimont
Chuquicamata in der Atacama-Wüste

In der Siedlung in der Atacama-Wüste wohnten früher die Arbeiter der Kupfermine. Heute ist die Stadt eine Geisterstadt.

(Foto: imago images / Danita Delimont)

Chuquicamata In dem Film „Die Reise des jungen Che“ spielen ein paar Szenen in der chilenischen Atacama-Wüste. Der argentinische Medizinstudent Che Guevara trifft dort 1952 auf seiner neunmonatigen Reise durch Südamerika in einer eiskalten Nacht ein Arbeiter-Ehepaar. Der Mann will in einer nahen Mine um eine Stelle vorsprechen. „Die Arbeit ist so gefährlich, da nehmen sie auch Kommunisten wie uns“, sagt er.

Am nächsten Morgen sucht ein Vorarbeiter mit Helm und Sprechfunkgerät die wartenden Arbeiter für die Schicht in der Kupfermine Chuquicamata aus wie Sklaven auf dem Marktplatz. Er sieht Che und fragt ihn barsch: „Was glotzt du so!?“ Der ist empört darüber, wie die Arbeiter behandelt werden und wirft dem abfahrenden Lkw Steine hinterher. Der 23-Jährige, der später eine Schlüsselrolle in der kubanischen Revolution spielen sollte, schreibt in sein Tagebuch: „Die Arbeiter in Chuquicamata leben in der Hölle.“

In Chuquicamata scheint die Zeit seit damals stehengeblieben. Wie vor 60 Jahren kontrolliert ein bewaffneter Wachmann misstrauisch den Eingang zur Siedlung an einer Straßenschranke. Stacheldraht ist überall. Das „Hotel Washington“ ganz in der Nähe des Fußballstadions „Anakonda“ sieht frisch getüncht aus. Im zweiten Stock stehen die Fenster auf, als würden die Zimmer gerade für neue Gäste durchlüftet.

In der Boutique Leonor stehen noch Reste von Schaufensterpuppen in der Vitrine. Der Damensalon Dasser wirbt mit Wella-Produkten. Es gibt den Versammlungsraum der Zeugen Jehovas, den Kindergarten Pinocchio und die Filialen der vier Bergarbeitergewerkschaften.

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    An den zwei Dutzend Schaltern des Lohnbüros stellten sich die Arbeiter jeweils nach den ersten drei Ziffern ihrer Personalnummer an. Auf dem Höhepunkt lebten in Chuquicamata 18.000 Menschen. Der Zugang und der Aufenthalt waren streng limitiert und kontrolliert. Alle Zulieferer, Dienstleister oder Ladenbesitzer mussten die Siedlung abends verlassen.

    In der Bankfiliale Bice hat es in den 103 Jahren, die die Siedlung existiert, zwei Banküberfälle gegeben. Beide Male wurden die Räuber erwischt, erzählt ein Taxifahrer, der hier aufgewachsen ist. Kein Wunder, die Flucht ist hier nicht so einfach: Die Siedlung liegt in 2700 Metern Höhe inmitten der vegetationslosen Wüste, in der es nie regnet. Auto- wie Fußspuren bleiben noch Jahrzehnte im Sand und Geröll erhalten. Die nächste Ortschaft liegt 17 Kilometer bergabwärts und man kann den Straßenverlauf in der glasklaren Luft bis dorthin verfolgen.

    Chuquicamata wirkt, als seien alle mal kurz in die Pause verschwunden, aber gleich gehe es weiter. Dabei ist die Siedlung schon seit elf Jahren verlassen. Andererseits hat man das Gefühl, dass Che Guevara hier jeden Moment aufkreuzen könnte. Es ist, als hätten die Menschen in einer Zeitkapsel gelebt.

    Die Einwohner arbeiteten in der Kupfermine direkt daneben. Die heißt auch Chuquicamata. Es ist die größte Tagebaumine für Kupfer weltweit. Sie ist einen Kilometer tief, vier Kilometer lang und drei Kilometer breit. Dort wird schon seit mehr als einem Jahrhundert Kupfer gefördert.

    Doch die Mine Chuquicamata frisst sich immer weiter vor in Richtung der gleichnamigen Arbeitersiedlung. So beschloss man diese zu evakuieren, auch weil die Siedlung direkt neben der Mine gesundheitlich nicht mehr tragbar war. Jeden Morgen werden dort seit Jahrzehnten die Steinbrocken mit Dynamit gesprengt.

    Es steigt eine toxische Wolke auf, die in den nächsten Stunden die Sonne verschleiert. „Wir haben eigentlich immer gehustet“, sagt der Taxifahrer, der jedes Jahr einmal in die verlassende Siedlung pilgert mit hunderten von anderen Besuchern, die dort gelebt haben. Er hat seinen Vater mitgebacht, der an Alzheimer leidet, aber immer wieder Leute begrüßt.

    Wehmütig laufen die meist älteren Menschen durch die Siedlung. Den Zeitungsverkäufer Luís Ahumada am Hauptplatz kennen alle. Er hat vor 57 Jahren als Schuhputzer angefangen und sich hochgearbeitet bis zum Zeitungsverkäufer, musste aber wie alle Externen jeden Abend weg aus dem Camp. Er begrüßt alle Besucher mit Tränen in den Augen. Die zeigen ihren Enkeln und Kindern, wo sie früher gespielt haben.

    Kinder der Arbeiten dürfen nicht mitmachen

    Am Basketball- und Baseballunterricht durften auch die Kinder der Arbeiter mitmachen. Die mit einem Schwingholzboden ausgestattete Turnhalle war damals die modernste in Chile. Dort wurden nationale Meisterschaften ausgetragen. Sie wäre auch heute noch eine Zier unter den meisten Sporthallen Südamerikas. Golf und Tennis dagegen war für den Nachwuchs der höheren Angestellten reserviert. Von Fußball ist nichts zu hören.

    Bis zur Verstaatlichung 1971 kontrollierte das nordamerikanische Unternehmen Guggenheim Bros. die Mine, später Anaconda Copper. Die Direktoren wohnten in – auch für heutige Verhältnisse - luxuriösen Villen im Acampamento Americano, am Hügel gegenüber der Hauptsiedlung. Ingenieure lebten in zweistöckigen Reihenhaussiedlungen. Die Fahrer der Trucks bis hinunter zu den Minenarbeitern wiederum waren in einstöckigen Reihensiedlungen untergebracht.

    Als Che Guevara dort aufkreuzte, lebten die Arbeiter in Massenbaracken. Es gab Gemeinschaftsbäder, die Kinder schliefen unter den Betten. Die schönste Erinnerung sei gewesen, wenn an Weihnachten Santa Claus mit einer Kutsche um den Hauptplatz gefahren sei und Geschenke verteilt habe, Puppen und Autos, aus den USA importiert, die niemand im Land kannte, erzählt der taxifahrende Zeitzeuge.

    Vieles ist schon verschüttet: Der gewaltige Abraumberg rückt immer näher. Hundert Meter ist er hoch, wie eine Pyramide. Torta nennen sie hier die grauen Schuttberge, Torte. Die hat schon ein paar Stadtteile und vor allem das Krankenhaus unter sich begraben. „Es war das modernste in Lateinamerika“, sagt der Taxifahrer, der dort zur Welt kam. „Roy H. Glover-Hospital“ heißt es und sieht auf den Schwarz-Weiß-Fotos aus wie der Regierungspalast eines Autokraten in Nahost.

    Ab Mitte der 60er-Jahre wurden die Sozialisten in Chile stärker und setzten bessere Arbeitsbedingungen in den Minen durch. Der große Ballsaal sieht aus wie ein Partei-Kongresszentrum der Sowjetunion: Realsozialistische Kunstwerke, wie eine von Ketten losgelöste Proletarierhand, die einen Kupferbarren nach oben reckt. Oder Plakate: „Willkommen Fidel!“ mit dem Schattenriss des kubanischen Revolutionärs.

    Das Gesetzesdokument der Verstaatlichung von Chuquicamata hängt an der Wand mit drei Dutzend Unterschiften. Daneben hängt die Einladung des damaligen Minendirektors David Silberman an alle Arbeiter und Familien zur Feier des Nationalfeiertages vom September 1972. Es trat die damalige Crème de la Crème der linken Protestsänger Chiles auf. Die war in ganz Südamerika damals einflussreich: Victor Jara, Hilda Parra, Camaca Pacha Inti.

    Ein Jahr später putschte General Pinochet. In Chuquicamata beschloss man zu streiken. Danach verlieren sich die Spuren in Chuquicamata. Als hätte danach keine Geschichte mehr stattgefunden.

    David Silberman, der Minenchef stellte sich den putschenden Militärs. Er verschwand 1974 spurlos. Der Sänger Victor Jara wurde am Folgetag des Putsches verhaftet und vier Tage später mit 44 Schüssen hingerichtet. Statt des Nationalfeiertags feierte man nun den Tag der Streitkräfte.

    Als Chuquicamata 2007 aufgelöst wurde, sollten die verbleibenden 4000 Arbeiter mit ihren Familien nach Calama umsiedeln, die Stadt am Fuß der Berge. Trotz ihrer 150.000 Einwohner ist es eine Schlafstadt aus Herbergen, Appartementhäusern und Motels für Bergarbeiter, mit einem trostlosen Freizeitpark samt Achterbahn im Zentrum.

    Viele Arbeiter – vor allem die leitenden Mitarbeiter und Ingenieure - sind mit ihren Familien direkt weitergezogen. Sie kommen für Wochenschichten in die Wüstenstadt. In Calama hält es die wenigsten Familien, klagt der Taxifahrer über das schwache Geschäft. Touristen verschwinden eiligst in die nahe gelegene, romantische Oasenstadt San Pedro de Atacama.

    Es dauerte Jahre bis das geschlossene Chuquicamata wieder geöffnet wurde für Besucher. Einmal im Jahr gibt es einen Tag der offenen Tür. Nicht mehr lange. Dann ist das ganze Dorf unter der Torte verschwunden.

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