Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Wenn aus einer Knastmafia ein Unternehmen wird

Wer in brasilianischen Gefängnissen überleben will, hat die Wahl: Neben den Evangelikalen hat sich die immer einflussreichere Knastmafia PCC etabliert.
Kommentieren
Viele Insassen von brasilianischen Gefangenen treten Organisationen wie dem PCC bei. Quelle: Imago
Gefängnis in Recife

Viele Insassen von brasilianischen Gefangenen treten Organisationen wie dem PCC bei.

(Foto: Imago)

SalvadorKürzlich wurden in einem bundesstaatlichen Gefängnis São Paulos bei einer Razzia Organigramme gefunden: Sie waren mit ungelenker Hand auf Papierfetzen geschrieben, wiesen jedoch auf recht komplexe Unternehmensstrukturen hin. Dabei wurde klar getrennt zwischen der juristischen Abteilung, dem Controlling, dem Einkauf, Logistik und regionalen Geschäftsführungen.

Später stellte sich heraus, dass die Zeichnung die Unternehmensstruktur des „Primeiro Comando da Capital“, also dem „Ersten Kommando der Hauptstadt“ darstellte. Das PCC ist in zwei Dekaden zu Brasiliens einflussreichster Kriminellenorganisation geworden und kontrolliert immer größere Anteile des Drogen- und Waffenschmuggels in und aus Brasilien. Dabei ist es eigentlich eine Knastmafia, die sich immer mehr zu einem Unternehmen gewandelt hat.

Häftlinge haben sie vor 25 Jahren in São Paulo zum Selbstschutz gegründet. Zuvor hatte die Polizei bei einer Rebellion kaltblütig 111 Häftlinge abgeschlachtet. Das PCC drehte den Spieß um und baute in kurzer Zeit eine straff geführte Organisation auf. Heute haben Häftlinge in Brasilien eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wenn sie sich innerhalb des Knasts zum Überleben einer Organisation anschließen wollen, die auch ihre Familien außerhalb des Gefängnisses unterstützt.

Entweder sie treten den Evangelikalen bei oder eben der Knastmafia PCC. Es ist zunehmend riskant, als Vertreter einer der anderen Drogenmafias Brasiliens eingeliefert zu werden, weil auch innerhalb der Gefängnisse die Fehden um Drogenverkaufspunkte und Verteilernetze weitergehen. Der PCC versucht derzeit erfolgreich seinen Einfluss auch außerhalb São Paulos auszuweiten.

Seit zwei Jahren kommt es deswegen landesweit in Gefängnissen immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. Vor allem im Amazonas und dem Nordosten des Landes – alles Regionen, die zu neuen Schmuggelrouten für Kokain aus Kolumbien auf dem Weg nach Afrika und Europa geworden sind.

Wer dem PCC beitritt, für dessen Sicherheit im Knast wird garantiert und dessen Familie versorgt. Doch wieder in Freiheit bleibt man Soldat des Kommandos – wie man auch bei den Evangelikalen sein Leben lang den Zehnt abgeben muss von seinem Lohn.

PCC-Soldaten müssen widerspruchslos Befehle ausführen und Monatsbeiträge bezahlen. Erstmals der Öffentlichkeit bekannt wurde die Truppe 2006. Mit gezielten Exekutionen von fast 300 Polizisten in wenigen Tagen demonstrierte das PCC in São Paulo seine Durchsetzungskraft.

Seitdem gibt es so etwas wie einen Waffenstillstand mit den Sicherheitskräften: Der PCC dominiert die meisten Gefängnisse Brasiliens. Ihre einsitzenden Führer kontrollieren von dort aus den Drogenhandel und die Exporte nach Europa – die Haupteinnahmequellen des Kommandos.

Dafür sorgt das PCC in den Stadtteilen und Landesregionen, wo es dominiert, für die öffentliche Sicherheit. Die sinkenden Mordraten in São Paulo etwa werden dem PCC angerechnet. Die Truppe duldet in ihrem Einflussbereich keine Kriminalität. Das würde die Geschäfte stören.

Das Ziel des PCC ist die Gewinnmaximierung. Für seine Expansion in ganz Brasilien wirbt das Kommando derzeit mit einer Kampagne um neue Mitglieder. „Adote um irmão“, etwa: „Werbe einen Freund“. Neumitglieder werden dafür bis Jahresende von den Monatsbeiträgen befreit.

„Getauft“ werden die Aspiranten auch per Telefon vom Gefängnis aus, um Zeit zu sparen. Fünf Fragen müssen die Neumitglieder beantworten. Unter anderem müssen sie beschwören, dass sie noch nie gleichgeschlechtlichen sexuellen Kontakt gehabt haben.

Das PCC sei noch keine richtige Mafia, erklärte ein Experte diese Tage. Die Geldwäsche funktioniere noch nicht so professionell wie bei der Ehrenwerten Gesellschaft. Das ist wirklich beruhigend.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Weltgeschichte - Wenn aus einer Knastmafia ein Unternehmen wird

0 Kommentare zu "Weltgeschichte: Wenn aus einer Knastmafia ein Unternehmen wird "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.