Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Wie China fast unbemerkt in die industrielle DNA Brasiliens investiert

Die Chinesen kennen Brasilien inzwischen richtig gut und investieren sehr gezielt. Die Brasilianer wissen dagegen kaum etwas über China.
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Chinesische Firmen investieren in Brasiliens Stromnetze, Straßen und Schienenwege. Quelle: AFP
São Paulo

Chinesische Firmen investieren in Brasiliens Stromnetze, Straßen und Schienenwege.

(Foto: AFP)

SalvadorDie ersten Kontakte mit chinesischen Korrespondenten in Brasilien waren frustrierend. Wir konnten die Kollegen schwer verstehen. Sie sprachen kaum Portugiesisch. Aber auch wenn man ihre Fragen verstand, ergaben sie wenig Sinn. Das war so vor rund 15 Jahren – und hat sich inzwischen grundlegend geändert.

Mit einem Kollegen der chinesischen Nachrichtenagentur „Xinhua“ reiste ich vor ein paar Jahren durch die wichtigsten Agrarregionen Brasiliens. Die Regierung wollte uns die Stärke der brasilianischen Landwirtschaft demonstrieren. Der Kollege sprach nicht nur hervorragend Portugiesisch. Er kannte zudem fast jeden Agrarunternehmer, Landwirtschaftssekretär und Gouverneur aus früheren Begegnungen.

Nebenbei erwähnte er, dass er auch als Übersetzer einspringe, wenn der chinesische Präsident in Brasilien auf Staatsbesuch sei. Ich war beeindruckt.

Vor kurzem traf ich zwei junge chinesische Kollegen, die bei einem Besuch in einem Vorort von Rio fröhlich die neuesten Hits mitsangen, die aus den umliegenden Bars dröhnten. Sie hatten keinen Akzent. Sie kannten jede Textzeile.

In nur einer Dekade haben nicht nur die Präsenz und die Kenntnisse der chinesischen Journalisten über Brasilien rasant zugenommen. Auch Diplomaten, Unternehmer und Banker aus China treten seit einigen Jahren immer sattelfester in Brasilien auf. Fast unbemerkt haben Chinas Staatsbanken in São Paulos Finanzmeile Avenida Brigadeiro Faria Lima ganze Hochhäuser besetzt.

Letztes Jahr investierten chinesische Konzerne insgesamt rund 20 Milliarden Dollar in Brasilien. Alleine zehn Milliarden Dollar legten sie für die CPFL in São Paulo auf den Tisch, der größte integrierte Stromkonzern Brasiliens und Lateinamerikas. China Three Gorges ist heute der größte private Stromproduzent Brasiliens.

Staatliche Unternehmen Chinas investieren inzwischen stärker in Brasilien als im restlichen Südamerika. „China hat einen klaren Plan, eine hohe Risikobereitschaft, kennt sich bestens aus in Emerging-Markets und verfügt über fast unbegrenzt Kapital“, erklärt Georgina Baker, Vize-Präsidentin der International Finance Cooperation kürzlich in São Paulo die Gründe für die rasche Expansion.

Chinas Investitionen stören kaum jemanden

Chinas geht dabei strategisch vor: Seine Unternehmen investieren direkt in die industrielle DNA Brasiliens. Wer Stromnetze, Straßen, Schienenwege kontrolliert, hat einen gewaltigen Vorsprung als Investor, wenn es jetzt um die Digitalisierung und Datenkommunikation Brasiliens geht. Chinas machtvoller Auftritt als neue Weltmacht füllt das wachsende Vakuum, welches die USA dort hinterlassen.

Doch in Brasilien fällt das außer einigen Experten kaum auf. Es scheint auch niemanden zu stören. Wie insgesamt die Kenntnisse über China in Brasilien verschwindend gering angesichts der Tatsache, dass das Land der wichtigste Handelspartner und Investor geworden ist.

Das gilt für die Meinungsführer in den Medien, der Politik und Wirtschaft genauso wie in der Bürokratie. Nur sehr wenige Manager, Unternehmer und Diplomaten kennen China, haben dort gelebt oder reden Chinesisch. Die Medien haben dort keine Korrespondenten. Im Außenministerium lassen sich die ausgewiesenen China-Experten an einer Hand abzählen. Chinesisch kann man zwar überall lernen, doch die Nachfrage ist eher gering.

Die Unkenntnis über China gilt auch für alle anderen Brasilianer. „Kaum jemand kennt einen chinesischen Sportler, Musik- oder Filmstar“, sagt Oliver Stünkel, Professor für internationale Beziehungen an der renommierten Fundação Getúlio Vargas. Die meisten Lateinamerikaner hätten keine Meinung zu China, weder positiv noch negativ. „Es ist ihnen ziemlich gleichgültig.“

Ganz anders etwa als die USA. Obwohl deren Einfluss immer mehr abnimmt, habe fast jeder Brasilianer irgendeine Meinung zum Nachbarn im Norden.

Ich halte das für riskant. Brasilien verpasst hier gerade eine gewaltige Chance. Nur wenn Brasilien seinen wichtigsten Handelspartner und Investor besser kennt und versteht, kann es verhindern, dass die Beziehungen wieder so einseitig werden, wie mit den Kolonialmächten früher und zeitweise mit den USA.

Brasilien droht für China wieder der ewige Rohstofflieferant und Absatzmarkt für Produkte zu werden. Aber diesmal mit einem Investor und Handelspartner, der im Steuerungszentrum der brasilianischen Wirtschaft sitzen wird – und der Politik, wie ein Außenminister erschrocken feststellen musste: Sein Chinesisch-Lehrer wurde als Spion aus dem Reich der Mitte enttarnt.

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