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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichten In Brasilien leben Journalisten immer gefährlicher

Die brasilianischen Pressevertreter werden immer heftiger attackiert – von rechts wie von links. Das zeigt vor allem eins: Sie machen einen prima Job.
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Eine Demonstrantin hält in São Paulo ein Schild mit der Aufschrift „Vale Mörder“. Quelle: dpa
Protest nach dem Dammbruch

Eine Demonstrantin hält in São Paulo ein Schild mit der Aufschrift „Vale Mörder“.

(Foto: dpa)

Sao PauloDie Brasilianer können stolz auf ihre vierte Macht sein – in wenigen Demokratien außerhalb der Industrieländer recherchieren die Journalisten so hartnäckig und decken so viele Skandale auf wie in Brasilien. Damit machen sie sich zunehmend Feinde: Die Associação Brasileira de Jornalismo Investigativo (Abraji) registrierte 2018 insgesamt 156 Attacken auf Journalisten, davon 85 digital und 71 physische.

Das ist deutlich mehr als in den Vorjahren und liegt im weltweiten Trend. „Killing the messenger!“ – „den Boten töten“ – heißt ein Bericht des International News Safety Institute (INSI),veröffentlicht im Januar. Dabei geht es um den Tod von Medienschaffenden – darunter Journalisten, aber auch Assistenten. In Brasilien kamen im vergangenen Jahr drei Journalisten ums Leben, damit liegt das Land auf dem amerikanischen Kontinent hinter den USA (neun getötete Journalisten) und Mexiko (sieben).

Erstaunlich finde ich die in Brasilien immer wieder hervorgebrachte Kritik, die brasilianischen Medien würden ihre eigenen Interessen verfolgen und seien parteiisch. Medienhäuser wie Globo, Folha und Estadão, genauso wie die zahlreichen Radio- und TV-Sender in den Bundesstaaten seien private Unternehmen, die vor allem an Gewinn interessiert seien – lautet die Kritik. Sie würden von den jeweiligen Regierungen gegen genehme Berichterstattung Subventionen erpressen. Zudem gehörten viele Sender meist Politikern und würden deshalb einseitig berichten – heißt es regelmäßig.

Es stimmt, dass Globo jahrzehntelang den brasilianischen TV-Markt dominierte, was aber schon länger nicht mehr zutrifft. Auch nutzen viele Politiker ihre Radio- und TV-Stationen für den Aufstieg ihrer Clans, kein Zweifel.

Dennoch stimmt das Argument der „gekauften Presse“ unter dem Strich nicht: In wenigen Demokratien außerhalb der Industrieländer liefern die Journalisten so regelmäßig Scoops wie in Brasilien. Bei den großen Skandalen, wie dem „Mensalão“ (2005), bei dem die Arbeiterpartei Stimmen von Abgeordneten kaufte oder dem „Lava Jato“ (ab 2013), wo die Korruptionsnetze zwischen Petrobras, Odebrecht und Politikern aller Couleur an die Öffentlichkeit kamen, spielten die brasilianischen Medien und ihre Journalisten eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung.

Es gibt wenig Länder weltweit, wo zeitweise ein Dutzend Eigentümer der größten Unternehmen des Landes, genauso viele führende Kongressmitglieder und Spitzenfunktionäre aus Staatskonzernen gleichzeitig im Gefängnis saßen. Das liegt am neuen Wind in der Justiz – aber eben auch an den Medien.

Deswegen haben die Arbeiterpartei und ihre Politiker auch jahrelang die ständig neuen Scoops der Medien über die Verwicklungen der Politiker aus ihren Reihen ideologisch interpretiert. „Die bourgeoise Presse“ würde vor allem nach Skandalen in der PT suchen, alle anderen Parteien aber schonen.

Präsident Luíz Inácio Lula da Silva verhöhnte nach Ende seiner Präsidentschaft bei offiziellen Anlässen wie dem Kongress der Arbeiterpartei 2015 die anwesenden Journalisten, „die ja gottseidank immer weniger würden, weil sie wegen der Medienkrise ihre Jobs verlieren würden“. 

Offene Schikane

Bei den Wahlen 2018 schob Fernando Haddad, der Präsidentschaftskandidat der Arbeiterpartei, die Schuld den Medien zu, die den Gegenkandidaten Jair Bolsonaro so aufgebauscht hätten, weswegen er den Wahlkampf verloren habe.

Doch jetzt sind es gerade dieselben „bourgeoisen“ Medien, welche die unsauberen Machenschaften im Umfeld des Präsidenten Jair Bolsonaro aufdecken. Die veruntreuten Wahlkampfgelder in seiner Partei oder die Verwicklungen des Bolsonaro-Clans mit der Miliz in Rio de Janeiro.

Genauso wie die PT zuvor schimpfen die rechten Regierungsmitglieder und ihre Sympathisanten auf die Medien. Sie sind dabei nur deutlich aggressiver: Journalisten werden systematisch abgeschirmt und gedemütigt bei öffentlichen Veranstaltungen der Regierung. „Interviews“ gibt es nur für regierungsfreundliche Kanäle.

Bei der Amtseinführung am 1. Januar mussten die Journalisten von morgens 7 Uhr bis zum späten Nachmittag in ihrem Journalistenkabuff ausharren. Sie sollten sich nicht abrupt bewegen, sonst könnte ein Sniper sie verwechseln, rieten die Presseleute der Regierung.

Auch bekannte Journalistinnen, wie Patrica Campos Mello von der „Folha de São Paulo“, die im Wahlkampf über illegale Spenden für die Bolsonaro-Kampagne über WhatsApp-Kanäle geschrieben hat, wurden wochenlang in Telefonaten und E-Mails bedroht.

„Zuerst dachte ich, es wäre ein persönlicher Angriff. Aber dann begann ich zu erkennen, dass es sich um eine systematische Art des Umgangs mit Journalisten und jeder Art von Widerspruch und Opposition handelt“, sagt sie. Sie nennt es Reputationsmord – die mediale Zerstörung des Rufs eines Journalisten oder des Presseunternehmens, für das er arbeitet.

Auch der Korrespondenten-Kollege Philipp Lichterbeck bekam den neuen Ton zu spüren. In seiner portugiesischen Kolumne bei der Deutschen Welle hatte er geschrieben, dass die neue Regierung das Land in eine „Hölle aus Soja, Zuckerrohr und Minenschlamm“ verwandeln wolle. Der Umweltminister antwortete mit einem Tweet: Lichterbecks Beschreibung von Brasilien „ähnelt mehr dem, was Deutschland jüdischen Kindern antat und den vielen Millionen, die in ihren Konzentrationslagern gefoltert und umgebracht wurden“.

Kein Zweifel, dass die Anfeindungen und Attacken auf Journalisten in der nächsten Zeit weiter zunehmen werden, zumal ja auch in der Bevölkerung das Ansehen der Journalisten tief gesunken ist. Für die brasilianischen Journalisten bleibt nur der Trost: Wenn sie von rechts wie links mit den fast wortgleichen Argumenten attackiert werden, dann scheinen sie ihre Arbeit richtig zu machen. Nach dem Motto: Viel Feind’, viel Ehr.

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