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Türkei Was die Istanbuler in ihre Erdbebentasche packen

Experten empfehlen, auf das nächste Erdbeben in der Metropole Istanbul vorbereitet zu sein – mit einer Erdbebentasche. Doch was muss da rein?
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Blick von der Galatabrücke in Istanbul bei Nacht auf den Bosporus. Im Hintergrund die illuminierte Süleiman-Moschee. Experten sagen für Stadt ein schweres Erdbeben voraus.
Istanbul

Blick von der Galatabrücke in Istanbul bei Nacht auf den Bosporus. Im Hintergrund die illuminierte Süleiman-Moschee. Experten sagen für Stadt ein schweres Erdbeben voraus.

IstanbulDie Türkei ist nicht nur politisch, sondern auch geologisch ein hochaktives und sensibles Gebiet. Die anatolische Platte, die rund 97 Prozent der Landesfläche ausmacht, prallt auf die eurasische, die afrikanische und die arabische Erdplatte. Zentimeter um Zentimeter schrammen die tektonischen Platten jedes Jahr aneinander vorbei. Verkeilen sie sich an einer Stelle oder drückt sich die eine Platte über eine andere, können die Millionen Kubikkilometer großen Steinbrocken unter Spannung geraten. Das kann zu einem Beben führen.

Eine der größten Verwerfungslinien verläuft südlich der 16-Millionen-Einwohner-Stadt Istanbul. Geologen erwarten dort ein großes Erdbeben noch vor dem Jahr 2030.

Durch die gewaltigen Umwälzungen in der türkischen Politik und die gesellschaftlichen Spannungen vergessen viele die banaleren, aber ungleich größeren Gefahren für Leib und Leben: Neben dem Risiko, in einem Taxi ohne Anschnallgurte auf der Rückbank ums Leben zu kommen, sind das vor allem Erdbeben.

Auch Mehmet Özhaseki, der türkische Umwelt- und Städtebauminister, warnt offen vor der Gefahr unter der Erde: „Fachleute sagen, dass Istanbul in den nächsten Jahren von einem massiven Erdbeben getroffen wird“, sagte er im vergangenen Dezember, „die Prognosen machen uns Angst“.

Beim jüngsten stärkeren Beben in der südöstlichen Provinz Adiyaman, in der auch viele Flüchtlinge leben, wurden Ende April 40 Menschen verletzt. Erst wenige Tage zuvor erschütterte ein Erdstoß die Ferienprovinz Antalya im Süden des Landes. Dort beschränkten sich die Auswirkungen, soweit bisher bekannt, auf Sachschäden.

Im Oktober 2011 zeigte die Richterskala einen Wert von 7,1 an, als in der östlichen Provinz Van ein Erdbeben mehr als 600 Menschen tötete. Im August 1999 kamen bei einem Beben in der bevölkerungsreichen Stadt Izmit nahe Istanbul rund 18.000 Menschen ums Leben. Insgesamt starben im vergangenen Jahrhundert in der Türkei mehr als 80.000 Menschen durch Erdbeben.

Jetzt warten alle auf das nächste Beben in dem Gebiet um die 16-Millionen-Einwohner-Metropole. Ein solches Beben zu verhindern ist unmöglich. Aber sich darauf vorbereiten kann man schon. Experten und Forscher empfehlen unter anderem, eine Erdbebentasche bereit zu halten. Aber was gehört da rein?

Ich sitze in meiner Wohnung und überlege, was mir im Notfall wichtig wäre. Alles, sonst wäre es ja nicht in meiner Wohnung. Naja gut, meine Nachttisch-Uhr von Ikea im Antiklook brauche ich nicht unbedingt. Aber mein Lieblings-Kartenspiel „Wizard“ nehme ich immer mit, egal wohin! Nach zwei Minuten wird mir klar, dass ich die falsche Strategie verfolge.

Ich informiere mich bei Freunden. Eine türkische Bekannte erklärt stolz, sie habe immer einige Pakete Katzenfutter beiseitegelegt. Eine andere Freundin – eine Handtaschendesignerin – fühlt sich inspiriert, will gleich eine Tasche mit eingebauter Yogamattenhalterung entwerfen. Manche erzählen, sie hätten angefangen, eine Tasche zu packen, seien aber über einen alten Pulli, ein Paket Zucker und eine Taschenlampe nicht hinausgekommen. „Man will ja nicht für hysterisch gehalten werden, wenn man ständig eine gepackte Tasche an der Eingangstüre liegen hat.“ Nicht wenige Menschen halten es ohnehin für Schicksal, ob sie einem möglichen Erdbeben zum Opfer fallen oder nicht.

Am Ende – na klar – frage ich Google. Bei den Suchbegriffen „Erdbeben“ und „Tasche“ erscheint als erstes Ergebnis ein Merkblatt der Deutschen Schule in Istanbul. Ich fühle mich zum ersten Mal anständig beraten. Unter der Überschrift „Notgepäck“ heißt es: „Packen Sie einen Rucksack mit den notwendigen Dingen, um drei Tage auf einem Sammelplatz im Freien durchzuhalten.“

Das klingt wie bei der Planung für meinen jüngsten Besuch auf einem Festival. Aber brauche ich einen Campingstuhl mit Bierglashalterung, wenn die Erde gebebt hat? Eher nicht. Aber ein Hüttenschlafsack ist vielleicht keine schlechte Idee.

Die Auslandsschule empfiehlt weiter, drei Liter Wasser pro Person bereitzuhalten. An Lebensmittel habe ich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gedacht. Die Liste geht weiter: haltbare Verpflegung wie Kekse, Schlafsäcke (Ha!), Isoliermatte, Schutzhelm, Regenschutz, Verbandsmaterial, Impfpass, Toilettenpapier, Bargeld, Ausweispapiere, Taschenradio mit Ersatzbatterien, Landkarte ihrer Umgebung, Medizin, Taschenlampe, Kerze, Taschenmesser, Feuerzeug, Ersatzbrille, Plastiktüten, Armbanduhr, Kugelschreiber und Papier, wichtige Schlüssel, türkisches Taschenwörterbuch, Trillerpfeife, Telefonliste des Generalkonsulats, Streichhölzer, gegebenenfalls Kinderspielsachen.

Ein italienischer Freund empfiehlt mir, einen Smartphone-Akku in die Erdbebentasche zu packen. Gar keine schlechte Idee, normale Batterien benutzt ja sowieso niemand mehr.

Das Kandili-Observatorium im asiatischen Teil Istanbuls bietet täglich Erdbebenkurse für Schulklassen an. Es gibt eine unterirdisch verkabelte Küche, in der ein Erdbeben simuliert werden kann. Die Kinder sollen dann innerhalb von Sekunden die sichersten Orte in dem Modellraum ausfindig machen.

Das Observatorium hat auch eine Karte veröffentlicht, auf der die am meisten gefährdeten Stadtgebiete Istanbuls eingezeichnet sind. Der Bezirk Zeytinburnu auf der europäischen Seite zum Beispiel ist tiefrot markiert. Nicht etwa, weil dort unter der Erde die eine Verwerfungslinie verläuft. Sondern, weil hier die Häuser in besonders schlechtem Zustand sind. „Viele der Bewohner kamen aus dem armen Südosten des Landes“, erklärt ein Mitglied des Katastrophenschutzes von Zeytinburnu, „die denken an ein Dach über dem Kopf, aber nicht an die Folgen eines Erdbebens“.

Ich wohne im Innenstadtbezirk Beyoglu. Viele der Häuser wurden von Europäern gebaut. Sehr viele Häuser. Anders ausgedrückt: Es gibt keinen einzigen Park oder größeren Platz in der Nähe, in den man fliehen könnte. Nur enge Gassen mit vier- bis sechsstöckigen Häusern. Wenn ich es mit meiner Erdbebentasche bis ins Freie schaffe, heißt das noch lange nicht, dass ich aus der Gefahrenzone bin. Ich bestelle im Internet einen Bauarbeiterhelm.

Am Ende habe ich meine alte Verbandstasche, eine inoffizielle Kopie meines Reisepasses, ein Feuerzeug und Plastiktüten zusammengestellt. Einen kurzen Augenblick halte ich mich selbst für etwas verrückt. Dann lese ich mir noch einmal die Warnungen der Erdbebenforscher durch – und stelle meine Erdbebentasche an der Garderobe ab.

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