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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Türkei Wie man sich in Istanbul per App beschweren kann

In einer Stadt mit 18 Millionen Einwohnern benimmt sich nicht jeder, wie er es sollte. Die Stadtverwaltung steuert dagegen – mit einer App und einer Kurzwahl.
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Istanbul Wer hätte nicht gerne mal den Busfahrer gemeldet, der regelmäßig über rote Ampeln fährt? Den Raser, der mit Dauer-Lichthupe auf der linken Spur fährt? Oder einen Taxifahrer, der die Fahrt verweigert, weil die angeforderte Strecke in seinen Augen zu kurz ist? Oder die Müllabfuhr, die regelmäßig nur die Hälfte der Säcke mitnimmt? Oder den ewig kaputten Fahrstuhl an der Bahnhaltestelle, die man mit einem Kinderwagen einfach nicht mehr erreichen kann?

Oder, oder, oder. Wenn man nur wüsste, dass wirklich jemand die Beschwerde entgegennimmt und unter Umständen Konsequenzen ergreift. Was für deutsche Ordnungsliebhaber wohl ein ewiger Traum bleiben wird, ist in Istanbul schon seit 2014 Wirklichkeit.

Die größte Stadt der Türkei ist bekannt für ihr Chaos. Nicht immer läuft alles glatt, wo 18 Millionen Menschen auf engstem Raum miteinander zurechtkommen müssen. Doch die Verwaltung der Metropole hat ein System entwickelt, um Beschwerden anzunehmen – per App oder Hotline.

Die App heißt „Beyazmasa“, was auf Deutsch „weißer Tisch“ bedeutet. Man könnte auch sagen „reinen Tisch“, denn genau das ist das Ziel der Applikation: Wer sich mit einer türkischen Personalausweis-Nummer registriert hat, kann jede Form der Beschwerde abgeben. Etwa über den Fahrer eines Lkw, der auf einer der Bosporusbrücken auf dem Standstreifen gefahren war. Meine Beifahrerin öffnete die App, schoss ein Foto des Lasters und lud es mit einer kurzen Beschreibung des Vorgangs hoch. Ein paar Wochen später erhielt sie eine SMS, dass der Fall geprüft worden sei. Der Fahrer habe eine Warnung erhalten.

Das erinnert ein wenig an China, wo der Staat ein soziales Punktesystem eingerichtet hat. In Kurzform: Wer eine Verkehrswidrigkeit begeht, wird automatisch von Verkehrskameras erfasst und erhält eine Strafe - oder keinen Job mehr bei der Stadtverwaltung. Im Umkehrschluss wird bevorzugt, wer sich in der Öffentlichkeit vorbildlich verhält. Das soziale Punktesystem in China soll die Leute erziehen, wird aber im Westen als antiliberal kritisiert.

In der Türkei wäre das unmöglich. Jeder begeht hier täglich Ordnungswidrigkeiten, die nicht geahndet werden. Fußgänger gehen über rote Ampeln und schmeißen Müll auf die Straße, Autofahrer setzen sich grundsätzlich ihr persönliches Tempolimit, das deutlich über dem vorgeschriebenen Limit liegt.

Man darf jedoch nicht davon ausgehen, dass jeder, der eine rote Ampel überquert, sofort von einem fleißigen Istanbuler per App gemeldet wird. Dafür ist die Schwelle, ab der ein Bewohner dieser Chaos-Stadt etwas als ordnungswidrig oder gar verboten einschätzt, zu hoch. Doch wenn es wie im Fall des Lkw-Fahrers auch um die eigene Sicherheit geht, ist die Grenze überschritten.

Die App wird der Verwaltung der Stadt zufolge rege genutzt. Nach Angaben des Istanbuler Bürgermeisteramtes sollen 400 Beschwerden und Anfragen pro Tag eingehen, insgesamt bereits über 100 Millionen Aufträge. Allein über die App kamen im Jahr 2018 exakt 13.637.510 Anfragen, wie die Behörde neulich bekannt gegeben hat. Inzwischen hat die Stadt für das Projekt 1600 Mitarbeiter eingestellt. Wer über Skype anruft, kann gleich per Handy- oder Laptopkamera das Problem auch visuell schildern.

So konnten zum Beispiel 25.000 Probleme angegangen werden, die Menschen mit Behinderung in der Stadt das Leben schwer machen. Daraus ist das Projekt „Mein Auge, mein Ohr“ entstanden, in dem sich 20 Mitarbeiter speziell um die Bedürfnisse behinderter Menschen kümmern. Seit 2014 hat auch die Großstadt Gaziantep im Südosten das Projekt übernommen. Binnen fünf Jahren gingen dort 317.000 Aufträge ein.

Angestoßen hat das Projekt übrigens Präsident Recep Tayyip Erdogan, nachdem er vor rund 25 Jahren Bürgermeister der Stadt Istanbul geworden war. Damals musste man allerdings noch an einen der Schalter gehen, die in der ganzen Stadt dafür eingerichtet worden waren. Die Schalter gibt es auch heute noch.

Neben den Schaltern und der App gibt es auch eine Telefonnummer: 153. Hier können übrigens nicht nur Beschwerden abgegeben werden, wie ich selbst einmal erfreulich erfahren durfte: Als meine Heizungsanlage defekt schien, hatte mir eine Bekannte empfohlen, die Nummer zu wählen. Am Telefon erklärte mir eine Mitarbeiterin anschließend genau, wie ich vorzugehen hatte. Danach lief die Heizung wieder.

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