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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte So läuft der Ramadan in der Millionenmetropole Istanbul ab

Im Fastenmonat Ramadan soll jeder Muslim zur Ruhe kommen und Körper und Geist reinigen. Von wegen. Ein Streifzug durch die muslimische Metropole Istanbul.
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Türkinnen und Türken treffen sich abends auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul zum gemeinsamen Fastenbrechen. Quelle: Reuters
Fastenbrechen

Türkinnen und Türken treffen sich abends auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul zum gemeinsamen Fastenbrechen.

(Foto: Reuters)

IstanbulDer Taxifahrer ist außer sich. „Ja was denn nun!“, schimpft er in Richtung Rückbank. Ich hatte ihn gebeten, mich zur Metro-Haltestelle mit dem Namen „Tersane“ („Schiffswerft“) zu bringen. „Willst du zum Hafen oder zur U-Bahn!“, gallt er, und es klingt nicht einmal wie eine Frage. Als ich ihm erkläre, dass die Haltestelle nun mal diesen Namen trägt, fährt er los. Kurz nachdem er losgefahren ist, spricht er kleinlaut in den Rückspiegel: „Das Fasten macht mich manchmal wahnsinnig.“
Es ist islamischer Fastenmonat, auch in Istanbul. Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Kalenders. Nach islamischer Auffassung ist in dieser Zeit der Koran herabgesandt worden. Zwischen Sonnenauf- und -untergang darf weder gegessen noch getrunken werden. In Istanbul bedeutet das in diesem Jahr, wo der Ramadan in den Sonnenmonat Mai fällt: zwischen halb sechs Uhr morgens und halb neun abends.

Nach Sonnenuntergang findet das Fastenbrechen „Iftar“ statt. Mitten in der Nacht, rund zwei Stunden vor Sonnenaufgang, stehen viele Gläubige auf und nehmen eine weitere Mahlzeit („Sahur“) zu sich, bevor der Tag beginnt. Wer nicht fasten will, muss das in der Türkei nicht tun - der Ramadan ist nicht gesetzlich vorgeschrieben.
Das Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam und dient dazu, Körper und Geist zu reinigen. Doch wohin ich blicke, sehe ich Stress: aggressive Taxifahrer, die sich kaum auf den Verkehr konzentrieren können; Mütter, die in der Mittagshitze auf dem Markt kiloweise Gemüse für das Fastenbrechen „Iftar“ am Abend besorgen; muslimische Studenten, die in der Bibliothek das Bewusstsein verlieren. Ich frage mich, ob auch die hunderttausenden Katzen, die die Stadt bevölkern und ständig von ihren Bewohnern gefüttert werden, auf das Essen verzichten müssen.
Viele versuchen, trotz der Fastenzeit nicht auf ihren Alltag zu verzichten. Jeden Mittwoch gehe ich mit ein paar türkischen Journalisten der Zeitung „Cumhuriyet“ Fußball spielen. Einige von ihnen fasten auch. Dass dies dem Spielbetrieb schadet, kann ich nicht sagen. Vor dem Spiel sind alle gut gelaunt. „Ich bin daran gewöhnt, im Ramadan meinen Alltag beizubehalten“, sagt einer unsere Torhüter. In der Halbzeitpause schütten sich alle Wasser über den Kopf und auf die Arme. Ich frage mich, ob das noch Fasten ist, wenn die Haut Feuchtigkeit aufnimmt.

Telefonhotline für religiöse Fragen

Bei solchen Fragen hilft übrigens die Rufnummer 190 weiter. Das staatliche türkische Religionsamt Diyanet beantwortet unter dieser Hotline religiöse Fragen. Anrufer wollen zum Beispiel wissen, welche Folgen es hat, wenn man ungewollt Wasser geschluckt hat, etwa beim Duschen. Übrigens: So etwas verstößt nicht gegen die Fastenpflicht, meinen die staatlichen Religionsbeauftragten.
Entgegen der Annahme, dass man entweder komplett oder gar nicht fastet, gibt es allerdings auch viele, die nur wenige Tage auf Essen und Trinken verzichten. Manche trinken während des Ramadan-Monats keinen Alkohol, ernähren sich sonst aber normal. Wieder andere fasten nur an einzelnen Tagen, etwa wenn die ganze Familie an einem Wochenende zusammenkommt.
Zwar ist dann immer wieder die Rede davon, solche Menschen seien keine richtigen Muslime. Doch ich kenne auch gestandene Gläubige, die sich gezielt Dienstreisen in den Fastenmonat legen: Wer auf Reisen ist, darf nämlich Essen und Trinken. Ob die Reise eine zweistündige Zugfahrt oder einen zehnstündigen Flug beinhaltet, spielt keine Rolle.
Grundsätzlich versuche ich, im Fastenmonat darauf zu verzichten, tagsüber in der Öffentlichkeit zu essen oder zu trinken. Aus Respekt, denke ich mir. Vielleicht bin ich in Istanbul da aber auch der Einzige, der so denkt. Die meisten Restaurants sind auch tagsüber gut besucht. In Jordanien wird man verhaftet, wenn man im Ramadan tagsüber in der Öffentlichkeit etwas zu sich nimmt.

In manchen Istanbuler Vierteln, etwa im Nobeldistrikt Nisantasi, blicken die Kellner fragend drein, wenn man um Erlaubnis bittet, trotz der Fastenzeit an einem der Außentische zu essen.

Wirtschaftsfaktor Ramadan

Auf die Wirtschaft hat der Fastenmonat ganz konkrete Auswirkungen. Professoren der Harvard Universität sind der Meinung, der Ramadan habe einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft, weil während der Fastenzeit kaum jemand kulturellen Aktivitäten nachgeht oder sich sonst wie amüsiert.
Andersherum gedacht ist Ramadan ein Millionengeschäft. Gerade wenn am Ende der Fastenzeit viele ihre Familien und Freunde besuchen, steigt auch der Konsum von rund einer Milliarde Muslime weltweit an. Die auf islamisches Marketing spezialisierte Beratungsfirma Ogilvy Noor schätzt, dass die „Ramadan-Ökonomie“ im Jahr 2021 weltweit rund drei Billionen britische Pfund wert sein wird.
In Istanbul hat längst auch die Werbeindustrie den Ramadan entdeckt. Telekommunikationsfirmen werben mit Ramadan-Roaming, Supermärkte verkaufen überteuerte Essenspakete, in den Luxushotels kann man nach Sonnenuntergang für mehrere hundert Euro ganz besonders nobel auf muslimische Art Körper und Geist reinigen. Hotels an der Südküste verlangen im Ramadan sowie in der anschließenden Feiertagswoche Aufschläge von mehr als 200 Prozent.
Doch es geht auch menschlicher. In vielen Istanbuler Stadtvierteln werden zum Abend hin große Tafeln in den Gassen aufgebaut. Der Verkehr wird gesperrt, jeder darf sich hinsetzen. Wie in meinem Viertel Galata, wegen des markanten gleichnamigen Turms ein Touristenmagnet.

In einer der viel besuchten Straßen nahe des Turms ist am frühen Abend eine lange Tafel aufgebaut. Die lokale AKP-Stadtverwaltung spendiert ein Iftar-Essen an jeden, der will. Bedingung: Kurz vor Sonnenuntergang spricht ein Lokalpolitiker zu den Fastenden.
Manchmal sind es vor allem Alte und Arme, die auf eine Mahlzeit hoffen. Manchmal sind es eingeschworene Nachbarschaften, die den Fastenmonat zelebrieren - wenn auch ohne Alkohol, denn der ist im Fastenmonat auch nach Sonnenuntergang verboten.
Nachdem ich zwei Besuchern aus Deutschland an einem Tag im Fastenmonat die große Süleimaniye-Moschee in der Istanbuler Altstadt (übrigens ein Geheimtipp!) gezeigt habe, werden wir im Gebetsraum von einer jungen Frau angesprochen. Sie fragt, ob wir am Abend zum gemeinsamen Fastenbrechen auf die Wiese vor der Moschee kommen möchten. Dort finden sich später tatsächlich Dutzende Türkinnen und Türken sowie Touristen aus Japan, England, Neuseeland, Spanien und Deutschland ein, um gemeinsam das Fasten zu brechen.
Es ist für alles gesorgt: Suppe, Fleisch und Reis, Obst, Nachtisch und Getränke. Die untergehende Sonne nimmt die letzte Hitze des Tages mit, während auf der Wiese Touristen mit Einheimischen ins Gespräch kommen. Ob alle tatsächlich tagsüber auf Essen und trinken verzichtet haben, spielt keine Rolle.

Mehr: Keine Touristengruppe wächst weltweit schneller als die der Muslime. Der bald 274 Milliarden Dollar schwere Markt verändert die Reisebranche.

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