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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum in Istanbul in Bus und Bahn geschwiegen wird

Unser Istanbul-Korrespondent ist das tägliche Pendeln zur Arbeit gewohnt. In einer Stadt mit 18 Millionen Einwohnern herrschen jedoch eigene Gesetze.
2 Kommentare
Türkei: Warum in Istanbul in Bus und Bahn geschwiegen wird Quelle: AFP
Straßenbahn in Istanbul

In Istanbul, der Stadt mit 18 Millionen Einwohnern (niemand weiß genau, wie viele es wirklich sind), herrschen eigene Gesetze. Das gilt erst recht für den öffentlichen Nahverkehr.

(Foto: AFP)

IstanbulEs ist 7.30 Uhr morgens, an der Haltestelle Kavacik ganz im Nordosten Istanbuls, auf der asiatischen Seite. Im Winter zeigt sich die Sonne auch in der Türkei spät, es ist kalt, dunkel, und es regnet. Die vorbeifahrenden Autos auf der anliegenden Hauptstraße Richtung Bosporusbrücke formen sich allmählich zu einem zähfließenden Stop-and-go-Verkehr, es wird geblinkt, gehupt und geschimpft.

An der Haltestelle wird geschwiegen. Schülerinnen, Arbeiter, Anzugträger, Hausfrauen und -männer. Stoisch formen sie eine Schlange, einer nach dem anderen. Der Bus – Linie 121A – kommt an, alle steigen nach und nach ein, der Bus ist voll. Die Türen schließen – und es wird noch ruhiger. Niemand sagt etwas. Als ich mit meiner Begleitung ein Gespräch beginne, redet sie deutlich leiser als sonst. „Morgens wird im Bus nicht gesprochen“, erklärt sie und sagt es, als sei es selbstverständlich.

In Istanbul, der Stadt mit 18 Millionen Einwohnern (niemand weiß genau, wie viele es wirklich sind), herrschen eigene Gesetze. Das gilt erst recht für den öffentlichen Nahverkehr. Die AKP-Regierung unter dem derzeitigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat in den vergangenen Jahren ein groß angelegtes Infrastrukturprojekt für den Nahverkehr in der Metropole umgesetzt. Dazu gehören mehrere Metro-Linien, davon eine mit fahrerlosen Wagen.

Es gibt außerdem fast 12.000 Bushaltestellen, mehr als 3000 Busse in der Stadt, verteilt auf Hunderte Buslinien. Hinzu kommt die zweitälteste U-Bahn der Welt, der „Tünel“ im Stadtteil Galata; außerdem einer der modernsten „Tünels“ der Welt, die U-Bahn-Linie Marmaray, die unter dem Bosporus den europäischen Teil der Stadt mit dem asiatischen verbindet; dann noch drei überirdische Standseilbahnen, Dutzende Fährverbindungen und die beliebten Dolmus-Minibusse, die erst losfahren, wenn der letzte Platz belegt ist. Egal, wie man sich fortbewegt, jedes Ticket wird bargeldlos mit der Istanbulkart bezahlt. Die erste Fahrt kostet 2,15 Lira (rund 35 Cent), die anschließenden Fahrten sind noch billiger. Studenten und Rentner zahlen ungefähr die Hälfte.

Wenn Istanbul ein Schmelztiegel der Kulturen ist, dann sind die Busse ein Schmelztiegel der Bewohner der Stadt. Geschäftsleute, Hausfrauen, Schülerinnen, Studenten: Jede und jeder fährt mit Bus oder Bahn zur Arbeit, um dem schrecklichen Verkehr zu entgehen oder zumindest nicht selbst am Steuer sitzen zu müssen, wenn mal wieder gar nichts geht.

Das ist wörtlich gemeint. Zu den Stoßzeiten, morgens und nachmittags, steht der Verkehr oft still. Dem Navigationsanbieter Tomtom zufolge war Istanbul im Jahr 2015 die Stadt mit den meisten Staus weltweit. Eine 30-minütige Busverbindung verlängert sich in der Rushhour im Schnitt auf 100 Minuten. Wer morgens im Büro behauptet, er oder sie habe sich wegen des Verkehrs verspätet, erntet seltener Spott als Mitleid. 

Die Stadtverwaltung schätzt, dass täglich etwa 13 Millionen Menschen öffentliche Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit nutzen. Das entspricht der über dreifachen Einwohnerzahl Berlins – mit der Ausnahme, dass hier die S-Bahnen im Winter seltener ausfallen.

Trotzdem: Viele Istanbuler sind es gewohnt, pro Tag mehrere Stunden im Bus zu verbringen. Die Verkehrsbetriebe haben darauf reagiert: Wo in deutschen Bussen „Halt“-Knöpfe an den Haltestangen angebracht sind, sind in Istanbuler Fahrzeugen häufig USB-Ladestationen fürs Smartphone angebracht. In den U-Bahnen laufen auf unzähligen Monitoren Katzenvideos und Kochtipps. Und entlang der Metrobus-Strecke auf einer der Bosporusbrücken hat die Stadtverwaltung spezielle Windräder angebracht. Jedes Mal, wenn ein Bus vorbeifährt, treibt der Fahrtwind die Rotoren an.

Apropos: Häufig fahren die Busfahrer mit offener Vordertüre, wenn es im Sommer zu warm wird. Wenn im vollen Bus jemand nahe an der offenen Türe steht, heißt es oft nur: „Dikkat et“, pass auf! Dann fährt der Bus los.

Manche Buslinien sind anders als die anderen. Die Linie 59RK fährt vom Norden der Stadt zum Schwarzmeerort Gümüsdere. Auf dem Weg befinden sich einige Felder. Die Bauern schicken ihre Kühe oft über dieselbe Straße von Feld zu Feld, die auch die Busfahrer benutzen. Einmal, als wir im Bus eine Horde Kühe vorbeiziehen ließen, knallte es plötzlich lautstark. Ein Bulle war mit seinen Hörnern in die Windschutzscheibe gelaufen. Die Passagiere stiegen aus und gingen zu Fuß weiter, als wäre nichts passiert.

Die Buslinie 76E hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Die Linie fährt zwischen dem Taksim-Platz in der Innenstadt und dem europäischen Außenbezirk Bahcesehir. Die Fahrt geht über 58 Haltestellen und dauert bis zu drei Stunden – genug Zeit, um sich kennen zu lernen. Man freundete sich an. Über eine eigens eingerichtete Facebook-Gruppe tauschten sich die Pendler aus, informierten über Staus und verabredeten sich zum Mittagessen. Ein Mann und eine Frau heirateten später – allerdings nicht im Bus.

In der Linie 121A muss schon Telepathie im Spiel sein, um sich kennen zu lernen. Der Pendlerbus hat gerade die Bosporusbrücke überquert, ohne dass jemand ein Wort gesagt hat. Ich habe den Eindruck, der Fahrer fährt besonders sanft, um niemanden zu wecken. Im Geschäftsviertel Levent, gut 15 Minuten nach der Abfahrt, öffnet der Fahrer zum ersten Mal die Türen. Der Wind peitscht den Regen in den Bus, man hört wieder das Gehupe und Geschimpfe. Und ich wünsche mir, heute noch etwas länger pendeln zu dürfen.

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2 Kommentare zu "Weltgeschichte: Warum in Istanbul in Bus und Bahn geschwiegen wird"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Genau wie der Autor habe ich es auch empfunden. Es hat sich viel verändert, seit Erdogan regiert, die Menschen sind zivilisierter, ja höflicher geworden. Wareschon früher Hilfsbereitschaft ein hervorstehdendes Merkmal (mehr als einmal wollte man uns beim Tragen unserer Reisekoffer helfen), so ist mir nun zudem die ausgesprochene Rücksichtsnahme aufgefallen. Früher ging es hektischer zu, nun ist von Nervosität nichts mehr zu spüren, das Volk scheint angekommen, mehr bei sich zu sein als zu turbulenteren Zeiten. Die politische Stabiliät seit Erdogan hat dem Land spürbar gut getan.

  • ich will keine polemik starten aber wenn der jenige autor hier in istanbul lebt u arbeitet kennt leider sehr wenig von der hauptstadt der welt ( a la napoleon ). er sollte keine einzelnen kurzgeschichten erzaehlen er sollte in der lage sein sich mit den ernsten den tatsachen entsprechenden berichten zu profilieren. das war leider nicht fundiert für den leser.....