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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum Türken gut auf „Social Distancing“ eingestellt sind

In der Türkei steuern viele Menschen ihren Alltag über Apps. Die Beschränkungen durch Corona treffen auf eine Gesellschaft, die bereits früh überflüssige Kontakte minimiert hat.
28.03.2020 - 10:19 Uhr Kommentieren
Corona: Warum Türken besser auf „Social Distancing“ eingestellt sind Quelle: AFP
Smartphone-Nutzung während der Coronakrise

In der Türkei nutzen viele Menschen Apps auch zum Einkaufen.

(Foto: AFP)

Istanbul Neulich musste ich zum Arzt. Routineuntersuchung mit Blutabnahme, nichts Besonderes. Es war Mitte Februar, Corona schien damals noch ein begrenztes Problem, ein Arztbesuch das Normalste der Welt. Die Klinik gehörte zu den besten des Landes. Ich fühlte mich gut aufgehoben, bis der Arzt nach der Behandlung meinte: „Ich schicke Ihnen die Ergebnisse dann per WhatsApp.“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Eine Woche später erhielt ich tatsächlich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ich erkannte meinen Arzt im Anzeigebild. „Guten Tag Ozan Bey, hier ist ein Screenshot von Ihren Blutwerten. Alles normal. Ich wünsche Ihnen einen gesunden Tag!“

Es ist kein Klischee zu behaupten, dass Südländer lieber bis in den späten Abend in Cafés sitzen und sich unterhalten, als man das in Nordeuropa tut. Aber wenn es um die Vermeidung überflüssiger Kontakte im Alltag geht, sind Türkinnen und Türken Weltmeister. Die Coronakrise trifft auf eine Gesellschaft, die vorbereitet ist.

Auch vor der Türkei macht das Coronavirus nicht halt. Aktuell sind rund 1500 Menschen im Land mit dem neuartigen Sars-CoV-2-Erreger infiziert, 37 Menschen sind bisher daran gestorben. Bereits nach Bekanntwerden der ersten Fälle im Land wurden Schulen und Universitäten geschlossen. Auch Restaurants, Kneipen und Friseursalons haben geschlossen. Supermärkte sind noch geöffnet.

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    Von langen Schlangen oder Rangeleien um Klopapier hört man hier nichts. Das könnte daran liegen, dass viele Türken nicht erst seit Corona ihre wöchentlichen Einkäufe auf dem Handy bestellen. Fast jede Supermarktkette im Land hat eine eigene App, über die man Lebensmittel bestellen kann, sogar frisches Fleisch oder Tiefkühlprodukte. Bezahlt wird vorab per Kreditkarte, dann muss man an der Haustüre nur noch die Einkaufstüten vom Boten in Empfang nehmen.

    Apps für Einkäufe jeglicher Art

    Die Apps liefern längst nicht nur Lebensmittel. Ob eine einzelne Packung Schokolade, ein Paar Schuhe oder Atemschutzmaske: Manche liefern binnen weniger Stunden. Die Anbieter sind lange am Markt, gerade in Großstädten sind viele Menschen daran gewöhnt, regelmäßig diese Apps zu nutzen.

    Türken sind mit dem Internet vertraut. Einer Studie des staatlichen Statistikinstituts Tüik aus dem Jahr 2019 zufolge nutzen 73,3 Prozent der 16- bis 74-Jährigen Onlinedienste. Rechnet man die Werte hoch auf die Haushalte im Land, liegt der Wert bei 88,3 Prozent. Auch unter den alten Menschen zwischen 65 und 74 Jahren benutzt jeder Fünfte ohne fremde Hilfe das Internet.

    Ein Drittel der Befragten nutzt bereits Apps, um die wöchentlichen Lebensmitteleinkäufe zu erledigen. Die Hälfte der Befragten nutzt das Smartphone, um staatliche Dienstleistungen wie elektronische Rezepte, aber auch andere Behördendienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Für ein Schwellenland ein unglaublich hoher Wert.

    Das heißt: In rund neun von zehn Haushalten haben die Menschen Zugang zum Internet. Das gilt auch für Schulkinder. Noten per App bestellen geht zwar noch nicht, aber Pauken ist schon lange vor Corona ins Netz verlegt worden.

    Über das Onlineportal Eba („Eğitim Bilişim Ağı“, auf Deutsch „Bildungsinformationsnetzwerk“) können Schüler bereits seit Jahren Übungsaufgaben abrufen und auch Nachhilfe beantragen. Das System ist erprobt, weil es auch vor der Krise regelmäßig von Schülerinnen und Schülern genutzt worden ist.

    Digital von Unterricht bis Arztbesuch

    Am 23. März wurde offiziell der komplette Unterricht auf das Eba-Netzwerk geschaltet. Bildungsminister Ziya Selcuk leitete die erste Onlinestunde. Seitdem gibt es für jede Kommune Lehrerinnen und Lehrer, die im Fernsehen oder auf dem Laptop Formeln erklären, Fragen stellen und Hilfestellungen geben. Wer danach Übungsaufgaben oder Nachhilfe will, nutzt dasselbe Portal, wie es schon seit Jahren der Fall ist.

    Auch beim Arztbesuch läuft vieles längst online ab. Wer wichtige Dokumente benötigt wie zum Beispiel ein MRT vom vorletzten Jahr, der muss nicht im Wartezimmer des Radiologen warten und sich womöglich anstecken. In der App „e-nabiz“ (auf Deutsch: „e-Puls“) sind alle Untersuchungsergebnisse, Dokumente und Scans gespeichert.

    Alles, was man benötigt, ist ein Smartphone, die App und seine Ausweisnummer. Der behandelnde Arzt kann in seinem System sehen, dass ein solcher Account existiert, und alle Dokumente dort hochladen. Andere Ärzte können bei Bedarf und mit Zustimmung des Patienten auf diese Dateien zugreifen.

    „In Istanbul gilt eine Ausgangssperre für Menschen über 65 Jahre“

    Die türkischen Behörden haben mit Ausbruch der Coronakrise verfügt, dass chronisch kranke Patienten nicht mehr persönlich beim Arzt erscheinen müssen, um ihre Medikamente abzuholen. So sollen unnötige Kontakte vermieden werden. Da dies vor allem alte und kranke Menschen betrifft, werden vor allem Corona-Risikogruppen geschont.

    Und wer ein staatliches Krankenhaus besucht, muss nicht einmal persönlich das Rezept abholen. Über „e-recete“ („E-Rezept“) erhält man einen Code vom Arzt, den der Apotheker in seinen Computer eingibt – danach erscheint das Rezept auf dem Bildschirm, und der Pharmazeut kann die Medikamente aushändigen. Papierrezept abholen und mit den eigenen Händen an den Apotheker übergeben? Nicht nötig.

    Seit Jahren App-Nutzung – auch im Bankwesen

    In der Türkei scheint es, anders als teilweise in Deutschland, längst keine Berührungsängste mit dem Internet zu geben. Auch die Banken des Landes haben nicht lange gebraucht, um sich auf die neue Situation einzustellen. Klar, Onlinebanking per Handy ist auch in Europa nichts Neues.

    Doch in der Türkei sind die Menschen seit Jahren mit ihren Apps vertraut. Und über Apps und Bankautomaten kann man auch die eigene Wasserrechnung bezahlen. Studenten können darüber sogar ihre Guthabenkarten für die Mensa aufladen. Und viele Kreditkartenanbieter haben ihre Limits für kontaktloses Bezahlen auf 250 Lira erhöht, knapp 40 Euro. In der Türkei eine Menge Geld.

    Vor wenigen Tagen rief mich meine Buchhandlung an. Die beiden Bücher, die ich eine Woche zuvor bestellt hatte, seien angekommen. Die Buchhändlerin bot mir an, die Bestellung über eine App dafür zu veranlassen.

    Zum Entsetzen der Händlerin habe ich mich gegen das Angebot entschieden – auch wenn ich die App nutze. Ich habe Gesichtsmaske und Plastikhandschuhe angezogen und die Bücher persönlich abgeholt. Ich bin noch nicht so weit, alles online zu erledigen.

    Mehr: Ankara versucht, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen. Dazu zählt eine Strategie, die auf Beruhigung und Druck setzt – und Expertenmeinungen von außen nicht duldet.

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