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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Wie Unternehmen in Istanbul mit kostenlosen Jogger-Gruppen Geld verdienen

In Istanbul entstehen immer mehr Laufvereine. Die Gruppen sind professionell, und eine Teilnahme ist kostenlos. Doch dahinter steckt ein fragwürdiges Geschäftsmodell.
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Die Teilnahme an echten Rennen, wie etwa am Istanbuler Marathon Anfang November, wird zur Nebensache. Quelle: AFP
Istanbul Marathon

Die Teilnahme an echten Rennen, wie etwa am Istanbuler Marathon Anfang November, wird zur Nebensache.

(Foto: AFP)

Istanbul Waren Sie schon mal auf der Galatabrücke in Istanbul? Ein Blick über den Bosporus wie kaum ein zweiter, fast auf Höhe des Wasserpegels, dazu die Angler auf der Ostseite der Brücke, im Hintergrund der markante Galataturm und vor ihnen die Moscheen der Altstadthalbinsel sowie der historische Gewürzbasar. Istanbul-Feeling pur – und Techno-Musik.

Mehrmals in der Woche joggen morgens und abends Laufgruppen über die Brücke, mit bis zu 20 Personen. Diese tragen mehrere kabellose Lautsprecher, aus denen simultan Musik dröhnt, die motivieren soll. Auch ich war einmal Teil dieser Gruppen. Bis ich bemerkt habe, dass ich für einen internationalen Sportkonzern unterwegs war.

In Istanbul gibt es nicht viele Gelegenheiten zum Joggen. Die Stadt hat 16 Millionen Einwohner – manche sagen, noch mehr – und kaum grüne Flächen. Kleine Parks im Stadtzentrum sind oft so überfüllt, dass Besucher schon beim Spazieren kaum einen Fuß vor den anderen setzen können. Das Gleiche gilt bis in die späten Abendstunden für das Bosporus-Ufer. Istanbul ist die Stadt, die leider wirklich niemals schläft.

Wer joggen will, braucht daher ein hohes Frustpotenzial. Jogger, die ohne menschliche Hindernisse ein paar Kalorien verbrennen wollen, müssen von der Innenstadt rund eine Stunde bis in den im Norden gelegenen Wald fahren. Der aber wird spätestens um 20 Uhr geschlossen. Bis zum weniger bevölkerten Bosporus-Ufer im Norden oder am Marmarameer im Westen und Osten der Stadt geht es kaum schneller. Und wer ist schon gerne zwei Stunden unterwegs, um mal eben 45 Minuten die eigene Kondition zu verbessern?

Einmal bin ich morgens um 5.30 Uhr um die Istanbuler Altstadt gejoggt. Es war Sommer, die Sonne gerade aufgegangen und noch nicht zu heiß. Um die Altstadthalbinsel führt der Kennedy-Boulevard, eine tagsüber viel befahrene Hauptstraße mitsamt Gehweg am Bosporus-Ufer. Doch zu dieser Zeit war da niemand. Perfekt zum Laufen! Ich habe sogar ein Delfin-Pärchen beim morgendlichen Auftauchen beobachtet. (Wussten Sie, dass es im Bosporus jede Menge Delfine gibt?)

Doch auf dem Rückweg hatte mich ein kalbsgroßer Straßenhund derart angefallen, dass ich fast vor einen fahrenden Bus gestolpert wäre. Vermutlich war der Köter selbst überrascht, um diese Uhrzeit einen Menschen in seinem Revier zu sehen. Seitdem meide ich diese Route.

Die Stärke der Gruppe

Der Straßenverkehr gibt einem häufig noch den Rest. Zebrastreifen? Wer denkt, ein Autofahrer in Istanbul würde einem einzelnen joggenden Passanten das Vorrecht gewähren, der könnte sich schnell auf einer Motorhaube wiederfinden. Bei einer Gruppe von 20 Läufern sieht das anders aus.

Um sichtbarer zu werden – und vielleicht, um den Frust beim Laufen wenigstens teilen zu können –, sind daher in Istanbul viele Laufgruppen entstanden. Sie geben sich einprägsame Namen wie „Rundamental“ oder „RunUrban“: Mittwochabends Treffen am „Café Nero“ und dann fünf Kilometer am Bosporus-Ufer, sonntagmorgens um den Stausee im Belgrad-Wald und Montag früh, wie praktisch, ein „Morning Run“ in meinem Viertel.

Die Gruppen verstehen sich darauf, in einer Metropole in einem Schwellenland wenigstens das Gefühl zu vermitteln, dass man sich in all dem Chaos auch sportlich betätigen kann. Wir erobern unsere Stadt zurück. Im Laufschritt! Und auch noch kostenlos, die Organisatoren verlangen keine einzige Lira. Und sie sind gut organisiert: Instagram-Seite, Lautsprecherboxen und Dehnübungen, bevor es losgeht.

Als ich mit einer der Gruppen unterwegs war, habe ich mich deutlich sicherer gefühlt. Autos hielten am Zebrastreifen an, und nach dem Laufen konnte man sich über die verschiedensten Themen austauschen.

Irgendwann wird man gefragt, wieso man kein bestimmtes Laufshirt hat

Es geht aber nicht nur ums Laufen. Die Klubs werden gesponsert, von großen Firmen wie Nike oder Puma. Und wer regelmäßig mitlaufen will, der wird irgendwann gefragt, warum er oder sie eigentlich noch kein Laufshirt der jeweiligen Marke gekauft hat.

Es geht noch weiter. Einer der Klubs bietet einmal im Monat eine Yogastunde im Garten des Swissotels an. Umsonst, aber danach gehen alle an die Hotelbar – die ist natürlich nicht kostenlos. Ein anderer Lauftreff organisiert eine „Gym Session“ im Garten eines Konsulatsgrundstücks. Ebenfalls ohne Eintritt, aber vor dem Dehnen darf der Konsul ein paar werbende Worte an die Sportler verlieren.

Für die Konzerne und Organisationen ist das Konzept Gold wert. Anstatt viel Geld für Werbung oder Rabatte auszugeben, sponsern sie ein, zwei Läufer pro Stadt, die ihrerseits Laufgemeinden gründen. Mit Fotos und Videos setzen sich die Klubs in sozialen Medien in Szene.

Aus Läufern werden Stammkunden, schließlich sogar Werbefiguren. Ein Selbstläufer, für den die Sportmarken gar nicht viel tun müssen. Wenn diese Firmen den Klubmitgliedern dann auch noch kleine Mengenrabatte anbieten, wird eine perfekte Abhängigkeit geschaffen.

Und wenn man sich die Outfits der Mitglieder anschaut, könnte man meinen, dort laufen nur Marathon-Veteranen mit: Hochleistungsstrümpfe von Puma, Smartwatch von Garmin, portable Wasserversorgung und so weiter.

Die Teilnahme an echten Rennen, wie etwa am Istanbul Marathon Anfang November, wird zur Nebensache. Es geht darum, sichtbar zu sein – und Geld zu verdienen. Als ich neulich auf Instagram sah, dass manche meiner ehemaligen Lauffreunde einen Halbmarathon auf Bali gelaufen waren, war ich zunächst überrascht. Bis ich las, dass die Reise von Qatar Airways gesponsert worden war – Werbeeinblendungen auf jedem Instagram-Foto inklusive.

Am Ende noch ein Tipp: Als Alternative zur Galatabrücke bietet sich der Yildiz-Park am. Der ist auch nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, grün und ruhig – und im höher gelegenen Teil bietet sich ein atemberaubender Blick über den Bosporus. Unter der Woche abends und am Wochenende können Sie sehen, wie ich dort meine Runden drehe – in einer kleinen privaten Gruppe, ohne Werbebanner und Musik.

Mehr: Unser Korrespondent in Zürich berichtet, wie sich Irland und die Schweiz um die Knochen von James Joyce streiten.

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