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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Die Gewalt hat Südafrika fest im Griff

Südafrikas größtes Problem bleibt die Kriminalität. Mord und Überfälle sind an der Tagesordnung. Darunter leidet nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft.
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Gewalt und Überfälle versetzten die Bevölkerung in Südafrika regelmäßig in Angst. Quelle: AP
Brennender Lkw

Gewalt und Überfälle versetzten die Bevölkerung in Südafrika regelmäßig in Angst.

(Foto: AP)

KapstadtAls vergangene Woche in Südafrika die jüngste Kriminalstatistik veröffentlicht wurde, musste ich an unwillkürlich an Oscar Pistorius denken. Was wurde über diesen einen Fall nicht alles geschrieben – so viel, dass am Ende kaum mehr Platz für andere Berichte aus diesem Teil der Welt blieb.

Die Ironie: Am Ende erfuhren viele Leser gar nicht mehr, dass die nach einem langen Berufungsverfahren zunächst verhängte Strafe von sechs Jahren in allerletzter Instanz auf 13 Jahre und fünf Monaten erhöht wurde – mehr als doppelt so hoch wie das ursprüngliche Strafmaß.

Für die Richter im abschließenden Berufungsverfahren war der Fall jedenfalls klar gelagert: Anders als die Richterin im Hauptprozess erkannten sie eine deutlich kriminelle Absicht als Pistorius im Februar 2013 viermal auf die kleine Toilettenkabine schoss, hinter der sich seine damalige Freundin Reeva Steenkamp verschanzt hatte – davon wollte Pistorius nichts gewusst haben.

Der Werdegang des Sportlers vom international gefeierten Athleten zum Todesschützen und die jahrelange juristische Aufarbeitung des Falles gehören zu den größten Geschichten, über die ich in meinen 25 Berufsjahren aus Südafrika berichtet habe. Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, als ich im Radio zum ersten Mal von der Tat hörte – und mich kurz darauf für eine am gleichen Tag verfasste Reportage darauf festlegte, dass es wohl keine Verwechslung mit einem Einbrecher war, die Pistorius zur Schusswaffe greifen ließ. Es musste etwas anderes gewesen sein, etwa ein aus dem Ruder gelaufener Streit, wie es am Ende wohl auch der Fall war.

In den Medien am Kap wird über die Gewalt dieser Tage ohnehin nur noch dann geschrieben, wenn der Tatverlauf spektakulär oder die Betroffenen berühmt sind. Viele Südafrikaner sind gegenüber der Gewalt längst abgestumpft und wollen das erschreckende Ausmaß auch gar nicht wissen. Zumal sich die Wohlhabenderen unter ihnen, genau wie auch Touristen, zumeist in Sicherheitszonen aufhalten und kaum betroffen sind.

Ein Trost für den einfachen Südafrikaner ist das schon deshalb nicht, weil sich die Ärmeren keinen solchen Schutz leisten können. So liegen die 30 Polizeistationen, in denen die meisten Morde gemeldet werden, allesamt entweder in schwarzen Wohngebieten (Townships) oder urbanen Brennpunkten.

Kein Wunder, dass angesichts der zunehmenden Gleichgültigkeit in der Politik und bei der Polizei das zweithäufigste Mordmotiv nach der Bandenkriminalität erschreckenderweise Selbstjustiz ist. Viele Menschen in ärmeren Gebieten haben den Glauben an Hilfe durch den Staat verloren und nehmen das Gesetz selbst in die Hand.

Kriminelle sind gut vernetzt

Südafrika in fast jeder Verbrechenskategorie weltweit mit ganz vorne dabei – von Mord (rund 57 Fälle am Tag, fast 20.000 pro Jahr) über Raub und Autoentführungen bis hin zu Vergewaltigung, von denen am Tag 109 gemeldet werden.

Besonders stark sind im vergangenen Jahr allerdings die oft mit militärischer Präzision geplanten Überfälle auf Geldtransporter gestiegen – und zwar um über 50 Prozent auf 238. Ob sich die Lage hier weiter verschärft, werden die Südafrikaner frühestens im nächsten Jahr erfahren. Denn die Polizeiführung weigert sich aus Sorge um eine schlechte Presse noch immer, regelmäßig Statistiken über das Ausmaß der Gewalt am Kap zu veröffentlichen.

Besorgniserregend ist für die Begleiter von Geldtransportern, dass die Täter immer brutaler agieren. Bei einigen Überfällen blockieren inzwischen mehr als zwei Dutzend schwer bewaffneter Gangster ganze Autobahnabschnitte.

Dass die meisten Täter dennoch davonkommen, liegt neben dem maroden Untersuchungsapparat und den überforderten Gerichten vor allem an der oft korrupten Polizei. Sicherheitsexperten vermuten, dass viele Täter über ein ausgeklügeltes Netz an Informanten verfügen, gerade auch bei den Ordnungshütern selbst.

„Die Kriminellen wissen oft genau, wie lange es bei einem Überfall bis zum Eintreffen der Sicherheitskräfte dauert und verschwinden deshalb, wenn der Überfall nicht in fünf Minuten erfolgreich beendet ist. Ihre Informationen sind dabei derart präzise, dass sie oft sogar wissen, welcher Wachmann sich wehren und welcher keinen Widerstand leisten wird“, erzählt Johan Burger vom Institute for Security Studies in Pretoria. Burger befürchtet, dass es der Polizei angesichts dieser Umstände fast unmöglich sein wird, die hochgradig organisierten Gangs zu knacken.

Dabei wirkt die Kriminalität schon jetzt ungemein demoralisierend auf die Gesellschaft am Kap und ist einer der Hauptgründe für die Emigration und wirtschaftliche Misere. „Es gibt die falsche Vorstellung, dass ausländische Investoren und Touristen durch die Erwähnung der Kriminalität abgeschreckt würden“, schreibt der renommierte Kolumnist Barney Mthombothi mit Blick auf die jüngste Statistik.

Dabei sei es vielmehr die Unfähigkeit des Staates, die Kriminalität endlich mit der nötigen Entschlossenheit anzugehen, die Südafrikas Ruf im Ausland so ramponiert hätte. „Unsere allererste Priorität sollte deshalb die Bekämpfung der Kriminalität sein“, schreibt Mthombothi, „weil alles andere scheitern wird, solange wir dieses Problem nicht lösen. Denn ein sicheres Umfeld ist der erste und wichtigste Schritt beim Aufbau einer erfolgreichen, prosperierenden Gesellschaft.“

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