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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Die Gewalt in Kapstadt eskaliert

Südafrika ist für viele Menschen ein beliebtes Urlaubsziel. Doch unweit des touristischen Stadtzentrums zeigt sich das Kap von einer dunklen Seite.
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Die Gewalt spielt sich meistens in den Kapebenen ab.
Kapstadt

Die Gewalt spielt sich meistens in den Kapebenen ab.

Kapstadt Hausangestellte können in Südafrika bisweilen gute Seismografen für politische Veränderungen sein. Ein Beispiel dafür ist der Handwerker in meinem Wohnkomplex: Mir war bereits vor ein paar Monaten aufgefallen, dass der für gewöhnlich sehr gewissenhafte Mann immer öfter verspätet oder gar nicht zur Arbeit kam.

In seinem Wohnort Hanover Park, einem der schlimmsten sozialen Brennpunkte am Kap, bekriegten sich die dort ansässigen Gangs heftiger als sonst. „Schon der Gang zum Laden um die Ecke kann lebensgefährlich sein, genau wie die morgendliche Fahrt zur Arbeit im Bus oder Sammeltaxi“, sagt er. Selbst in den eigenen vier Wänden fühle er sich oft nicht mehr sicher, weil man dort jederzeit vom Querschläger einer wilden Schießerei getroffen werden könne.

Gewalt in den Kapebenen

Touristen sind von der aus dem Ruder gelaufenen Gewalt im Touristenmekka kaum betroffen, weil sich die Gewalt fast ausschließlich in den Cape Flats, also den Kapebenen, abspielt. Diese liegen eine gute halbe Stunde Fahrzeit vom Kapstädter Stadtzentrum entfernt nahe dem internationalen Flughafen.

Seit Jahresbeginn hat es in dieser Gegend rund 1.600 Morde gegeben, von denen 900 in direktem Zusammenhang mit dem Bandenwesen stehen. Erst Anfang Juli waren in dem Township Philippi East an nur einem Wochenende 55 unnatürliche Todesfälle registriert worden, darunter sechs junge Frauen zwischen 15 und 26, die von Gangstern förmlich hingerichtet wurden.

Der Grund: Die Frauen waren Augenzeugen der Ermordung zweier Männer durch die Destruction Boys gewesen, einer extrem gewalttätigen Gang in dem Gebiet. Tags darauf wurden ganz in der Nähe fünf junge Männer ermordet. „Wir haben wegen der stark eskalierten Bandengewalt eine tiefe Krise“, gesteht JP Smith, ein Veteran der Verbrechensbekämpfung, der im Kapstädter Stadtrat für Sicherheitsfragen zuständig ist.

Smith ist dennoch überzeugt, dass die Stadt ihr Bestes versuche, die Lage in den Griff zu kriegen. Obwohl die südafrikanische Küstenmetropole laut Statistik hinter einigen lateinamerikanischen Städten inzwischen unter den 20 gefährlichsten der Welt firmiert und sogar Johannesburg überholt hat, glaubt Smith, dass über viele, gerade afrikanische, Länder keine verlässlichen Daten vorlägen – und die Zahlen deshalb noch dramatischer wirken, als sie sind.

Dennoch: So hoch wie jetzt waren die Opferzahlen seit Jahren am Kap nicht mehr, vermutlich noch nie. Hatte die Regierung anfangs den Einsatz der Armee noch abgelehnt, sollen auf Anweisung von Polizeiminister Bheki Cele nun doch rund 1.000 Soldaten zur Unterstützung der überforderten Polizei auf den Kapebenen stationiert werden. Doch ob dieser Schritt wirklich hilft, darf nach den Erfahrungen der Vergangenheit und einem Blick auf die sozialen Umstände vor Ort bezweifelt werden.

Problembezirke verschlimmern die Situation

Hanover Park ist zum Beispiel eine dieser Siedlungen, die sich die Planer des Apartheidregimes vor 50 Jahren einfallen ließen, um die Bevölkerungsgruppe der Cape Coloureds aus ihren Wohnungen nahe des Stadtzentrums unterm Tafelberg zu vertreiben. Bei den Cape Coloureds handelt es sich um Menschen, deren Vorfahren sowohl der weißen als auch der schwarzen Bevölkerungsgruppe angehören.

Der Vorort wurde in den Sechzigerjahren in den sandigen Ebenen im Osten für Menschen gebaut, die als Bürger zweiter Klasse angesehen wurden – und genau so sieht es auch aus: Reihe um Reihe triste Wohnblocks. Es gibt kaum Spielplätze, kein Kino, selbst Bäume sind rar in dieser betonierten Einöde. Über 50 Prozent der Menschen sind arbeitslos, aber gedealt wird dennoch an fast jeder Ecke, zumeist mit Tik, einer synthetischen Droge auf Basis von Amphetaminen.

Tik verbrennt den einen das Gehirn und füllt den anderen die Taschen. Kleinste Veränderungen in diesem fein austarierten System führen zum Aufkommen neuer Gangs und damit verbunden zu erbitterten Kämpfen um Territorien, Kunden und Profite, was neue Gewalt schürt.

Eine solche Störung von außen war etwa das plötzliche Aufkommen von Heroin, das seit einiger Zeit vermehrt durch Südafrika geschleust wird. Durch die leichte Verfügbarkeit stieg der Gebrauch am Kap markant an – mit verheerenden Folgen.

Historisch verwurzelte Bandenkriminalität

In wenig anderen Städten auf der Welt sind die Gangs zudem historisch so tief verwurzelt wie in Kapstadt. Zwar gab es hier schon vor den Zwangsumsiedlungen in den späten 1960er-Jahren Straßenbanden, doch wurden diese erst über die vergangenen fünf Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens, auch und gerade weil sie den vielen Jugendlichen aus zerrütteten Familien und ohne berufliche Perspektive ein Gefühl der Zugehörigkeit geben.

Heute zählen die mehr als 130 Gangs auf den Kapebenen über 100.000 Mitglieder und gehen immer raffinierter und kommerzieller vor, wobei die größten Straßengangs wie die Mongrols oder Americans oft nur als Fassade für mafiaähnliche Unternehmungen dienen, die nicht selten enge Verbindungen zur Polizei, aber auch in die Politik haben.

Zwar sind die Gangs und der hohe Drogenkonsum nicht der einzige Grund für die hohe Mordrate am Kap. Allerdings sind sie nach Ansicht von Mark Shaw, einem bekannten Kriminologen, für einen erheblichen Teil der jüngsten Zunahme verantwortlich.

Seit 2011 ist die Mordrate in allen von Gangs kontrollierten Gebieten um Kapstadt nach Zahlen von Anine Kriegler von der Universität Kapstadt fortwährend gestiegen, genau wie die Mordrate der Stadt insgesamt – vom Erhebungszeitraum 2009/2010 stieg sie von 43 auf 69 Morde im Jahr 2017/2018 pro 100.000 Einwohner. Bezeichnenderweise wurde dabei im vergangenen Jahr der größte Anstieg verzeichnet seit den Vergleichsdaten aus dem Jahr 2005/2006.

Waffenverfügbarkeit angestiegen

Neben dem hohen Drogenmissbrauch scheint der Anstieg der Gewalt zudem in einem engen Verhältnis zu der immer größeren Verfügbarkeit von Waffen zu stehen, wobei diese skandalöserweise ganz überwiegend aus korrupten Polizeikreisen stammen.

2016 bekannte sich zum Beispiel ein früherer Polizeioberst des Verkaufs von 2.400 Pistolen an Waffenhändler für schuldig, die diese wiederum an Gangster weiterverkauften. Kapstädter Detektive haben inzwischen mehr als 1.000 Morde und fast 1.500 Mordversuche auf den Cape Flats auf ebendiese Waffen zurückverfolgen können.

Mehr als die Hälfte von ihnen befindet sich vermutlich noch im Umlauf. Eine Folge der Waffenschwemme ist dabei die Fragmentierung der Gang, weil bislang schwächere Banden den etablierten Gangs plötzlich Paroli bieten können.

Dass die Profite aus dem illegalen Drogenhandel offenbar ohne größere Probleme in die weit verbreitete Schattenwirtschaft fließen können, liegt daran, dass die Strafverfolgung bekannter Krimineller durch die Sicherheitskräfte stark nachgelassen hat: Nach Jahren des politischen Missbrauchs und der politischen Lähmung unter dem korrupten Staatschef Jacob Zuma und seiner Machtclique sind große Teile der Polizei und der Strafverfolgung am Kap kollabiert. Und für den Neuaufbau fehlt das Geld.

Korrupte Polizei

Wie korrupt die Polizei am Kap inzwischen ist, wird auch daran deutlich, dass seit 20 Jahren jeder südafrikanische Polizeichef der Korruption beziehungsweise des anderweitigen Amtsmissbrauchs angeklagt worden ist. Erst vor einem Jahr wurde der frühere Polizeichef des Westkaps, also der Region, in der Kapstadt mit Hanover Park liegt, wegen Korruption zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Weiter unten in der Hierarchie arbeiten viele Polizisten für die Banden – und lassen dabei zum Beispiel Gerichtsakten verschwinden oder geben den Gangstern Vorwarnungen bei Razzien. Kein Wunder, dass die Verurteilungsrate bei Gangmorden bei nur zwei Prozent liegt – und somit kaum Abschreckung bietet. Ob nun ausgerechnet die nicht eben für ihre Effizienz bekannte Armee Abhilfe schaffen kann, wird von Experten wie Shaw bezweifelt.

Am Wochenende suchte man trotz der vollmundigen Ankündigung des Polizeiministers noch vergeblich nach Soldaten auf den Straßen der Cape Flats. Wie es hieß, sollen diese nun erst einmal in Orientierungskursen auf ihre neue Rolle vorbereitet werden.

Mehr: Es gibt viele Gründe, Südafrika zu mögen. Einer davon ist ein Überbleibsel aus besseren Tagen: Tankstellen mit komplettem Service durch freundliche Tankwarte.

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