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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Korruption, Schlaglöcher, Wassermangel: Südafrikas ländlicher Raum verfällt

Einst wohlhabende Gegenenden der Regenbogennation verkommen immer mehr. Schuld daran ist die Vernachlässigung der Menschen durch den Staat.
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Der ländliche Raum in Südafrika verkommt immer mehr. Quelle: dpa
Abgestorbene Bäume in Südafrika

Der ländliche Raum in Südafrika verkommt immer mehr.

(Foto: dpa)

Kapstadt Wer nach langer Autofahrt aus Kapstadt oder Johannesburg in Grahamstown eintrifft, atmet oft erst einmal erleichtert auf. Allerdings hat dies weniger mit dem hübschen, ruhigen Kleinstadt-Flair des Ortes zu tun als mit den vielen Ausweichmanövern, zu denen man zuvor auf der Fahrt mit den von Schlaglöchern übersäten Straßen gezwungen ist. Nicht selten handelt es sich um lebensgefährliche Situationen.

Der mittlerweile in Makhanda umbenannte Ort im Herzen der südafrikanischen Provinz Ostkap ist eine von Kirchen, Kneipen und schlechten Straßen geprägte Universitätsstadt, die vor rund 200 Jahren von britischen Siedlern gegründet wurde. In der einstigen Perle der Provinz wurde vor über 100 Jahren die Freiheitsikone Nelson Mandela geboren.

Doch all das ist längst Geschichte. Wer sich in Grahamstown dieser Tage morgens die Zähne putzen oder einen Kaffee machen will, muss oft im Halbschlaf nach draußen gehen, um sich aus einer Zisterne Wasser zu holen, weil die öffentlichen Pumpen kaputt sind oder gestohlen wurden – und die Wasserversorgung weitestgehend kollabiert ist. 

Dass das alljährliche Arts Festival Ende Juni, zu dem über elf Tage rund 200.000 Menschen kommen, ohne größere Probleme ablief, grenzte fast an ein Wunder. Und erklärt sich vor allem daraus, dass die Geschäftswelt den staatlichen Stromversorger Eskom in letzter Minute gerichtlich daran hindern konnte, dem Ort wegen der auf fast 50 Millionen Rand angestiegenen Stromschulden die Elektrizität abzudrehen.

Aber der Niedergang ist unübersehbar: Überall wimmelt es inzwischen von Schlaglöchern, selbst in der High Street, der Hauptgeschäftsstraße der Stadt. Kurz vor dem Festival haben hier couragierte Bürger die Löcher kurzerhand notdürftig in Eigeninitiative gestopft. Denn öffentliche Dienstleistungen sind inzwischen quasi nicht mehr existent. Und Grahamstown ist nicht einmal die am schlimmsten heruntergewirtschaftete Gemeinde des Landes.

Weniger als jede zehnte südafrikanische Gemeinde hat eine gesunde Finanzlage

Aber es ist ein besonders gutes Anschauungsbeispiel für die fast völlige Vernachlässigung der Menschen am Kap durch den Staat. In einem alljährlichen Überblick im vergangenen Monat zeichnet sich ein düsteres Bild der Lage aus Inkompetenz, Plünderungen und fehlender Verantwortung durch die staatlichen Stellen vor Ort ab.

Von den 257 Gemeinden Südafrikas wurde nur 18 (also weniger als zehn Prozent) eine gesunde Finanzlage bescheinigt. Nicht einmal 20 Prozent der Gemeinden waren in der Lage, einen halbwegs verständlichen Gesamtüberblick der eigenen Situation zu geben.

In zwei Dritteln der Gemeinden kümmerten sich die Beamten schon überhaupt nicht mehr darum, den zahllosen Korruptionsvorwürfen nachzugehen. In einem Ort in Südafrikas Zentralprovinz Freistaat pumpte eine Gemeinde 22 Millionen Rand (1,5 Millionen Euro) in einen Sportkomplex - und bekam dafür einen Zaun.

Vor allem die vielen unscheinbaren Orte des Landes tragen zum düsteren Gesamtbild bei. Grahamstown steht medial nur deshalb im Fokus, weil an seiner Journalistenschule viele der heute bekanntesten Journalisten Südafrikas studiert haben, die nun mit Entsetzen den Verfall dokumentieren.

Heute weht in Grahamstown nur noch der Geist der alten Tage durch die noch immer kolonial geprägten Straßenzüge, vorbei an historischen Fassaden, die wie verwitterte Zeugen vergangenen Wohlstands wirken. Zugehängte Schaufenster künden von Leerstand. Die vielen Kirchen modern vor sich hin. Neben dem berühmten St. Andrews College kündet nur noch die lokale Rhodes-University von besseren Tagen.

„Überall zerfällt in Südafrika der immer stärker vernachlässigte ländliche Raum, in dem nur der klarkommt, der autark lebt“, klagt Tony Lankester, ein früherer Radiomoderator, der vor 25 Jahren an der lokalen Universität studiert hat und vor ein paar Jahren wieder zurückkam.

Das Dorfleben stirbt jedes Jahr

Doch statt sich aktiv dagegen zu wehren, löst das Desaster auf dem Land bei den (oft demoralisierten) Bewohnern zumeist nicht viel mehr als ein Schulterzucken aus. „Immer mehr Menschen ziehen weg. Der Arzt stirbt. Die Schule und die Bankfiliale schließen, auch die Bar macht dicht. Und die Steuern steigen – für die jedenfalls, die noch Steuern zahlen“, schreibt Peter Pauls voller Bedauern, der in den späten Neunzigerjahren als Auslandskorrespondent aus Südafrika berichtete – und seitdem regelmäßig auf Erkundungstour durch das Land fährt.

Er mag die Dörfer auf dem Land, wie er anschaulich schreibt, die kleinen Geschäfte, die skurrilen Restaurants und die Stände, an denen Farmerfrauen Selbstgemachtes anbieten. Doch mit jedem Jahr, so sein Resümee, sterbe das Dorfleben schneller.

Vielleicht könnte sich an dem Verfall noch etwas ändern, wenn die zuständigen Staatsdiener persönlich für die niederschmetternden Berichte zur Verantwortung gezogen werden. Oder Gefängnisstrafen drohen würden, wenn sogenannte „City Manager“ die Betrügereien einfach ignorieren.

Aber die Aussichten darauf stehen schlecht. „Vor über 20 Jahren fasste der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) den Beschluss, Südafrikas Staatsdienst zu politisieren“ schreibt Terrence Corrigan vom Institute of Race Relation in Johannesburg in einer Analyse des Verfalls.

Gegen den Geist der Verfassung seien seitdem völlig inkompetente Parteimitglieder gezielt und in großem Maße in staatliche Institutionen geschleust worden. Und es sei mehr als alles andere diese zutiefst undemokratische Praxis gewesen, die zur Unterwanderung des Staates und zum Niedergang Südafrikas über die letzten 20 Jahre geführt habe.

Mehr: Haut, Knochen und Zungen von Albinos sind in Malawi heiß begehrt – sie werden deshalb oft getötet. Auch Politiker stehen im Verdacht, den grausamen Aberglauben zu unterstützen.

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