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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Was Albino-Morde mit Wahlen in Malawi zu tun haben

Haut, Knochen und Zungen von Albinos sind in Malawi heiß begehrt – sie werden deshalb oft getötet. Auch Politiker stehen im Verdacht, den grausamen Aberglauben zu unterstützen.
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Menschen, die unter Albinismus leiden, wie der Mann rechts auf dem Bild, haben es in dem Land schwer. Quelle: AFP
Wahlveranstaltung in Malawi

Menschen, die unter Albinismus leiden, wie der Mann rechts auf dem Bild, haben es in dem Land schwer.

(Foto: AFP)

Malawi wird oft „das warme Herz von Afrika“ genannt. Die Bewohner des kleinen Binnenstaats, eingezwängt zwischen Sambia und Tansania, gelten als freundlich und lebensfroh. Doch das Land hat auch eine dunkle Seite: Nirgendwo anders werden Albinos, also Menschen, die wegen eines genetischen Defekts mit einer weißen Hautfarbe und extrem lichtempfindlichen Augen auf die Welt kommen, ähnlich stark diskriminiert wie hier.

Das äußert sich im Alltag: So kommen beispielsweise Albinos in der Schule oft nicht mit, weil sie nicht erkennen können, was vorn an der Tafel steht. Doch die Andersartigkeit bereitet ihnen noch weitaus größere Probleme. Denn oft werden diese Menschen getötet. Die Taten sind barbarisch: Vielen Opfern werden Gliedmaßen abgeschlagen oder die Organe aus dem Körper gerissen.

Der Grund dafür ist der Glaube an Zauberei. Nicht wenige Malawier sind davon überzeugt, dass ein starker Zauberer ihnen großen Reichtum bescheren kann, sofern dieser Zauber mit den Knochen eines Albinos ausgeführt wird, mit ihren Ohren, ihren Geschlechtsteilen oder ihren Zungen.

Begehrte Knochen und Haut

Kunden der makabren Hexengerichte sind oft Goldgräber, die gemahlene Albino-Knochen in der Hoffnung auf die Entdeckung einer Goldader in ihre Schächte werfen. Oder es sind die Fischer am Malawisee, die Albino-Haut an ihre Boote nageln, damit ihnen anschließend mehr Fische ins Netz gehen.

Für Malawi, das eigentlich als friedlich gilt, ist diese Form der Gewalt etwas Neues. Lange Zeit war sein unmittelbarer Nachbar Tansania für schreckliche Übergriffe auf Albinos bekannt. Doch die dortige Regierung hat in den vergangenen Jahren auf die hohe Zahl an Morden reagiert und harte Strafen gegen „Albino-Jäger“ und diejenigen verhängt, die mit Körperteilen handeln. Auch wurden illegalen Wunderheilern fast überall die Lizenzen entzogen. In Malawi ist dies bislang versäumt worden.

Dabei ist der Glaube an die heilende Kraft von Albino-Gliedmaßen hier ebenso tief verwurzelt: Medizinmänner offerieren zum Beispiel Tinkturen mit Albino-Blut, um Rivalen zu eliminieren. Auch anderswo auf dem Kontinent erhoffen sich viele Menschen durch sogenanntes „Muti“ (Medizin) Heilung von Krankheiten, die von Hautausschlägen und Potenzstörungen bis hin zu Aids reichen. Viele glauben, dass die jeweilige Krankheit aus einem Mangel an Respekt gegenüber den eigenen Vorfahren herrührt, die deshalb keine Heilkraft spenden.

Ähnliche mystische Vorstellungen gibt es natürlich auch jenseits von Afrika. Doch in Malawi sind die Folgen des Aberglaubens extremer, zumal eine besondere Form des Zaubers hier auch nach Menschenopfern verlangt. Morde sind deshalb keine Ausnahme. Dennoch werden die rund 10.000 Albinos in Malawi bislang kaum stärker geschützt und viele Verbrechen völlig unzureichend untersucht.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass in vielen Fällen offenbar enge Verwandte verwickelt sind. Gesellschaftlich sind Albinos nämlich geächtet, weil vielerorts der Glaube vorherrscht, sie seien Geister. „Viele Eltern und Verwandte wollen kein Kind mit Albinismus – und sind Geldangeboten für solche Kinder nicht abgeneigt“, sagt Bonface Massah, der Vorsitzende der Gesellschaft für Albinismus in Malawi.

Auch Politiker stehen im Verdacht, Albino-Magie zu nutzen

Oft sind es auch weder Armut noch ein Mangel an Bildung, die mit dem Aberglauben einhergehen „In Malawi gibt es auch Menschen mit einem Doktortitel, die regelmäßig Medizinmänner besuchen“, sagt Lazarus Chakwera, der bei den Wahlen in dem Land vor drei Wochen nur knapp vom bisherigen Amtsinhaber Peter Mutharika geschlagen wurde. Auch Politiker stehen im Verdacht, die Dienste der Wunderheiler in Anspruch zu nehmen – und ihre blutigen Praktiken zu decken.

So haben sich die drei aussichtsreichsten Kandidaten in Malawi vor der Wahl gegenseitig der Tötung von Albinos bezichtigt. Obwohl die Beweislage schwierig bleibt, ist die Zahl der Morde an Albinos in den Monaten vor der Wahl Ende Mai jedenfalls spürbar gestiegen. Dies könnte nach Ansicht von Beobachtern wie Massah an dem engen Wahlausgang gelegen haben, der die Verlockung groß werden ließ, auf schwarze Magie zurückzugreifen.

Im Westen werden Muti-Rituale ebenso wie die Morde an Albinos häufig ignoriert, weil derartige Praktiken vielen dort vollkommen fremd sind. Auch Journalisten befürchten bisweilen, durch eine Darstellung des Aberglaubens ein abschätziges Bild von Afrikanern zu geben, und meiden das Thema.

Immerhin hat die Mordserie vor den Wahlen im Mai die Regierung Malawis inzwischen etwas aufgeschreckt, schon weil das Ausmaß der Verbrechen das Image des Landes als „warmes Herz von Afrika“ zu beschädigen droht. Präsident Mutharika erklärte kürzlich, er schäme sich für die Anschläge. Auch wurde erstmals der Mörder eines Albino-Teenagers zum Tode verurteilt.

Dennoch dürften die mehrheitlich noch immer leichten Strafen etwa für den Besitz menschlicher Knochen kaum für die nötige Abschreckung sorgen. Wirklich sicher werden Albinos erst dann sein, wenn der Glaube an ihre magischen Kräfte schwindet. Doch dies dürfte, so fürchtet Albino-Aktivist Bonface Massah, schon wegen der tiefen Verankerung des Aberglaubens in Afrika wohl noch lange dauern.

Mehr: Die große Weltpolitik dominiert die Berichterstattung. Dabei prägen viele kleine Themen ein Land und helfen, es zu verstehen. Unsere Korrespondenten greifen diese Geschichten auf – und bringen uns so „ihr“ Land näher.

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