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Frankreich Paris nimmt Abschied vom Elektro-Trabbi

Die Carsharing-Firma Autolib hat mit ihren Elektro-Flitzern das Pariser Stadtbild geprägt. Jetzt sollen die beliebten Autos wieder verschwinden.
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Die Elektroautos der Carsharing-Firma Autolib des Milliardärs Vincent Bolloré prägten jahrelang das Pariser Stadtbild. Sie waren beliebt, aber kommerziell nicht erfolgreich genug. Quelle: AFP
Elektrofahrzeug von Autolib

Die Elektroautos der Carsharing-Firma Autolib des Milliardärs Vincent Bolloré prägten jahrelang das Pariser Stadtbild. Sie waren beliebt, aber kommerziell nicht erfolgreich genug.

(Foto: AFP)

ParisEine Kuriosität verlässt Paris, die in wenigen Jahren zu einem prägenden Teil des Stadtbildes geworden ist: die silbergrauen Elektroflitzer von Autolib. 2011 gestartet, stellt die Carsharing-Firma Autolib den Betrieb Ende Juli ein. Die „Bluecar“ genannten lautlosen Gefährte waren ein Publikumsschlager, doch der kommerzielle Erfolg blieb aus. 

Die DDR ist zusammengebrochen, bevor Stromer aufkamen. Hätte sie einen E-Trabant gebaut, sähe der wohl aus wie ein Bluecar. Das Fahrzeug aus dem Haus des Milliardärs Vincent Bolloré (Vivendi) wurde von der italienischen Design-Firma Pininfarina entworfen. Die stellte ihre schönsten Modelle wie den Ferrari Dino in den 60er und 70er-Jahren vor.

Einige stilistische Elemente wie das geschwungene Heckfenster des Bluecars erinnern auch tatsächlich an Pininfarina. Doch insgesamt wirkt das Auto so, als hätte man den ursprünglichen Entwurf um das Doppelte in die Höhe gezogen, ohne die übrigen Dimensionen zu verändern. Heraus kommt eine etwas verzerrte Optik.

Das Innenleben erinnert an die DDR-Werbung für „Plaste und Elaste aus Schkopau“: Sitze mit einem Kunststoffbezug, der schon beim bloßen Anblick den Schweiß treibt. Auch die sonstigen Materialien erwecken nicht den Eindruck, dass der Hersteller viel von gefühlter Qualität hält. Alles ist in dezent-tristem Grau gehalten.

Trotzdem habe ich mich sofort mit Autolib angefreundet. Die Wägelchen beschleunigen erstaunlich gut, beim Ampelstart zieht man den meisten Konkurrenten davon, und das gehörschonend mit einem bloßen Schnurren des Elektromotors. Die Batterie hält so lange, dass ich einmal bei scheußlichstem Winterwetter mit Heizung, angeschaltetem Licht und ständig aktiven Scheibenwischern von Paris nach Versailles und zurück kam, ohne dass der Ladezustand auch nur annähernd kritisch wurde.

Für den äußerst robusten Pariser Fahrstil sind die Karossen wie geschaffen, nicht nur wegen der Beschleunigungswerte. Die aggressiven Pariser Fahrer in ihren riesigen, blankgeputzten SUVs nehmen auf niemanden Rücksicht. Fußgänger, Radfahrer und andere ungepanzerte Wesen scheuchen sie wie Insekten vor sich her.

Doch vor einem Bluecar haben sie gehörigen Respekt. Denn der Fahrer eines Bluecars hat nichts zu verlieren. Viele der Gefährte sind völlig zerkratzt und verbeult. Die verzogenen Türen lassen sich oft nur mit roher Gewalt schließen. Einmal hatte ich ein Exemplar, dessen Plastikfront fast über die Straße schleifte. Diese Mobile erinnern mehr an Mad Max als an Champs Elysées. Wie ein Kamikaze kann man sich damit in einen der gefürchteten Pariser Kreisverkehre stürzen.

Und die 1.400 Stationen im Großraum der Hauptstadt gaben einem eine sehr gute Chance auf einen Parkplatz. Während die Diesel- und Benzingefährte noch fluchend nach einer Lücke suchen, steige ich locker aus meinem Bluecar aus und ziehe meines Weges. 

Ich werde den Stromer vermissen. Auch wenn unsere Liebesbeziehung manche Belastung aushalten musste: die verdreckten Innenräume, die zeitraubende Suche nach dem gut versteckten Hebelchen zum Öffnen der Heckklappe aus Glas, die stille Wut, wenn man mit vier vollen Einkaufstüten an einer Station steht, an der wieder mal kein Auto verfügbar ist.

Oder, schlimmer noch, wenn die getätigte Reservierung just in der Sekunde abläuft, in der ein anderer Abonnent seine Karte über das Lesegerät zieht und breit grinsend in dem Bluecar Platz nimmt, dessen man sich schon sicher war. Beliebt war auch die Situation, in der ein Anruf von der Zentrale kam, man habe das Auto an der falschen Ladesäule angeschlossen, die Zeit laufe deshalb weiter.

Kaum zu glauben, wie viel Emotionen ein kalter Elektroflitzer auslösen kann. Am 31. Juli ist Schluss damit. Die Stadtverwaltung und Autolib haben sich nicht einigen können, wie das aufgelaufene Defizit verteilt werden soll. Daraufhin hat die Mairie die Lizenz entzogen.

Schon machen sich die ersten Spritfresser-Limousinen auf den Bluecar-Stellplätzen breit. Mit laufendem Motor warten die Chauffeure auf ihre Fahrgäste, verpesten die ohnehin schon belastete Luft ein wenig mehr, nur damit der Innenraum schön gekühlt ist.

Es ist ein Sieg der stinkenden – wir reden von Abgasen – Oberklasse über die umweltschonende, elektrische Unterschicht. Ist das der Tod der Elektromobilität in Paris? Man kann nur hoffen, dass es ein Anschlussprojekt geben wird.    

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