Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte In Paris gibt es jetzt ein Museum für Wirtschaft

Die Banque de France hat in Paris ein Museum für Wirtschaft eröffnet: Im Hôtel Gaillard kann man über Wirtschaftskrisen grübeln oder um Klimaziele feilschen.
Kommentieren
Francois Villeroy de Galhau, Chef der französischen Nationalbank, vor dem Citeco (city of economy), dem neuen Museum für Wirtschaft. Quelle: AFP
Francois Villeroy de Galhau

Francois Villeroy de Galhau, Chef der französischen Nationalbank, vor dem Citeco (city of economy), dem neuen Museum für Wirtschaft.

(Foto: AFP)

Paris Ein Fluss von Gold und Münzen begrüßt die Besucher, projiziert auf die Prunktreppe des „Hôtel Gaillard“ im Zentrum von Paris. Das Hologramm sagt besser als viele Worte, um was es geht: um Geldwirtschaft, um Vermögen, deren Entstehung und Vernichtung. Der erfolgreiche Bankier Émile Gaillard ließ sich zwischen 1878 und 1884 ein Stadtpalais im Neo-Renaissancestil bauen, um seine umfangreiche Sammlung mittelalterlicher und Renaissance-Kunst in angemessenem Rahmen zur Schau stellen zu können. Die Banque de France hat hier vor wenigen Tagen auf drei Stockwerken ein Museum für Ökonomie eröffnet, das zweite erst, das es auf der Welt gibt.

Das erste steht in Mexiko Stadt, ist sehr beliebt und hat den früheren Gouverneur der Banque de France Christian Noyer inspiriert, in Paris etwas Ähnliches zu versuchen. Sein Nachfolger François Villeroy de Galhau sagt, sein Institut wolle „Wirtschaft zugänglich und verständlich machen.“

Das ist ihm gelungen. Auf drei Etagen sollen vor allem Jugendliche mit den Grundlagen der ökonomischen Theorien vertraut gemacht werden, auf populäre Weise. Von vielen Franzosen hört man immer wieder, ihre Landsleute seien ökonomische Analphabeten. Den Eindruck hat überhaupt nicht, wer die Ausstellung besucht.

Sie ist anschaulich, ohne simpel zu werden. Originell ist beispielsweise ein Gerät, das einem Sicherheits-Scanner am Flughafen nachempfunden ist. Die Besucher können verschiedene Objekte durchschieben, wie etwa ein Flugzeugmodell, auf einem Bildschirm taucht die Zusammensetzung der Güter und die Herkunft der Einzelteile auf: Globalisierung anschaulich gemacht. „Wir geben nur die Information, anschließend kann der Besucher überlegen, wie er sich dazu positioniert“, sagt einer der Gestalter der permanenten Ausstellung.

Grundkonzepte wie Arbeitsteilung werden anhand von konkreten Objekten wie einem Toaster erläutert. „Wäre es besser, alles selber zu machen?“ lautet die einführende Frage dazu. Nicht nur Originalmünzen, auch Plastiken und Statuen von Künstlern geben der Dauerausstellung die Ausstrahlung von Wertigkeit. Fast alles ist auf Französisch, Englisch und Spanisch erläutert, die Bank hofft auf breiten Besuch auch aus dem Ausland. 

Realitätsnahe Spiele

In einem abgetrennten Raum können bis zu zehn Spieler nachempfinden, wie kompliziert es ist, Wirtschafts- und Umweltpolitik unter den Bedingungen weltweit verbundener Märkte zu gestalten. Sie spielen internationale Klimaverhandlungen nach. Jeder Teilnehmer übernimmt ein Land.

Ziel ist es, die eigenen Interessen zu vertreten, aber auch zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Die Bank hat die unterliegende Software nach den echten Pariser Klimaverhandlungen programmieren lassen. Sie bietet an, für den Besuch von Schulklassen ein Programm maßzuschneidern. Wer das Klimaspiel auskosten will, muss ein paar Stunden Zeit mitbringen.

Im früheren Tresor der Banque de France  – drei Meter unter dem Niveau des ursprünglichen Innenhofs, von zwei Meter dicken Betonwänden und einem unterirdischen Wassergraben umgeben – werden Filme, Goldmünzen und Scheine aus Dutzenden von Ländern gezeigt: Geldtheorie zum Anfassen. Man versucht, auch die Leute anzusprechen, die sich per se nicht für Wirtschaft interessieren. Am Eingang zum Tresor geschieht das durch die Projektion eines bekannten Chaplin-Films, der sich um einen Bankeinbruch dreht.

Die Bank erweckt nicht den Anschein, dass es nur eine einzige allgemeingültige Wirtschaftstheorie gebe. Französische und internationale Ökonomen sind in kurzen Statements zu sehen, die prägnant und von unterschiedlichen Standpunkten aus an Fragestellungen wie Ungleichheit und Vermögensverteilung herangehen.

Etwas hemdsärmelig wird die Pädagogik nur an einer Stelle, wenn versucht wird, eine schwere Finanzkrise zu versinnbildlichen. Die Besucher bekommen die Aufgabe, Platten mit zahlreichen Dominosteinen passend zusammenzufügen. Dann bricht die Krise los, ein Stein reißt den nächsten mit – bis ein fester weißer Stein die Kettenreaktion stoppt. „Das ist die Regulierung, die zum Ende der Krise führt“, sagt ein Museumspädagoge bedeutungsschwer.  

Citeco, wie die Nationalbank ihr neues Museum nennt, kann man nicht nur als Museum für Ökonomie besuchen. Mindestens genauso attraktiv ist das Gebäude selbst, denn es ist weitgehend so erhalten, wie Gaillard es seiner Familie hinterlassen hat. Der Bankier war äußerst kunstbeflissen, begabter Chopin-Schüler, und durchstreifte ähnlich wie Wilhelm von Bode Europa auf der Suche nach Kunstschätzen. Gaillard kaufte eine gotische Holz-Wandverkleidung, Kaminaufsätze, Wandteppiche, Türstürze, Friese, Möbel und Bilder in verschiedenen Ländern. In jedem Raum wird die ursprüngliche Funktion und Dekoration erklärt.

Märchenhafte Schätze

Fast alle Möbel verkaufte Gaillards Witwe, die das Palais nicht mehr unterhalten konnte. Sie finden sich heute in einem umgebauten Kloster der Rothschilds in der Nähe von Rambouillet. Das Hôtel Gaillard erwarb die Banque de France 1919 zum Schnäppchenpreis von zwei Millionen Francs – ein Fünftel der geschätzten Baukosten. Sie ließ es von ihrem Hausarchitekten Alphonse Defrasse umbauen, der auch den berühmten unterirdischen Speicher für die Goldvorräte der Banque de France an deren Hauptsitz in der Nähe des Palais Royal anlegte.

Der ist leider nicht zu besichtigen. Aber wenn man durch die fast einen Meter dicke Tresortüre im Hôtel Gaillard schreitet, kann man von den Schätzen träumen, die hier lagerten, als das Gebäude noch der Bargeldversorgung und der sicheren Unterbringung von Wertgegenständen vermögender Kunden diente. Wenn man das Palais über die mächtige Prunktreppe verlässt, beschleichen einen Neidgefühle: Franzosen verstehen nicht nur etwas von Ökonomie, sie haben es auch drauf, private in öffentliche Güter zu verwandeln und dadurch ihre Hauptstadt um immer neue Attraktionen zu bereichern.

Mehr: Arbeiten in Frankreich - warum die 35-Stunden-Woche längst nicht für alle gilt

Startseite

Mehr zu: Weltgeschichte - In Paris gibt es jetzt ein Museum für Wirtschaft

0 Kommentare zu "Weltgeschichte: In Paris gibt es jetzt ein Museum für Wirtschaft"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote