Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum die Franzosen wieder miteinander reden

Frankreich nach Gewalt und Gelbwesten: Plötzlich diskutiert das ganze Land wieder über Politik – von Energiewende bis zur Daseinsvorsorge. Daraus könnte etwas entstehen.
Kommentieren
Frankreichs Präsident bei einem Selfie mit Jugendlichen aus Anlass der großen nationalen Debatte. Quelle: Reuters
Emmanuel Macron

Frankreichs Präsident bei einem Selfie mit Jugendlichen aus Anlass der großen nationalen Debatte.

(Foto: Reuters)

ParisFrankreich erlebt einen faszinierenden Moment mit der „großen nationalen Debatte“, die Präsident Emmanuel Macron begonnen hat. Sie dreht sich um die Themen Steuern und Kaufkraft, Energiewende, staatliche Daseinsvorsorge und Staatsaufbau/Bürgerbeteiligung.

Von der Opposition, einigen Medien und vielen Gelbwesten wird sie als Ablenkungsmanöver geschmäht. Doch die in ganz Frankreich auf kommunaler Ebene stattfindende Debatte trifft offenbar einen Nerv der Franzosen. Zwei Drittel von ihnen sagen, sie hielten das für eine gute Idee, Zigtausende beteiligen sich schon.

Von Korsika im Süden bis Dünkirchen im Norden strömen unsere Nachbarn in die Rathäuser und melden sich auf Bürgerversammlungen zu Wort. Dabei wird urdemokratisch erst mal bestimmt, wie man diskutieren will, anschließend kann jeder sein Anliegen oder seinen Vorschlag vortragen. Wer dafür zu schüchtern ist, kann seine Idee auch auf der zentralen Website aufschreiben.

Die große Debatte ist ein merkwürdiger Zwitter zwischen Atavismus und hochmoderner Basisdemokratie. Viele Wortmeldungen beziehen sich auf die „cahiers de doléances“, Hefte mit Forderungen, die in den Bürgermeisterämtern zur freien Vervollständigung ausliegen. Jeder kann dort eintragen, was ihm wichtig ist. Viele schreiben über ihre Probleme mit der Kaufkraft, andere greifen lokale Fragen wie den öffentlichen Nahverkehr auf, wieder andere die Forderung nach einem Volksbegehren.

Die „cahiers de doléances“ greifen ein historisches Vorbild auf: die gleichnamigen Forderungskataloge im absolutistischen Frankreich kurz vor der Revolution. Damals formulierte das Volk, unter welchen sozialen und politischen Missständen es litt und was es geändert sehen wollte. Bemerkenswert, dass dies im Jahr 2019 wieder geschieht.

Die starke Beteiligung an lokalen Versammlungen im Rahmen der Debatte zeigt aber auch: Die Franzosen haben das Bedürfnis, sich auszusprechen, von Angesicht zu Angesicht. Die angebliche neue Demokratie per Internet und über soziale Netzwerke hat sich als Luftnummer erwiesen.

Dort beschimpft, verhöhnt und verleumdet man sich. Offenkundig wollen viele Franzosen diese Phase hinter sich lassen, nicht mehr übereinander, sondern miteinander reden. „Die sozialen Medien sind Feinde des Dialogs“, sagt der Soziologe Bruno Latour. Die nationale Debatte dagegen sei „ein Werkzeugkasten an Ideen“.

In diesem Sinne sind die Franzosen vielleicht ihrer Zeit voraus: Sie finden sich nicht ab mit der Vernichtung des demokratischen Dialogs durch Netzwerke und Fake News, sondern kommen wieder ins Gespräch miteinander. Analog, nicht digital; real, nicht virtuell – und deshalb nachprüfbar. Zumindest versuchen sie es.

Die Debatte ist aus der Not geboren, soll „aus dem Ausdruck der Wut die Suche nach Lösungen machen“, wie Macron es sagt. Präsident und Regierung hatten den Eindruck, kein Gehör mehr zu finden. Viele Franzosen dagegen, deren alltägliche Sorgen Politik und Eliten wenig beschäftigen, fühlten sich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Deshalb besetzten sie die Kreisverkehre und protestierten teils gewaltsam.

Aber vielleicht kann aus der Not eine Tugend werden: Wenn aus der Debatte konkrete Forderungen entstehen, die Parlament und Regierung aufgreifen. Dann würden die Franzosen nicht nur das Elend der sozialen Netzwerke überwinden, sondern auch den Graben zwischen Regierenden und dem Volk verkleinern.

Im Moment muss man noch einigen Optimismus aufbringen, um an diesen Ausgang zu glauben. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass die Franzosen den Rest Europas überraschen.   

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Weltgeschichte - Warum die Franzosen wieder miteinander reden

0 Kommentare zu "Weltgeschichte: Warum die Franzosen wieder miteinander reden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.