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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

China Wenn die Schulden des Vaters den Sohn ausbremsen

Ein Junge schafft es auf eine gute Uni, doch ihm wird die Aufnahme verwehrt, denn sein Vater hat seine Schulden nicht beglichen. China diskutiert.
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Auch gute Noten haben einem jungen Chinesen nicht geholfen, als er eine Pekinger Universität besuchen wollte. Weil sein Vater seine Schulden nicht bezahlt hatte, wurde ihm die Aufnahme verweigert. Quelle: dpa
Studenten einer Universität in Peking

Auch gute Noten haben einem jungen Chinesen nicht geholfen, als er eine Pekinger Universität besuchen wollte. Weil sein Vater seine Schulden nicht bezahlt hatte, wurde ihm die Aufnahme verweigert.

(Foto: dpa)

PekingManche Themen treffen einfach den Nerv der Gesellschaft. Gleich tausendfach haben die Chinesen in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken eine Geschichte geteilt und diskutiert, die sie offenbar bewegt. Sogar der staatliche Sender „CGTN“ griff sie auf. Was war passiert? 

Anfang Juli erhielt eine Familie im Südosten Chinas einen Anruf. Am Telefon war eine renommierte Pekinger Universität, für die sich der Sohn eingeschrieben hatte. „Wir haben während einer Hintergrundüberprüfung herausgefunden, dass ein Gerichtsverfahren gegen Sie noch nicht abgeschlossen wurde“, sagte man dem Vater und fügte hinzu: „Bitte regeln Sie das so schnell wie möglich, ansonsten können wir Ihren Sohn nicht aufnehmen.“ 

Bei dem offenen Verfahren handelte es sich um Schulden, die der Vater nicht beglichen hatte. In China landen säumige Zahler, die vor Gericht gebracht werden, seit 2013 auf einer öffentlich zugänglichen schwarzen Liste von Schuldnern. Wer darin aufgeführt ist, dem werden gewisse Rechte verwehrt: Er darf dann zum Beispiel nicht mehr fliegen, im Zug erster Klasse fahren oder sein Kind auf eine Privatschule schicken.

Die Logik dahinter: Wer seine Schulden nicht bezahlt, soll sich keinen Luxus leisten dürfen oder das Geld für hohe Schulgebühren ausgeben.  

Als die Geschichte Mitte Juli publik wurde, löste sie eine landesweite Debatte aus. Viele fanden, dass dem Sohn Unrecht getan wird. „Warum macht man das Kind für die Fehler des Vaters verantwortlich“, schrieb ein Nutzer namens Ganbing auf Weibo, dem chinesischen Twitter. Andere wiesen darauf hin, dass das Recht auf Bildung für jeden im Gesetz verankert sei.  

Andere hielten dagegen. Es sei gut, dass säumige Zahler so zum Handeln gezwungen werden würden. So berichteten die chinesischen Medien kurze Zeit später, dass der Vater die Schulden nach dem Vorfall endlich beglichen hatte. 

Einige Journalisten kritisierten den Fall sogar als Beispiel für den Eingriff des Staates oder die Umsetzung des „dystopischen Social Credit Systems“. Gemeint damit ist das soziale Bonitätssystem, mit dem China seine Bürger auf ihre Glaub- und Kreditwürdigkeit bewerten und entsprechende Rechte zur Verfügung stellen oder sanktionieren möchte. 

Während so mancher darin eine wahrgewordene Episode von „Black Mirror“ sieht, weisen Sinologen wie Rogiers Creemers darauf hin, dass die Umsetzung des Social Credit Systems bisher unklar ist. Und dass es noch nicht in Kraft getreten ist. Tatsächlich scheint es dem chinesischen Staat weniger um eine Bewertung des Menschen an sich zu gehen, sondern um den Aufbau einer Kreditwürdigkeitsbewertung - also einer Art Schufa. 

Denn die gibt es bisher in China nicht. Das ist vor allem für kleine und mittelgroße Unternehmen oder junge Familien ein Problem, weil sie Kredite brauchen, aber von den Banken keine bekommen, da diese nicht abschätzen können, ob sie den Kredit zurückzahlen können.  

Wer sich den Fall des säumigen Zahlers und seines Sohnes genauer anschaut, findet eine komplexe Geschichte, die unvollständig berichtet wurde. So berichtet das renommierte Wirtschaftsmagazin „Caijing“, dass die Hintergrundüberprüfung nur deswegen ausgelöst worden sei, weil der Sohn sich für ein „besonderes“ Fach eingeschrieben hatte. Gemeint damit sind Studiengänge oder Ausbildungswege, die im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit stehen. Wer Germanistik, Landwirtschaft oder Mathematik an einer Pekinger Universität studieren möchte, wird nicht solchen Checks unterzogen. 

Der Vater, so heißt es in lokalen Gerichtsdokumenten, war in dem Fall noch nicht einmal der Kreditnehmer, sondern bloß der Bürge für einen Freund. Doch dieser zahlte die 200.000 chinesische Yuan, umgerechnet 25.000 Euro, nie zurück. Also brachte die Bank den Fall vor Gericht. Fast zwei Jahre lang versuchte das Gericht, die Summe von dem Freund oder Vater wieder einzutreiben.

Ersterer konnte nicht zahlen, Letzterer fühlte sich nicht zuständig. Selbst nachdem das Gericht den Vater gewarnt hatte, dass unbeantwortete Zahlungsaufforderungen unter Umständen Konsequenzen für seine Kinder mit sich bringen würden, weigerte er sich – obwohl er die ausstehende Summe nachweislich hätte begleichen können. 

Mangelndes Rechtsverständnis und fehlendes Verantwortungsbewusstsein sind Probleme, die den Lebens- und Geschäftsalltag vieler Chinesen erschweren. „Nur wenn der Staat die Menschen zur Verantwortung zieht, lernen sie auch, Verantwortung zu übernehmen“, schrieb Weibo-Nutzer Mengyu über den Fall.

Ein anderer User namens Wu Wei wiederum nutzte die Diskussion um den Fall, um Kritik am System zu üben: „Damit China ein echter Rechtsstaat werden kann, müssen wir unsere Gesetze und ihre Durchführung verbessern.“ Bürger würden dann ihre Rechte und Pflichten wahrnehmen, wenn der Staat dies ihnen gegenüber auch tue.   

 

 

 

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