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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum Japaner 250 Euro für einen Ein-Scheiben-Toaster zahlen

Ein Blick auf Japans Küchengeräte erklärt, warum das Land ein Mekka der Gourmets ist. Für Kaizen in der Küche ist den Japanern kein Preis zu hoch.
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Das Gerät von Mitsubishi ist einigen Japanern umgerechnet 250 Euro wert. Quelle: Mitsubishi Electric
TO-ST1

Das Gerät von Mitsubishi ist einigen Japanern umgerechnet 250 Euro wert.

(Foto: Mitsubishi Electric)

TokioJapaner sind seit Jahrhunderten auf einer ewigen Suche nach kulinarischer Perfektion. Das jüngste Beispiel ist ein Toaster des Technikkonzerns Mitsubishi Electric für umgerechnet 250 Euro. Für diese fürstliche Summe röstet er zwar nur eine Scheibe Brot, die aber mit allerlei technischen Raffinessen, die die Ingenieure teilweise aus der Reiskochertechnik entlehnt haben.

Schon das Design des TO-ST1 mutet edel an. Das Gerät ist geschlossen wie ein Waffeleisen, wirkt aber mit seinem Holzimitat auf dem Deckel eher wie eine feine Bento-Box. Doch die Form erfüllt sogar eine Funktion jenseits der Ästhetik: Da der Toaster das Brot versiegelt, verdampft die Feuchtigkeit nicht wie in normalen Röstern, sondern bleibt geschmacksverstärkend im Brot.

Heizplatten sorgen dann mit maximal 260 Grad Celsius für die gleichmäßige Röstung, diverse Programme für den bevorzugten Bräunungsgrad. Auch Rezepte für French- und Pizzatoast liefern die Japaner in der Box mit.

Das Gerät soll, so steht es im Werbematerial, eine „neue Erfahrung“ im Brotgenuss liefern, erklären die Firmendichter das Konzept. Es ist die jüngste Ausgeburt des Kaizen. Der stetigen Verbesserung in der Küche. „Sie sollen überrascht sein, wenn sie den Deckel öffnen.“ Überrascht über den süßen Geruch des Brots, die fluffige Konsistenz im Inneren und den saftigen Geschmack.

Teurer Kassenschlager

Offenbar hat Mitsubishi Electric mit dem teuren Toaster die Geschmacksnerven der Japaner getroffen. Im Toaster-Verkaufsranking der Preisvergleichsseite Kakaku.com lag das Gerät vier Wochen nach dem Verkaufsstart immerhin auf dem vierten Platz. Es musste sich nur Mittelklassetoastern für umgerechnet 80 Euro geschlagen geben. Das erste Billiggerät für 30 Euro rangierte nur auf Platz sieben. Und dieser Hang zu teuren Geräten ist nicht im Mindesten überraschend, wenn man die Hingabe der Japaner zum Essen kennt.

Schon der Einkauf ist ein Erlebnis. Gemüse und Obst in den Supermärkten sind nahezu perfekt, Erdbeeren liegen glänzend und fein säuberlich ausgerichtet in ihren Schalen. Auch Köche haben anscheinend nicht den Anspruch, nicht einfach eine Mahlzeit zuzubereiten, sondern die Zutaten auf globales Spitzenniveau zu veredeln. Und das gilt auch für importierte Küche.

Immer wieder gewinnen Japaner Barista- oder Pizzawettbewerbe in Italien. Bäcker und Fleischereikonzerne wiederum lassen ihre Waren gerne mit einem Siegel der Deutschen Landwirtschaftsgenossenschaft auszeichnen, weil die Japaner bei Brot, Baumkuchen und Wurst an Deutschland denken. 2018 erhielten immer 156 Fleischwaren aus Japan goldene DLG-Siegel.

Beim Restaurantbesuch setzt sich die Gaumenfreude folgerichtig fort. Denn seit Jahrhunderten bewerten die Japaner auch Gaststätten nach ihrer Qualität. Das Jahresranking der besten Nudelstuben im Land im TV dauert Stunden und hat massive Auswirkungen. Vor den „besten“ Nudelshops bilden sich dann erst einmal lange Schlangen, weil die Japaner immer auf der Suche nach dem besten kulinarischen Kick sind.

Eine Stunde lang anstehen für zehn Minuten Ramen-Nudel-Schlürfen ist offenbar akzeptabel. Und so ist es kein Wunder, dass Tokio allein mehr Sternerestaurants als Frankreich hat. Inzwischen Pilgern Gourmets aus aller Welt zu dieser kulinarischen Wallfahrtsstätte. Auch Touristen mit kleinen Börsen müssen nicht darben. Selbst die Durchschnittsküche ist qualitativ so gut, dass ich immer sage: „Wenn man in Japan im Restaurant enttäuscht wird, dann meist auf einem hohen Niveau.“

Ein Kochprogramm für jede Sorte Reis

Diese Esskultur erklärt auch, warum Japaner bereit sind, hohe Summen für immer neue Küchengeräte auszugeben. Ein anderes Beispiel dafür sind Reiskocher. Die Oberklasse kostet so um 1000 Euro. Dafür bieten die Geräte dann Vakuum- oder Druckkochen, eingeblasenen 220 Grad heißen Dampf und spezielle Kochprogramme für bis zu 50 verschiedene japanische Reissorten an, damit auch ja jedes Korn sein volles Aroma entfalten kann.

Zudem können die Kunden bei den gehobenen Modellen einfacher bestimmen, ob sie ihren Reis lieber härter oder weicher, klebriger oder lockerer verzehren möchten. Und der Fortschritt steht niemals still. Seit etwa zwei Jahren sind Reiskocher beliebt, die den Kohlenhydratanteil von Reis um 30 Prozent senken können.

Denn bei aller Liebe zum Essen suchen auch Japaner nach Möglichkeiten, schlank zu bleiben, wenigstens solange der Geschmack noch stimmt. Der Aufwand hört sich vielleicht etwas übertrieben an, erfüllt aber einen realwirtschaftlichen Zweck: Mit immer neuer Hightech in der Küche können Japans Technikkonzerne trotz chinesischer Billigkonkurrenz noch Gewinne erzielen und überleben.

Mehr: Während Deutschland über das Tempolimit diskutiert. Sind die Japaner schon einen Schritt weiter: Sie bremsen den Individualverkehr aus und fördern Massentransportmittel.

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