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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum sich Japaner gegenseitig so gern die Ohren auslöffeln

Wie so vieles hat Japan auch die Kultur des Ohrenkratzers perfektioniert. Die Hygiene-Tradition birgt Gefahren, kann aber auch Hochgefühle auslösen.
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Ohrenkratzer sind unter Japanern beliebt.
Menschenmassen in Tokio

Ohrenkratzer sind unter Japanern beliebt.

Tokio Das Symbol der perfekten japanischen Ehe ist ein Mimikaki, auf Deutsch: ein Ohrenkratzer oder Ohrlöffelchen. Dieses Utensil tut, was der Name sagt: Wie ein Wattestäbchen dient es zur Reinigung der Ohren. Nur ist es nicht mit Watte umwickelt.

Stattdessen handelt es sich um ein kleines Löffelchen aus Bambus, anderen Hölzern oder Metall, mit dem das Ohr ausgekratzt wird. Und dies wird in der perfekten Ehe so gemacht.

„Hizamakura-mimikaki“ (Kniekissen-Ohrenkratzen) nennt sich das Vergnügen, das meist Ehefrauen bei ihren Männern und Mütter bei ihren Kindern praktizieren. Die eine Person legt ihren Kopf in den Schoß der anderen. Dann wird das Löffelchen sanft in der Ohrmuschel angewendet und sogar in den Gehörgang geführt, um mit Kratzen und Drehen Ohrenschmalz zu entfernen. Das Resultat wird gern in ein Papiertaschentuch abgestrichen, um den Erfolg der geleisteten Arbeit zu präsentieren.

Ohrenärzte werden jetzt schimpfen, dass nichts in die Ohren gehöre, schon gar nicht ein Holzstäbchen mit harten Kanten. Auch viele Leser werden sich schütteln: „Wie fürchterlich!“, mögen sie denken. „In meine Ohren lasse ich niemanden, nicht einmal meinen Partner.“

Aber die Mimikaki-Verweigerer wissen nicht, was sie verpassen. Wer sich entspannt und voll und ganz seinem Partner anvertraut, erlebt Gefühle, die in übersteigerter Form Filmgeschichte geschrieben haben.

Denken Sie nur an die schlitz- und großohrigen Händler-Aliens der Ferengis aus der „Star Trek“-Serie. Deren Riesenohren sind eine erogene Zone, die die gewinn- wie genusssüchtigen Weltraumreisenden sich mit großen Ohrendildos stimulieren lassen. Sie erleben dabei einen – sagen wir mal – Ohrgasmus.

Dieser Ohrenkratzer hat in Japan eine Rückruf-Aktion ausgelöst.
Mimikaki

Dieser Ohrenkratzer hat in Japan eine Rückruf-Aktion ausgelöst.

Die Freude bei Menschen ist ähnlich groß. Ich habe einem deutschen Freund zu seiner Hochzeit mit einer Japanerin mal einen handgefertigten Ohrenkratzer geschenkt. Sie war begeistert über die Gabe und er bald auch. Keines der Hochzeitsgeschenke ist wohl häufiger in Benutzung als dieser kleine Mimikaki aus Holz.

Natürlich ist der Spaß gefährlich. Der Pharmakonzern Kobayashi hat vor zehn Jahren eine Mimikaki-Revolution versucht. Mit großem Marketingaufwand führte das Unternehmen einen kleinen, spiralförmigen Ohrbürstendrill ein. „Tenshi-no-mimikaki“ (Mimikaki des Engels) nannten sie das Gerät. Die Packung illustrierten sie dabei mit dem Bild einer jungen Frau, die sich mit verzücktem Gesicht im Ohr bohrte.

Der erste Mimikaki-Rückruf der japanischen Geschichte

Nur führte das Gerät nicht nur zu Freuden, sondern oft auch zu Schmerzen. Denn die Bürstenhärchen gaben kein Feedback über die Tiefe des Bohrens, wie ich bei einem Selbsttest feststellen konnte. Und so kam es bald nach der Markteinführung zum ersten Mimikaki-Rückruf der japanischen Geschichte.

Aber der klassische Mimikaki hat sich über die Jahrhunderte gehalten, obwohl – oder gerade weil – er hart und recht kantig ist. Ob man das Produkt selbst führt oder führen lässt, der Genießer weiß immer, wo das Löffelchen gerade kratzt – und kann das Feedback weitergeben. Darüber hinaus ist der Mimikaki ein Beispiel für Universal Design. Die eine Seite des Löffelchens ist abgeflacht, die andere rund.

Damit fühlt der Anwender in jedem Moment automatisch, in welche Richtung das Löffelchen zeigt. Man muss beim Kauf nur darauf achten, dass das Löffelchen nicht zu groß oder zu klein ist und der Winkel nicht zu steil (Gefahr) oder zu flach. Denn wenn das Löffelchen zu flach ist, ist auch das Kratzgefühl flach.

Wenn ich Gästen aus dem Ausland von Mimikakis erzähle, sind sie oft überrascht. Die meisten kennen die Ohrenkratzerkultur nicht. Und das ist meines Erachtens eine Tragödie. Denn Jahrtausende wurde sie auch in Europa gepflegt. Ob in der Antike oder im Mittelalter, der Ohrenkratzer war gemeinsam mit einem Zahnstocher und einem Zungenkratzer Teil einer Hygiene-Trinität.

Ich habe das selbst noch erlebt. Meine Uhrgroßmutter hat uns hin und wieder die Kinderöhrchen mit einer dieser gebogen-gewellten Haarnadeln ausgelöffelt. Selbst heute gibt es in Deutschland Mimikakis zu kaufen – oder besser gesagt in Apotheken zu bestellen. Dabei handelt es sich allerdings um lustfeindliche kleine Drahtlöffelchen, die so abgerundet sind, dass sie nicht kratzen. Doch die Ohrenärzte haben der Gesellschaft diese Form der genussvollen Ohrenhygiene gründlich ausgetrieben.

Wer den Ohrenschmaus erleben will, kann es bei der nächsten Japanreise einmal ausprobieren. Man kann beispielsweise selbst Hand anlegen. Dazu geht man am besten in einen der überall verteilten, 24 Stunden geöffneten Convenience-Stores.

Dort kaufe auch ich meist die traditionellen Holzlöffelchen, die ich Besuchern oder Freunden in Deutschland gern als Mitbringsel übergebe. Aber selbst kratzen ist wie selbst kitzeln nur der halbe Genuss. Für richtig abenteuerlustige Reisende gibt es spezielle Mimikaki-Läden. Dort kratzt das Personal auf japanische Art den Kunden die Ohren aus.

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