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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichten Japan holt mehr Ausländer ins Land

Der Ausländeranteil in Japan ist gewollt gering. Doch ein wachsender Arbeitskräftemangel lässt Japans konservative Regierung umdenken.
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Die japanische Bevölkerung wird immer älter. Die Regierung setzt sich deswegen immer stärker für ausländische Kräfte ein. Quelle: dpa
Japan

Die japanische Bevölkerung wird immer älter. Die Regierung setzt sich deswegen immer stärker für ausländische Kräfte ein.

(Foto: dpa)

TokioMein Freund Yamato stößt mich an. „Hast du das gesehen?“, fragt er verdutzt. „Auf der Baustelle arbeiten ja nur Ausländer und kein einziger Japaner.“ Ich schaue hin – und wirklich: Der Baggerfahrer sowie zwei Bauarbeiter, die gerade die Erde ebnen, wo früher ein Einfamilienhaus stand, stammen deutlich sichtbar nicht aus Japan.

Und das ist für Japaner eine Überraschung, aber vielleicht auch für viele Ausländer. Denn daheim wie auch in Übersee hat sich ein Bild in den Köpfen festgefressen, das so nicht mehr der Realität entspricht: Das Bild, dass Japan keine Einwanderung habe und lieber auf Roboter setze.

Sicher hat Japan weniger Einwanderung als viele Länder Europas. Nur zwei Prozent der Arbeitskräfte haben ausländische Pässe. Auch Asylanten scheinen das Vorurteil zu bestärken.

Von 20.000 Asylanträgen erkannte die Justizbehörde 2017 nur 20 an. Aber das ist nicht nur der Strenge, sondern auch dem Phänomen geschuldet, dass viele Antragsteller eigentlich nur arbeiten wollen. Tatsächlich steigt die Zahl der Ausländer jedoch wie jüngst eine Studie der Wirtschaftszeitung Nikkei zeigte.

Von 2009 bis 2017 hat sich das Verhältnis von aus- zu inländischen Arbeitnehmers auf 1 zu 51 mehr als verdoppelt. Besonders zahlreich sind Ausländer demnach in 24 Stunden geöffneten Mini-Supermärkten, den „Conbinis“ (Convenience Stores), in Fabriken und der Landwirtschaft. Am meisten Ausländer haben ausgerechnet die Fischer von Hiroshima eingestellt. Dort wurde schon jeder sechste Arbeiter nicht in Japan geboren.

Ein Mitarbeiter der dortigen Fischereigenossenschaft bestätigt die Statistik. Derzeit würden etwa 1000 bis 1200 Ausländer zeitlich befristet auf drei Jahre als sogenannte Trainees bei den Austernfischern arbeiten, berichtet er. „Es handelt sich hauptsächlich um chinesische, indonesische und vietnamesische Bürger“, sagt der Manager.

Besonders stark ist der Trend in den wirtschaftlichen Zentren des Landes. Auf Präfekturebene ist die Hauptstadt Tokio schon lange der stärkste Ausländermagnet. In der Millionenmetropole ist der Ausländeranteil unter den Arbeitskräften in nicht einmal zehn Jahren von zwei auf über fünf Prozent angestiegen.

In Industrieregionen wie Aichi (Toyotas Heimat), Shizuoka (dem Standort von Suzuki sowie Motorradfabriken von Honda und Kawasaki) und Mie (viel Chemieindustrie) sind es immerhin schon um drei Prozent.

Regierung will mehr hochqualifizierte Ausländer

Am geringsten ziehen naturgemäß die strukturschwachen Regionen Ausländern an, die selbst von Japanern verlassen werden. Akita im Nordosten der Hauptinsel Honshu zählte 2017 unter seinen 488.000 Arbeitskräften gerade 1679 Ausländer. Die ist ein Verhältnis von 1 zu 291 und kaum mehr als acht Jahre zuvor. Den größten Zuwachs an Ausländern verzeichnete die subtropische südjapanische Insel Okinawa, in der der Ausländeranteil um das 3,8-fache auf 1 zu 95 stieg.

Geht es nach Japans konservativer Regierung, sollen noch mehr Ausländer nach Japan kommen. Für hochqualifizierte Ausländer gibt es schon seit Jahren erleichterte Visa-Bedingungen – mit einigen interessanten Vergünstigungen wie dem Zuzug von Familienmitgliedern oder Haushälterinnen zur Kinderpflege. Doch auch für kleine und mittlere Unternehmen sorgt die Regierung seit langem.

Zu Beginn wurde anscheinend eine Grauzone toleriert. „Wir wissen sehr genau, wo illegale Arbeiter sind“, sagte mir vor mehr als zehn Jahren ein Beamter des Außenministeriums einmal. Aber die Regierung verfolge die nicht, um die Kleinunternehmen nicht zu gefährden. Doch da die Kritik stieg, wurde ein zeitlich befristetes „Traineeprogramm“ erweitert.

Inzwischen werden im Großformat Arbeitskräfte angeworben, um offiziell in Japan bestimmte Jobs zu erlernen und dann nach drei Jahren ihre Fähigkeiten weiter in ihren Herkunftsländern zu nutzen. Doch tatsächlich handelt es sich oft um knallharte Ausbeutung. 2017 rannten mehr als 7000 „Trainees“ ihren Arbeitgebern wegen zu langer Arbeitstage und nicht ausgezahlter Löhne davon, berichtet die Zeitung Nikkei.

Nur reicht diese Zuwanderung der Regierung nicht mehr. Im Juli beschloss die Regierung dann, einen neuen Rahmen zu erarbeiten, um mehr Geringqualifizierten den Zuzug zu erleichtern. Im Justizministerium soll eine besondere Immigrationsbehörde eingerichtet werden. Außerdem werden die Arbeitsvisen selbst für die Geringverdiener gelockert, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer auf fünf Jahre erweitert.

Problem verschärft sich

Der Grund ist dem Fischereimanager aus Hiroshima klar: das Verhältnis von Angebot, also „lernwilligen“ Ausländern, und vor allem der Nachfrage im Zeitalter des Bevölkerungsschwunds. Der Anstieg der Ausländer sei das Ergebnis der Interessen der ausländischen Arbeiter, die ihre Fähigkeiten verbessern wollten, und den heimischen Fischern, die in Japan nicht genügend einheimische Arbeitskräfte finden.

Und weil der Arbeitskräftepool seit mehr als zehn Jahren sinkt und inzwischen nach dem längsten Wachstum der Nachkriegsgeschichte mit einer Arbeitslosenrate von 2,4 Prozent Vollbeschäftigung herrscht, greift das Problem auf immer mehr Industrien und Firmen über.

Regierungschef Shinzo Abe drückte die Lage im Juli auf einer Kabinettsitzung so aus: „Der Arbeitskräftemangel ist besonders akut bei kleinen und mittleren Unternehmen.“ Daher müsse Japan einen Rahmen schaffen, ausländische Arbeitskräfte zu akzeptieren, die sofort zur Wirtschaft beitragen könnten.

Wie schwer dies allerdings mitunter ist, zeigt sich am Beispiel von Kranken- und Altenpflegerinnen. Hier droht in den kommenden Jahren eine Lücke von mehreren hunderttausend Arbeitskräften. Die Regierung hat daher schon vor Jahren versucht, mehr Fachpersonal aus Südostasien anzuwerben. Aber der erhoffte Zustrom blieb aus. Nur wenige Interessentinnen meisterten die hohen Anforderungen an die Japanisch-Kenntnisse.

Um mehr Hilfskräfte anzuwerben sollen die Anforderungen gesenkt werden, dafür die Sprachausbildung in Japan forciert werden. Doch in der Pflegeindustrie hält sich die Begeisterung in Grenzen. „Besser als nichts“, meint zwar ein Manager eines Pflegeheimes in der Präfektur Toyama, der namentlich nicht genannt werden will. Aber er hat nach der Erfahrung mit dem ursprünglichen Programm nicht vor, mehr Ausländerinnen einzustellen.

„Wir haben wegen der sprachlichen Probleme und der unterschiedlichen Kulturen Zweifel an dem neuen Programm“, meint er. Vor allem sei seiner Erfahrung nach das erforderliche Sprachniveau zu niedrig angesetzt, als dass die Kandidaten vollwertige Pflege leisten könnten. Selbst im bisherigen Programm könnten die ausländischen Fachkräfte oft nur Hilfsarbeiten leisten.

„Aber wenn man die eigentlich notwendigen Sprachkenntnisse besitzt, kann man viel bessere Jobs als in der Pflege finden“, meint er. „Das ist das Paradox.“ Doch eines ist sicher: Japans Regierung wird vorerst weiter versuchen, die Tür für ausländische Arbeiter vorsichtig weiter zu öffnen. Gerade der Mittelstand braucht billige Arbeitskräfte.

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