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Weltgeschichte Wie ein italienischer Bürgermeister gegen Fremdenfeindlichkeit kämpft

Leoluca Orlando kämpfte erst gegen die Mafia, dann gegen die Fremdenfeindlichkeit in Italien. Für seinen Einsatz bekommt er jetzt eine Auszeichnung.
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„Hier können wir den Status quo der Welt erzählen“, sagt der Manifesta-Kurator Ippolito Pestellini Laparelli.
Palermo

„Hier können wir den Status quo der Welt erzählen“, sagt der Manifesta-Kurator Ippolito Pestellini Laparelli.

RomItalien im Sommer 2018? Das Land ist auf einem unguten Kurs. Nach dem Erdrutschsieg von Anti-Establishment-Kräften bei den Wahlen beherrscht jetzt Lega-Chef Salvini die politische Szene und schockiert mit seinen fremdenfeindlichen Sprüchen. Grob und aggressiv teilt der Innenminister und Vizepremier aus, vor allem gegen Migranten, die übers Meer kommen. Kein Schiff mit Flüchtlingen an Bord darf mehr in einem italienischen Hafen anlegen, hat er verfügt.

Der Tiefpunkt an Geschmacklosigkeit war sein Satz über die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen: „Sie riskieren das Leben der Migranten auf den Schlauchbooten, hören nicht auf die italienischen und libyschen Behörden und intervenieren, um diese wertvolle Ware von Menschen – von Menschenfleisch – an Bord zu laden.“

Nun gehören sprachliche Ausfälle zum Repertoire der Populisten und Rechtsextremen, sie werden gezielt eingesetzt, man braucht nur auf die AfD zu schauen, doch das Beklemmende ist, dass viele Italiener Salvinis Sprüche und Aktionen gut finden.

Endlich tue mal einer was gegen die Überfremdung, heißt es bei den Lega-Anhängern, die zum großen Teil aus kleinen Gemeinden im Norden kommen, in denen die Zahl der Ausländer sehr gering ist. Auf die fremdenfeindliche Stimmungsmache fallen derzeit viele herein.

Einer hält dagegen. Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo. Als erste Reaktion auf Salvini schloss er sich mit anderen Bürgermeistern von Sizilien zusammen und erklärte, der Hafen von Palermo sei für alle Schiffe mit Flüchtlingen immer offen. Dann verstärkte er sein Engagement für eine kulturell offene Stadt.

„Vor 40 Jahren waren wir die Hauptstadt der Mafia, heute sind wir die Hauptstadt der Kultur“, sagte er bei der Eröffnung der Kunst-Biennale „Manifesta“, die bis November an vielen Orten in Palermo zu sehen ist.

Orlando ist zum dritten Mal im Amt, das erste Mal 1985 bis 1990, dann von 1993 bis 2000 und jetzt seit 2012. 1992 ermordete die Mafia mit schrecklichen Bombenanschlägen die beiden Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Damals schien die Mafia in Italien unbesiegbar und ihre Verbindungen in die Politik solide.

Dann griff der Staat ein, die Anti-Mafia-Bewegung entstand, die Bosse wurden gefasst, und Bürgermeister Orlando rief den „Frühling von Palermo“ aus, einen Neubeginn der Stadt. Mehr als 20 Jahre später führt er jetzt einen neuen Kampf für seine Stadt: Er engagiert sich für Integration. Er will alle Menschen aufnehmen, die in Palermo leben wollen und sogar die Aufenthaltsgenehmigung abschaffen, um Schwarzarbeit zu bekämpfen – ein Zeichen gegen die immer größer werdende Fremdenfeindlichkeit. „Sobald wir einknicken, übernimmt die Mafia wieder unsere Stadt“, sagt er.

Palermo ist wie ganz Sizilien am meisten von der Flüchtlingswelle betroffen. Die Schiffe der Küstenwache mit den vielen Menschen aus den Subsaharaländern, die sie vor der Küste Libyens gerettet haben, landen auf der Mittelmeerinsel, die nur wenige Seemeilen von der nordafrikanischen Küste entfernt ist – bis jetzt zumindest.

In diesem Sommer sind die Bilder wieder in den Nachrichten von den vielen ängstlichen Menschen mit Schwimmwesten auf den Schiffen. Nach dem EU-Gipfel geht der Streit um „freiwillige“ Aufnahmezentren, in welchem Land auch immer.
Die „Manifesta“ kommt dem Bürgermeister da gerade recht. „Das ist ein Laboratorium für Kunst und Kultur“, sagt Orlando, „die Stadt ist in der Lage, sich selbst zu erneuern und die eigene Zukunft zu konstruieren.“ Die Ausstellungsmacher haben Palermo ausgewählt, weil sich dort die zwei wichtigsten Themen Europas kreuzen: die Migration und der Klimawandel und deren Auswirkungen auf unsere Städte.

„Hier können wir den Status quo der Welt erzählen“, sagt der Manifesta-Kurator Ippolito Pestellini Laparelli. Der Sizilianer ist Partner des Architekturbüros OMA, Office for Metropolitan Architecture, das Rem Koolhaas in den 70ern gegründet hat. Nicht nur Paläste, Kirchen und Gärten sind Ausstellungsorte der „Manifesta“, auch Bausünden aus der Mafiazeit, Zementungetüme und heruntergekommene Viertel, die jetzt mit Kunst gefüllt werden.

Orlando verweist stolz auf das Erbe der größten Mittelmeerinsel, wo Griechen, Phönizier, Römer, Goten, Araber, Normannen, Spanier und Italiener nacheinander herrschten und ihre Spuren hinterließen. Ein Drehkreuz der Kulturen nennt der Bürgermeister seine Stadt. Wie eine Botschaft an den Innenminister hört sich seine Definition des Populismus an: „Fehlender Respekt vor der Zeit, und der Glaube, dass Veränderungen mit Phrasen möglich sind und ohne den mühsamen kulturellen Wandel, der auch Konflikte in sich birgt.“

An diesem Montag ist Orlando, der in Heidelberg studiert hat und Deutsch spricht, in Berlin. Die Deutsch-Arabische Gesellschaft zeichnet ihn mit dem Friedrich II. von Hohenstaufen-Preis für gelebte Freundschaft der Völker und Integration der Nationen aus. Die Laudatio hält Sigmar Gabriel.

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