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Weltgeschichte Gangs of London

Die britische Hauptstadt ist derzeit Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen Banden. Diese schrecken mittlerweile nicht mehr vor Mord zurück.
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In den Randbezirken wird die Polizei der Gewalt nicht Herr.
Skyline von London

In den Randbezirken wird die Polizei der Gewalt nicht Herr.

LondonEs sind Bilder, die einen nicht kalt lassen: Im strahlenden Sonnenschein kniet eine weinende Mutter auf einem Bürgersteig im Süden Londons und schrubbt das Blut ihres dort getöteten Sohnes weg. Der 17-jährige Rhyhiem B. wurde vergangenen Samstag aus einem Auto heraus erschossen. Er war das 63. Mordopfer in London in diesem Jahr.

In 39 Fällen wurden die Opfer erstochen, in zehn war eine Schusswaffe involviert. Viele der Toten sind junge, schwarze Männer, die in eher ärmlichen Gebieten der Stadt lebten – und viele der Verbrecher wohl auch.

Die britische Hauptstadt erlebt derzeit eine schockierende Welle der Gewalt. Besonders schlimm ist es an den Wochenenden. Fast jeden Montag berichten die Medien über Schießereien und Kämpfe in Londons Straßen. Um die Menschen zu beruhigen, hat Scotland Yard bereits die Zahl der patrouillierenden Polizisten erhöht.

Experten zufolge wurde in Großbritannien seit Jahren unterschätzt, wie stark sich in einigen Gebieten der Millionenstadt Gangs ausgebreitet haben. Vor allem im Südosten und Osten der Stadt liefern diese sich Kämpfe um ihre Macht. Die Postleitzahl des Wohnortes bestimmt nicht mehr nur den Wohnort, sondern die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

„Wenn man in das Gebiet einer feindlichen Gang kommt, wird man erstochen oder gekidnappt“, erzählt ein vermummter Jugendlicher im britischen Fernsehen. Häufig geht es um Drogen. Schon 10-Jährige seien mittlerweile als Dealer unterwegs.

Weswegen es auf einmal zu einer derartigen Entwicklung kommt, wird in Großbritannien nun viel diskutiert: Sind es die jahrelangen Sparrunden im öffentlichen Dienst – die unter anderem die heutige Premierministerin Theresa May als frühere Innenministerin verantwortete? Sozialarbeiter und Polizei beklagen seit langem, dass sie zu wenig Geld zur Verfügung haben. Oder hat der Tod eines Gangmitglieds eine Spirale in Gang gesetzt, weil andere Mitglieder der Gruppe sich rächen wollen?

Die Mutter des getöteten Rhyhiem forderte nun jedenfalls ein Ende der Gewalt. „Bitte stoppt es“, sagte sie, ihr Sohn solle der letzte sein, der ums Leben gekommen sei. Rhyhiem war Medienberichten zufolge erst vor kurzem von Verwandten aus Jamaica zurückgekehrt, wohin seine Mutter ihn geschickt hatte, nachdem er Morddrohungen erhalten hatte.

Rhyhiem habe ihr zufolge Architekt werden wollen, habe gerappt und sei ein guter Junge gewesen, erklärte seine Mutter unter Tränen. Er habe keiner Gang angehört. Die Polizei habe ihn nicht beschützt. Boulevard-Medien zufolge war er jedoch Mitglied der Londoner Gang Moscow17. Diese liegt im Clinch mit der Gruppe Zone2. In den Tagen seit dem Mord an Rhyhiem soll es zu weiteren Kämpfen zwischen den Gangs gekommen sein.

Die Briten sind entsetzt. Vergleiche zu New York machen die Runde. In der US-Stadt, in der wie in London rund acht Millionen Menschen leben, wurden seit Jahresbeginn weniger Menschen als in London umgebracht. Dort werden die rund acht Millionen Einwohner von rund 40.000 Polizisten beschützt, während es in London 32.000 sind.

„Unterfinanziert und am Limit“ seien die britischen Ordnungskräfte, sagte Londons Bürgermeister Sadiq Khan. Die Gewaltverbrechen in London und im Rest des Landes seien „inakzeptabel und können nicht toleriert werden“. Das vergangene Wochenende, als in London Rhyhiem erschossen und darüber hinaus weitere Schießereien und Messerstechereien stattfanden, sei „furchtbar“ gewesen. Die Sicherheit der Londoner Bürger habe für ihn oberste Priorität. Aber es gebe kein Mittel, mit dem man die Kriminalität über Nacht lösen könne – zumal die Mittel für die Sicherheitsbeamten in der Vergangenheit immer weiter gekürzt worden seien.

Ob Touristen sicher sind, dazu wollte sich der Bürgermeister auf Anfrage nicht äußern. Aber die meisten Übergriffe fanden am Rande der Millionenstadt statt – vor allem im Südosten und Osten der Stadt – und damit weit von den üblichen Routen der Touristen entfernt. Doch aufpassen sollten diese trotzdem.

In London ist die Zahl der so genannten „Mofa-Überfälle“ in den vergangenen Jahren steil angestiegen. Dabei rasen Jugendliche auf – häufig geklauten – Mofas durch die Straßen und über Bürgersteige und nehmen ihren Opfern das Handy ab. Und dabei kommen sie durchaus auch in Gegenden, die sonst nicht unbedingt als gefährlich gelten.

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