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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Spanien Madrid schafft autofreie Innenstadtzone wieder ab

Der neue Bürgermeister Madrids verspricht, die Luftverschmutzung deutlicher zu reduzieren als seine Vorgängerin. Trotzdem öffnet er die Innenstadt wieder für Autos.
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Luftverschmutzung: Madrid schafft autofreie Innenstadtzone wieder ab Quelle: AFP
Madrid

Die spanische Hauptstadt kämpft seit Jahren mit den Grenzwerten für Luftverschmutzung.

Madrid Seit fast zehn Jahren überschreitet die spanische Hauptstadt die Grenzwerte von EU und Weltgesundheitsorganisation für die Luftverschmutzung. Ende vergangenen Jahres gab ein revolutionärer Plan zunächst Anlass zur Hoffnung: Die damalige linke Bürgermeisterin Manuela Carmena machte die Innenstadt zur verkehrsberuhigten Zone – außer Anwohnern durften Autos mit Verbrennungsmotoren nur ausnahmsweise in den Stadtkern fahren.

Das Projekt mit dem Namen „Madrid Central“ sorgte international für Aufmerksamkeit und reduzierte die Zahl der Autos im Zentrum deutlich. Es war aber nicht bei allen Madrilenen beliebt. Ladenbesitzer etwa klagten, dass Kunden damit der Weg zu ihrem Geschäft erschwert werde. „Bei den Spaniern ist das Bewusstsein für die schädigenden Effekte der Autoabgase weniger verbreitet als etwa in Deutschland“, sagt Rafael Salas, Professor für Wirtschaftsanalysen an der Universität Complutense.

Das hat dazu geführt, dass der Umweltschutz zum Wahlkampfthema bei den Kommunalwahlen im Sommer wurde. Die Konservativen versprachen, das Projekt bei der Wiederwahl rückgängig zu machen und behaupteten, Madrid Central habe die Luftqualität nicht verbessert. „Das stimmt nicht“, versichert dagegen Salas. „Wir haben eine Studie erstellt, die belegt, dass die Werte für die schädlichen Stickoxide mit Madrid Central so weit gesunken sind, dass die EU-Grenzwerte eingehalten worden wären.“ Er will seine Daten demnächst veröffentlichen.

Doch die ersten Entschlüsse sind bereits gefasst. Als der konservative Politiker José Luis Martínez-Almeida im Juni neuer Bürgermeister wurde, schaffte er umgehend die autofreie Innenstadtzone ab. Durch die Hauptstadt ging ein Aufschrei. Bei glühender Hitze demonstrierten Anfang Juli Tausende gegen die Entscheidung.

Wenige Tage später gab ein Richter der Klage von Umweltverbänden recht und verbot das Aus für „Madrid Central“. Seitdem gibt es wieder Strafzettel für diejenigen, die ohne Erlaubnis ins Zentrum fahren. Doch Almeida gibt nicht auf: Ende September hat er einen eigenen Klimaschutzplan vorgestellt – Madrid 360. Die umstrittenste Maßnahme darin sieht vor, dass wieder Autos ins Zentrum fahren dürfen. Voraussetzung ist, dass mindestens zwei Personen darin sitzen und das Auto die Abgasnorm der Kategorie C erfüllt.

Umweltverbände kritisierten den Plan. Ein Greenpeace-Sprecher erklärte, gut ein Drittel aller Wagen in der Hauptstadt erfülle diese Norm, was einer Million Autos entspreche, die künftig wieder in den Innenstadtkern fahren dürfen.

Klage aus Brüssel

Der EU riss der Geduldsfaden mit Spanien. Sie verklagte das Land im Sommer wegen des Überschreitens der Grenzwerte für Stickoxid – Gase, die vor allem durch den Autoverkehr verursacht werden. Die Klage richtete sich gegen den „dauerhaften Verstoß“ in Madrid, Barcelona und Vallès-Baix Llobregat, einen Vorort von Barcelona. Die Verstöße sind kein rein administrativer Akt: Nach Angaben der europäischen Umweltbehörde sind die hohen Schadstoffwerte dafür verantwortlich, dass in Spanien jedes Jahr 9000 Menschen vorzeitig sterben.

Im Jahr zuvor hatte die EU noch von einer Klage gegen Spanien abgesehen – unter anderem, weil das Projekt Madrid Central eine entscheidende Maßnahme zur Verbesserung darstellte. Treffen die Staaten die nötigen Vorkehrungen, um die Luftqualität zu verbessern, sieht die Kommission von einer Klage ab.

Almeida tritt nun mit einem eigenen Umweltschutzplan an, der für die gesamte Stadt gelten soll und nicht nur für den Innenstadtkern. „Der Kern machte gerade einmal 1,5 Prozent des Stadtgebiets aus“, erklärt er. Die Forderung von zwei Insassen pro Wagen soll ein Anreiz sein, dass auch im Rest der Stadt weniger Autos nur mit einer Person zirkulieren – schließlich lädt kaum jemand an der Grenze zur Innenstadt eine zweite Person in den Wagen.

Die Idee ist nicht neu: Auch bestimmte Autobahn-Fahrstreifen werden in Spanien bei starkem Verkehr nur für Autos mit mindestens zwei Insassen geöffnet. Einige Spanier umgingen die Vorschrift, indem sie aufblasbare Gummipuppen auf den Beifahrersitz platzierten. Aber im Großen und Ganzen funktioniert das System.

Zudem baut Almeida zwei kostenlose Elektrobus-Linien, die das Zentrum von Norden nach Süden und von Westen nach Osten befahren. „Wieso sollte jemand mit dem Auto in die Stadt fahren wollen, wenn er auch kostenlos mit dem Bus dorthin kommen kann?“, fragt Almeida rhetorisch. Zudem will er im Süden von Madrid auf 600 Hektar einen neuen Stadtwald mit 100.000 Bäumen pflanzen.

Ab Januar soll das neue Konzept stufenweise in Kraft treten. Almeidas Ziel ist, die Stickstoffoxide bis zum Jahr 2023 um 20 Prozent zu reduzieren und damit um 15 Prozent mehr als es seine Vorgängerin geplant hatte. Greenpeace schenkt den Zahlen keinen Glauben und beschreibt die neuen Maßnahmen als populistisch. Sie würden „nichts Substantielles an der Luft ändern, die man in der Stadt atmet.“ Die Organisation will mit weiteren Umweltverbänden vor allem gegen die Öffnung des Zentrums für Autos vorgehen.

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