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Spanien Regierung in Madrid lässt Francos Gebeine ausgraben

Auch mehr als 40 Jahre nach dem Tod des Despoten kämpft das Land noch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Premier Sánchez will jetzt Zeichen setzen.   
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Täglich pilgern viele Franco-Anhänger an das Grab des Diktators. Das Mausoleum enthält keinerlei Hinweis auf die dunkle Vergangenheit Spaniens. Quelle: Reuters
Grab des Diktators Franco

Täglich pilgern viele Franco-Anhänger an das Grab des Diktators. Das Mausoleum enthält keinerlei Hinweis auf die dunkle Vergangenheit Spaniens.

(Foto: Reuters)

Madrid50 Kilometer vor der spanischen Hauptstadt ragt das größte freistehende Kreuz der Welt auf einem Bergrücken der Sierra de Guadarrama empor. 150 Meter ist es hoch und schon kilometerweit entfernt sichtbar. Zu seinen Füßen ist eine ebenfalls riesige Basilika in den Berg hinein gehauen – auf insgesamt 263 Metern Länge.

Der spanische Diktator Francisco Franco ließ beides von Zehntausenden Zwangsarbeitern – meist Häftlingen - errichten, um an die „Helden des Kreuzzuges“ zu erinnern, wie er den spanischen Bürgerkrieg nannte. Den hatte er 1936 mit einem Militärputsch selbst ausgelöst und 1939 gewonnen. Das Valle de los Caídos (Tal der Gefallenen) ist das bedeutendste Symbol seiner Diktatur, 33.872 Körper sind unter der Basilika begraben.

Vor allem aber liegen dort auch die Überreste von Franco selbst. Zu dessen Todestag am 20. November versammeln sich seine Anhänger jedes Jahr in der Basilika und beten für Francos ewige Seele. Nichts in dem gigantischen Mausoleum oder auf dem riesigen Platz davor ordnet das Monument in den historischen Kontext ein. Auf dem Grabstein, der im Boden hinter dem Altar eingelassenen ist, steht nur schlicht „Francisco Franco“. Darauf liegt stets ein frischer Blumenstrauß.

Die neue sozialistische Regierung will das nun ändern. Sie hat beschlossen, Franco zu exhumieren, alle Symbole zur Glorifizierung seiner Herrschaft zu entfernen und das Valle de los Caídos in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Zudem gründet sie eine „Wahrheitskommission“, um die über 100.000 Mordopfer Francos, die namenlos im Land verteilt verscharrt worden sind, zu identifizieren und würdig zu begraben.

„Es ist inakzeptabel, dass Spanien gemessen an der Zahl der Vermissten hinter Kambodscha weltweit an zweiter Stelle steht“, sagte die neue Justizministerin Dolores Delgado am Mittwoch. Sie plant ein offizielles Register mit den Opfern des Bürgerkriegs sowie der spanischen Diktatur.

Spanien ist eine moderne Demokratie, aber zu der Franco-Ära haben die Spanier immer noch ein gespaltenes Verhältnis. Als der Despot 1975 starb, wollte niemand alte Wunden aufreißen und das Land in Sieger und Besiegte spalten. Womöglich hat das damals dazu beigetragen, dass Spanien einen friedlichen Übergang zur Demokratie geschafft hat. Doch in den Schulen, in Familien und in Freundeskreisen ist die Epoche dadurch bis heute ein heikles Thema.

Auch was die Pläne für das Valle de los Caídos angeht, ist die Bevölkerung gespalten: Nach einer aktuellen Umfrage sind 46 Prozent dafür, Francos Überreste zu verlegen, 35 Prozent sind dagegen, der Rest unentschlossen. Zu den Gegnern gehört die konservative Partei PP. Premier Sánchez „will versuchen, wieder bipolare Gesellschaften zu schaffen, die schon überwunden sind“, sagt die junge PP-Abgeordnete Andrea Levy. Stattdessen sollten die „Spanier in die Zukunft schauen“.

Dabei hat sich die PP im Parlament enthalten, als die Sozialisten dort im vergangenen Jahr noch als Oppositionspartei den Antrag zur Exhumierung Francos einbrachten. Alle übrigen Parteien stimmten zu. Das Ende des so symbolträchtigen wie umstrittenen Tals der Gefallenen dürfte deshalb zu den wenigen Projekten gehören, für die Sánchez die erforderliche Mehrheit im Parlament bekommt.

Das 150 Meter hohe Kreuz ist dann immer noch von weitem sichtbar. Aber die Hunderttausende Besucher, die jedes Jahr ins Valle de los Caídos fahren, werden vor Ort zumindest aufgeklärt. Und diejenigen, die das Tal zur vermeintlichen Helden-Verehrung besucht haben, finden dort künftig weder das Grab des Diktators noch die unkommentierte Symbolik vor. 

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1 Kommentar zu "Spanien: Regierung in Madrid lässt Francos Gebeine ausgraben"

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  • Buergerkrieg ist der schlimmste Krieg. Damit sich die Buerger gegen eine Regierung
    gewaltsam erheben, muss es schlimm stehen. Der spanische Buergerkrieg wurde nicht
    von aussen ausgeloest - er wurde aber auf beiden Seiten von aussen unterstuetzt. Die
    "Roten" waren genauso schlimm wie die Frankisten. Nachlesen in "Eine kurze Geschichte
    Spaniens" erschienen bei Reclam und von unparteiischen Historikern geschrieben.

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