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USA Wie Trump ein Hipster-Restaurant lahmlegte

Die Sprecherin des Weißen Hauses wird eines Lokals verwiesen – der Vorfall erzürnt Trump-Anhänger. Doch ein Teil des Zorns trifft das falsche Restaurant.
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Donald Trump: Wie der US-Präsident ein Hipster-Restaurant lahmlegte
„Red Hen“ in Washington

Das Schild im Schaufenster soll auf die Verwechslung hinweisen.

WashingtonZwei Dinge fallen sofort auf, wenn man in diesen Tagen das italienische Restaurant „Red Hen” in Washington besucht. Ungewöhnlich viele Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft – die meisten tragen Yogamatten, Jutebeutel und Wasserflaschen mit sich herum – bleiben vor dem unscheinbaren Lokal stehen und machen Fotos.

Außerdem prangt ein riesiges Schild am Eingang: „Not THIS Red Hen” ist darauf zu lesen, „Nicht DIESES Red Hen”. Es ist ein Warnhinweis, der schützen soll: Vor Beleidigungen, Fragen und sogar möglichen Attacken.

Schuld ist ein Vorfall, der bundesweit die Gemüter in den USA erregt – und der das Lokal unfreiwillig zwischen die Fronten von Trump-Anhängern und Trump-Gegner katapultiert hat.

Was ist passiert? Die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, war am vergangenen Wochenende eines Lokals verwiesen worden. Sanders ist so etwas wie das Hitzeschild der Trump-Regierung. Sie erklärt und verteidigt jeden Tag die oft widersprüchlichen Entscheidungen des Präsidenten, wehrt Kritik ab und wurde mehr als einmal dabei ertappt, Wahrheiten verdreht zu haben.

Eine Gastronomin bat Sanders und ihre Familie schließlich, ihr Abendessen woanders zu sich zu nehmen – als Zeichen des Protests gegen die Trump-Regierung. Sanders kritisierte den Zwischenfall über den offiziellen Twitter-Account des Weißen Hauses und nannte auch den Namen der Räumlichkeiten: „Red Hen”.

Es gibt mehrere „Rote Hennen”

Allerdings ist das Restaurant, in dem Sanders nicht speisen durfte, 200 Kilometer vom gleichnamigen Lokal in Washington entfernt. Es befindet sich in der Stadt Lexington im Bundesstaat Virginia und hat mit dem „Red Hen” in der US-Hauptstadt nichts zu tun.

Doch das ist wütenden Trump-Anhängern egal. Kürzlich flogen Eier gegen die Scheiben des „Red Hen” in Washington, die Website brach zusammen. Google musste die Internet-Rezensionen vorübergehend löschen, weil sie mit Pöbeleien geflutet wurden. Das Telefon steht nicht still. Social-Media-Managerin Alysa Turner ist seit Samstag im Dauereinsatz, um klarzustellen: Wir sind der falsche Adressat!

Doch bislang nutzt die Mühe nichts, und dafür ist auch der US-Präsident persönlich verantwortlich. Während seine Sprecherin Sanders explizit darauf hinwies, man habe ihr in der Stadt Lexington das Essen verwehrt, unterschlug Trump dieses Detail. „Das Red Hen Restaurant sollte lieber seine schmuddeligen Markisen, Türen und Fenster sauber machen”, lästerte der Präsident auf Twitter. „Wenn ein Restaurant außen dreckig ist, ist es auch innen dreckig!”

Nach Trumps Tweet wurde die Lage noch schlimmer. Dem Geschäft scheint die Aufregung zwar nicht zu schaden: Kurzfristig ist kein Tisch zu bekommen, am Abend stehen die Menschen Schlange, um noch einen Platz zu ergattern.

Doch geht man am helllichten Tag vorbei und spricht mit einigen Mitarbeitern, wird schnell klar: Der Trubel ist kaum lustig oder wünschenswert. „Ganz ehrlich: Das Schild hängt dort, damit wir unsere Mitarbeiter schützen”, sagt ein Schicht-Manager, der gerade die Theke vom Vorabend aufräumt. Das Restaurant hat Todesdrohungen empfangen, Besitzer Mike Friedman verbrachte Stunden auf dem Polizeirevier, um sie zu melden.

Man könnte die Aufregung als Provinzposse abtun, doch sie steht für eine beunruhigende Entwicklung. Zum einen zeigt sie erneut, wie rasant sich Falschnachrichten im Netz verbreiten, trotz öffentlicher Aufklärung und allmählicher Bemühungen großer Internet-Konzerne, gegenzusteuern.

Sowohl das „Red Hen”-Restaurant in Lexington als auch das in Washington wurde mit gefälschten Fotos von schimmeligem Essen bombardiert, oder mit unappetitlichen Verschwörungstheorien – die Rede war von Mafia-Nähe bis zum Pädophilen-Ring.

Wie weit darf politischer Protest gehen?

Der Vorfall um Sanders hat zudem eine hitzige Debatte darüber ausgelöst, wie weit Protest gehen darf. Angriffsfläche bietet die Trump-Regierung genug: Bilder von weinenden Kindern an der Grenze zu Mexiko, die von ihren Eltern getrennt wurden, gingen um die Welt.

Trumps Innenministerin Kirstjen Nielsen wurde deshalb in einem mexikanischen Restaurant in Washington von Demonstranten umringt, die ihr „Schande! Schande!“ und „Faschistische Schlampe!” entgegen riefen. Der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, wurde am Dienstag von Aktivisten vor seinem Privathaus abgefangen.

Die demokratische Abgeordnete Maxine Waters sagte, sie unterstütze solche Auseinandersetzungen. „Wenn ihr jemanden von diesem Kabinett in einem Restaurant oder an der Tankstelle seht, dann sorgt dafür, dass ein Auflauf entsteht. Gebt ihnen das Gefühl, dass sie nicht mehr willkommen sind, nirgendwo.”

Das rechte Lager spricht von gefährlicher Aufstachelung. Teile des linken Lagers wiederum verweisen auf Aktionen der radikal-konservativen Tea-Party-Bewegung. Als sich die US-Politik im Jahr 2010 spürbar radikalisierte, tauchten deren Anhänger mitunter mit Waffen auf Veranstaltungen von Linken auf, um für bedrohliche Stimmung zu sorgen. Wer hat angefangen? Wie verschaffen sich die Lager der Nation Gehör? Welche Mittel sind angemessen? Das sind Fragen, die Amerika unter Trump umtreiben.

Die Managerin des „Red Hen” in Lexington, Stephanie Wilkonson, wird noch lange mit den Folgen ihrer Entscheidung zu kämpfen haben. Als Führungsmitglied des örtlichen Einkaufsmeilen-Verbandes trat sie gerade zurück, ihr Lokal ist im Ausnahmezustand.

Und das gleichnamige Restaurant in Washington versucht sich weiter in Schadensbegrenzung. Einmischen werde man sich in den Streit nicht, teilte das „Red Hen” in der Hauptstadt mit: „Wir haben Gäste unterschiedlichen politischen Spektrums”.

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