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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Ein Jahr E-Scooter in Washington – sowohl praktisch als auch ein Ärgernis

Seit rund einem Jahr sind elektrische Scooter in der US-Hauptstadt zugelassen. Doch statt Verkehrsprobleme zu lösen, sorgen sie für neuen Ärger.
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Seit Mitte Juni dürfen nun auch E-Scooter im großen Stil in Deutschland gefahren werden. Quelle: dpa
E-Scooter

Seit Mitte Juni dürfen nun auch E-Scooter im großen Stil in Deutschland gefahren werden.

(Foto: dpa)

Washington Wenn man Glück hat, kündigen sie sich mit einem leisen „Sssssssurrrr“ an. Dann kann man sich schon einmal darauf gefasst machen, dass in den nächsten Sekunden ein Roller auf dem Gehsteig vorbeiziehen wird, manchmal begleitet von einem hastigen „Excuse me…“ des Fahrers. Seit einigen Monaten wird man als Fußgänger in Washington immer häufiger von Scootern überholt, im vergangenen Jahr starteten Sharing-Anbieter mit der Vermietung.

Seit Mitte Juni dürfen die E-Tretroller nun auch in Deutschland im großen Stil genutzt werden, die Fahrten sind jedoch streng auf Radwege und Straßen beschränkt. Die ersten Scooter-Erfahrungen in der US-Hauptstadt bringen zumindest Spaß. Die ersten Sekunden fühlen sich wackelig an, danach nur noch wie Kindheitserinnerung und Freiheit. Praktisch sind die Roller auch noch.

Eine ausladende Tasche sollte man zwar nicht darauf transportieren, selbst ein Sechserpack Bier ist schwierig. Doch auf dem geriffelten Trittbrett bleiben Sneaker und Pumps standhaft, und die Miete ist denkbar leicht: App öffnen, Roller lokalisieren, draufsteigen, los. Binnen eines Jahres hat sich Washington zu einem Labor für Scooter verwandelt, jeder Sechste gibt an, schon einmal Tretroller gefahren zu sein. Mittlerweile gibt es sechs Anbieter für den Service: Bird, Lime, Lyft, Skip, Spin und der Uber-Ableger Jump. Nicht nur Touristen, auch Beamte, Bänker, Büroangestellte brausen mit Scootern durch die Stadt.

Nur wenige halten sich an Gehsteig-Verbot

Doch in der Praxis sorgen die Scooter auch für jede Menge Probleme. So halten sich eben die wenigsten Fahrer an das Gehsteig-Verbot, das in Washington in einem bestimmten Radius um die Innenstadt gilt. Wirksame Kontrollen scheint es keine zu geben. Zwar vermisst man als Expat in den USA die deutschen Ordnungsamt-Mitarbeiter, die selbst an Feiertagen durch den Bezirk stromern, nur selten.

Doch manchmal wünscht man sich ein paar davon in Washington, um Roller-Rowdies in die Schranken zu weisen. „In den letzten Monaten habe ich unzählige Male erlebt, dass Elektroroller mit großer Geschwindigkeit von hinten angefahren kommen“, sagt Warren Gorlick, ein Rentner aus dem Viertel Cleveland Park. „Ich bin nicht mehr jung, ich gehe langsam. Die Roller sind unheimlich leise, ich weiß nie, wann der nächste kommt.“

Verhältnismäßig schnell sind sie auch, rund 25 Kilometer pro Stunde kann man durchschnittlich damit fahren. Kürzlich berichteten Lokalmedien über einen Geldbörsen-Dieb, der das Opfer zunächst erschreckte, bedrohte, und sich schließlich samt Beute auf einem Roller davon machte. Ein anderes Problem ist der achtlose Umgang mit den Geräten. Manche nutzen die Scooter für einen Ausflug ins Umland, aber nehmen sie dann nicht mit zurück.

Auf dem Mount Vernon Trail, einem beliebten Rad- und Wanderweg am Stadtrand, zählte ein Autor des Lokalblattes „Washingtonian“ 34 im Gras liegende Scooter auf einen Kilometer Weg. Und in der Innenstadt sieht man regelmäßig Scooter, die mitten auf dem Gehweg abgestellt werden, häufig kippen sie einfach um.

Üblicherweise beschäftigen die Unternehmen eine Reihe von Helfern, die die Roller einsammeln, aufladen und wieder in den Betrieb bringen, doch nicht immer ist sofort jemand zur Stelle. Als vor einigen Wochen ein in der Sonne stehender Scooter am Wegesrand in Brand geriet, wurden Sicherheitsbedenken laut. Ursache war offenbar eine defekte Batterie. Der Betreiber Skip versicherte, es handele sich um einen Einzelfall.

Kritiker sagen, der Scooter-Gebrauch sei zudem schlichtweg zu gefährlich. Im vergangenen Herbst wurde ein Rollerfahrer beim Überqueren des Dupont Circle, ein stark befahrener Kreisverkehr im Stadtzentrum, getötet. Der junge Mann war von einem Geländewagen erfasst und 20 Meter weit gezogen worden, er verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. In den USA gibt es keine Helmpflicht, weder für Fahrrad- noch für Scooter-Fahrer.

In der „Washington Post“ berichteten Notärzte aus sieben Städten, darunter Austin, Atlanta und Nashville, von einem Anstieg schwerer Scooter-Unfälle, vor allem gebrochene Nasen, Handgelenke und Schultern, aber auch Frakturen im Gesicht werden behandelt.

Dabei ist Washington eigentlich ideal für den Einsatz von Rollern. Die Stadt ist kompakt, nicht riesig, sie hat gerade einmal 600.000 Einwohner. Die quadratisch angeordneten Straßen in der City sind perfekt für die Orientierung, und dafür, in kurzer Zeit eine lange Strecke zurücklegen zu können – vorbei an den massiven Staus, die die Stadt zu Stoßzeiten in ein Meer aus Blechlawinen verwandeln.

Stellenweise ist Washington hügelig, was das normale Fahrradfahren erschwert, es sei denn, man möchte zu einem Termin erscheinen wie frisch nach einem Saunabesuch. Für Sharing-Anbieter ist Washington lukrativ, als Regierungssitz beherbergt die Stadt Zehntausende Menschen, die schnell von A nach B kommen müssen, zumal Parkplätze rar sind und der öffentliche Nahverkehr notorisch schlecht ist.

Auf Busse wartet man schon einmal vergeblich, die U-Bahn ist sauber, aber häufig zu spät oder pannenanfällig. Für den Moment also sind Scooter für immer mehr Menschen eine sinnvolle und praktische Alternative – Tendenz steigend: Rund 6000 Scooter sind derzeit zugelassen, bis Ende des Jahres soll sich die Zahl verdoppeln.

Der Washingtoner Peter Krupa wirbt dafür, dass die Scooter-Kritiker ihre Bedenken drosseln. Denn das eigentliche Problem, argumentiert er, seien nicht nicht die Roller, sondern es sei der Rest der Verkehrs. „Ich gehe viel in DC spazieren oder fahre Fahrrad“, sagt er. „Und eines hat sich nicht geändert: Autofahrer sind immer noch die größte Gefahr für Leib und Leben in dieser Stadt.“

Mehr: In Frankreichs Hauptstadt sind E-Scooter bereits seit einem Jahr erlaubt. Doch die Erfahrungen sollten für deutsche Städte eher eine Warnung sein.

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