Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum in Washington die Suche nach Abkühlung so schwierig ist

Einfach so ins Wasser springen? In der US-Hauptstadt gestaltet sich das Baden als kompliziert. Es gibt eine Menge seltsamer Regeln zu beachten.
Kommentieren
In den amerikanischen „Outdoor-Pools“ gelten zahlreiche Regeln für die Badegäste.
Freibad

In den amerikanischen „Outdoor-Pools“ gelten zahlreiche Regeln für die Badegäste.

Washington Wenn man in Washington irritierte Blicke ernten möchte, hat man mehrere Möglichkeiten. Zu einem Klassiker gehört die Frage: „Wie komme ich denn da am besten hin?“, die man sich als Zugezogene aus dem europäischen Ausland sofort abgewöhnt. Denn die Antwort lautet natürlich stets: mit dem Auto, Auto, Auto – selbst wenn der zu erreichende Ort nur zwölf Fußminuten oder eine Busfahrt entfernt ist.

Auch sollte man sich niemals von Nachbarn dabei erwischen lassen, wie man selbst Unkraut zupft. Gärtnerarbeiten erledigen in der US-Hauptstadt nur Rentner mit viel Zeit. Die gestresste arbeitende Bevölkerung bestellt sich dafür einen Trupp flinker Pflückhände, der in 20 Minuten alles unerwünscht Rankende vernichtet. Extrem erstaunte Reaktionen aber bekommt man, wenn man sich nach den besten Badestellen umhört.

Ein Flussufer oder ein See, irgendwas Erfrischendes halt, in das man schnell nach der Arbeit hineinspringen kann – gibt es so was? Wenn schon nicht in den chronisch verdreckten Flüssen der Region, dann vielleicht im näheren Umland?

 Alternativen zum Hallenbad?

Die erste und einzige Empfehlung ist ein Hallenbad, was im Sommer nicht gerade verlockend ist. Selbst bei konstanten 38 Grad Celsius und 75 Prozent Luftfeuchte, wie im Juli und August typisch, scheint Schwimmen unter freiem Himmel reizvoller als Kacheln und Chlorgeruch. Ein Problem für Wasserratten ist, dass Washington nicht gerade in einer Seen-Gegend liegt. Dafür kann ja niemand was, außer vielleicht das Pleistozän – eine Eiszeit vor ungefähr zweieinhalb Millionen Jahren.

Stattdessen gibt es „Swimming-Holes“ an Wasserfällen, aber die sind mindestens drei Autostunden entfernt – was okay ist für einen Wochenendausflug, aber weniger optimal für die Abkühlung zwischendurch. Ähnlich verhält es sich mit dem Meer: Es gibt hübsche Strände, aber die sind eben auch nicht um die Ecke.

Der Rock Creek, der Washington von Norden nach Süden durchzieht, bietet zwar eine nette Jogging-Kulisse, aber die Farbe des Flusses ähnelt dem Abwaschwasser einer Großkompanie. Auf dem Potomac River im Süden und dem Anacostia River im Osten wird gepaddelt und gesegelt, es gibt Tret- und Partyboote. Aber absichtlich ins Wasser springen möchte niemand, dem seine Gesundheit etwas wert ist.

 Kein Baden ohne Bademeister

Bemühungen, Teile der fließenden Gewässer zu reinigen, scheiterten in der Vergangenheit. Vielleicht auch, weil es an der Nachfrage mangelt. Tja, Amerikaner hätten ein schwieriges Verhältnis zu Wasser in der Natur, erklärt ein befreundeter US-Bürger. Er könne sich das auch nicht so richtig erklären. Aber es habe etwas damit zu tun, dass man schon als Kind lerne, ohne Lifeguards, also Rettungsschwimmer, sei selbst ein harmloser Waldsee quasi eine Todeszone.

Ein befreundetes Paar aus Deutschland erzählte mir, es sei auf der Durchreise in den Bundesstaaten Pennsylvania und New York an einem idyllisch gelegenen Badesee vorbeigekommen. Nur eine Stelle zum Einstieg habe es vergeblich gesucht, das Ufer sei komplett von Grundstücken belegt und umzäunt gewesen.

Natürlich sei Baden in der Natur in anderen Teilen der USA durchaus üblich, erzählen andere Bekannte. Im Bundesstaat Michigan zum Beispiel sei sie sehr lebendig, die Vom-Bootssteg-ins-Wasser-springen-Romantik – auch abseits der Great Lakes, der großen Megaseen im Norden der USA.

Privatisierte Freibäder

Rund um die Metropolen der Ostküste gestaltet sich das unkomplizierte Baden aber schwierig. Es bleibt der Gang in einen der immerhin zahlreichen „Outdoor-Pools“, die Freibäder. Wie groß die Freude, als ich per Google Maps einen Pool in der eigenen Straße entdecke! Nur zwei Minuten entfernt! Ein Traum! Leider muss man Klubmitglied sein, um Zugang zu bekommen.

Es ist nicht unüblich, dass einige Bäder voll privatisiert sind, und es gibt lange Wartelisten. Zum Glück schmuggeln mich nette Nachbarn mit Mitgliedskarte an einem schwülen Samstag hinein. Der Pool ist klein, aber gepflegt. Allerdings werden zu jeder vollen Stunde auf Anordnung der Bademeister sämtliche Kinder von ihren Eltern aus dem Wasser gescheucht. „15 Minuten nur für Erwachsene!“, brüllt ein Aufseher.

Eine Horde Mittfünfziger in Badekappen springt ins Becken, um ein paar Bahnen zu ziehen. Sehr entspannt sieht das alles nicht aus. Später erfahre ich den Kostenpunkt. Der Pool ist nur 14 Wochen im Jahr offen, zwischen den Feiertagen Memorial Day Ende Mai und Labour Day Anfang September. Dafür zahlt man rund 700 US-Dollar, umgerechnet 600 Euro. Puh! Vielleicht ein andermal.

Kein Ersatz für Badeseen

Weitere Recherchen ergeben, dass die Gegend einige öffentliche Freibäder zu bieten hat. Die schönsten befinden sich im Umland. Das gehört streng genommen nicht mehr zu Washington, sondern zu den Bundesstaaten Maryland und Virginia. Wohnt man in der Hauptstadt, kann man die Sonderpreise für Anwohner nicht mehr in Anspruch nehmen. Eine befreundete dreiköpfige Familie zahlte dort umgerechnet 40 Euro Eintritt, Rabatt fürs Kleinkind gab es nicht.

Doch am heißesten Tag des Jahres ist der Bethesda Pool, etwa 30 Minuten Fahrtzeit von der Innenstadt entfernt, eine wahre Wohltat. Endlich spürt man Gras unter den Zehen. Es gibt echten Schatten von echten Bäumen, die mehrere saubere und großzügige Schwimmbecken umgeben.

Es geht also doch, das entspannte Baden ... Doch plötzlich ertönt eine Trillerpfeife. „SICHERHEITSPAUSE!“, ruft ein Aufseher durchs Megafon. Alle Menschen müssen in einem Affenzahn alle Pools für 15 Minuten verlassen, Hektik bricht aus. Anschließend passiert – nichts. Das Becken ruht für eine Viertelstunde menschenleer in der Gluthitze.

Wer Erfrischung im Sommer will, muss seltsame Regeln wie diese wohl in Kauf nehmen. Das Freibad ist ansonsten sehr schön. Aber ein Ersatz für einen Badesee, wo man höchstens mal von einer Alge am Knöchel gestört wird, ist es nicht.

Mehr: Sauberes Wasser ist eines der ganz großen Zukunftsthemen. Spezielle Aktien und Fonds bieten Investoren neben einem guten Gewissen ordentliche Renditen – längerfristig zumindest.

Startseite

0 Kommentare zu "Weltgeschichte: Warum in Washington die Suche nach Abkühlung so schwierig ist"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote