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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Thailand Warum die dicke Luft in Bangkok das Leben schwermacht

In Deutschland streitet man sich über Feinstaub-Grenzwerte, in Bangkok ist schon mit einem Atemzug klar: So kann es nicht weitergehen. Thailand flüchtet sich in Aktionismus.
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Thailand: Warum die dicke Luft in Bangkok das Leben schwer macht Quelle: AP
Alltag in Bangkok

Wer in Thailands Hauptstadt auf die Straße geht, weiß schon mit einem Atemzug: Die Luft ist unerträglich geworden. Ohne Atemschutzmaske ist der Aufenthalt im Freien kaum möglich.

(Foto: AP)

BangkokAus der Ferne blicke ich mit einem gewissen Neid auf die Feinstaubdebatte in Deutschland. Da wird eifrig darüber debattiert, welche Grenzwerte die richtigen sind und ab wann die Luftverschmutzung die Gesundheit gefährdet. In meiner Wahlheimat Bangkok wirken solche akademischen Debatten wie ein Luxus aus längst vergangenen Zeiten.

Wer hier auf die Straße geht, weiß schon mit einem Atemzug: Die Luft ist unerträglich geworden.

Durch mein Fenster sehe ich einen weißen Nebel, der die Hochhäuser in der Nachbarschaft einhüllt und beinahe verschwinden lässt. Seit Wochen ist er nun schon da und hält sich hartnäckig über der Stadt. Es handelt sich um kein Wetterphänomen, sondern um toxische Luft – das macht ein Blick auf eine der extrem populär gewordenen Smog-Alarm-Apps deutlich.

Rot unterlegt erscheint die Warnstufe am Display: „Ungesund“, lautet das Urteil. Zum Vergleich: In Deutschland wird gerade der Grenzwert für die besonders gefährlichen Feinstaubpartikel PM2.5 von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresdurchschnitt diskutiert. In den USA liegt der Grenzwert bei weniger als der Hälfte. In Bangkok pendelte sich der PM2.5-Wert in den vergangenen Tagen bei weit über 100 ein.

Von sportlichen Aktivitäten im Freien wird dringend abgeraten, empfiehlt die App. Das leuchtet mir ein, sobald ich das Haus verlasse: Manchmal riecht es nach Verbranntem und manchmal eher so, als stünde man direkt hinter einem qualmenden Auspuff. Klar ist: Damit will niemand seine Lungen fluten.

Eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen habe ich deshalb eingestellt: Morgens durch die Nachbarschaft zu joggen lasse ich bei diesen Luftverhältnissen lieber bleiben. Wenn Sport nicht gesünder, sondern kränker macht, vergeht mir der Spaß daran.

Ich brauche neuerdings aber auch keine Ausdauerläufe mehr, um außer Atem zu kommen. Das erledigt inzwischen mein neuestes Accessoire: eine Atemschutzmaske, die ich mir im Freien über Mund und Nase ziehe. Sie ist mit dem Schutzgrad N95 klassifiziert und kann auch Kleinstpartikel aus der Luft filtern. Der Preis dafür ist, dass das Luftholen schwererfällt. Zudem schwitze ich unter der Maske, die ein wenig nach Krankenhaus riecht.

Noch habe ich die Hoffnung, dass ich mich an den Atemschutz früher oder später gewöhnen werde. In meinem Freundeskreis gehöre ich zu den Letzten, die sich mit einer Maske ausgestattet haben. Während die meisten Thailänder die schmutzige Luft vor einem Jahr, als sich Bangkok schon einmal in einer akuten Smogkrise befand, weitgehend verdrängten, ist das Problembewusstsein stark gestiegen.

Inzwischen sind verhüllte Gesichter auf den Straßen allgegenwärtig. Thailand mag vielleicht immer noch das Land des Lächelns sein, wie es sich selbst gern nennt. Aber in Zeiten der Schutzmasken ist davon nichts mehr zu sehen.

Die Behörden flüchten sich unterdessen in fragwürdigen Aktionismus: Die Stadtverwaltung lässt aus Mangel an Regen, der die Lage etwas verbessern könnte, Wasser von Dächern, aus Tanklastern und mithilfe von Drohnen über die Stadt sprayen. Außer kleineren Überflutungen hatte dies aber bisher keinen spürbaren Effekt.

Der Gouverneur der Hauptstadt ließ zudem Hunderte öffentliche Schulen wegen der Luftverschmutzung vorerst schließen. Die Logik dahinter erschloss sich Beobachtern nicht auf Anhieb: Schließlich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Luft in den Schulen schlechter sei als bei den Schülern zu Hause.

Ein ernsthafter Versuch, die Ursachen der Luftverschmutzung zu bekämpfen, findet nicht statt. Bangkoks Straßen sind mit dem stetig zunehmenden Verkehr überfordert. Zur Rushhour stehen die Einwohner der Zehn-Millionen-Metropole oft stundenlang im Stau und blasen dabei weiter Abgase in die Luft. Der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel läuft zu langsam, um den Autofahrern eine ernst zu nehmende Alternative zu bieten.

Gleichzeitig herrscht in der Stadt ein nicht enden wollender Bauboom, der ebenfalls zur Staubbelastung beiträgt. Viele der neuen Hochhauswohnungen stehen zwar leer. Immobilienspekulanten, vor allem aus China, halten den Markt aber am Laufen.

In einzelnen Stadtteilen wollen die Behörden nun zumindest kurzfristig Entlastung schaffen und im Notfall auch Straßen sperren. Besonders ambitioniert sind die Ziele aber nicht. Der Umweltminister der thailändischen Militärregierung, Surasak Kanjanarat, prognostiziert, dass Grenzwerte, wie sie in Deutschland gelten, in Bangkok erst in 10 bis 20 Jahren erreicht werden könnten.

In der Zwischenzeit bleibt Bangkoks Einwohnern nur die Schutzmaske – und der Neid auf die deutsche Gewissenhaftigkeit in der Feinstaubdebatte.

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