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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

USA Mut zur Parklücke: Wie die Bewohner San Francisco den Mietwahnsinn bekämpfen

Die Westküstenmetropole ächzt unter hohen Mietpreisen. Einige Bürger besetzen nun Parkflächen als Büro. Es ist ein verzweifelter Ruf nach Hilfe.
08.05.2019 - 15:09 Uhr Kommentieren
In der Westküstenmetropol treiben horrende Mieten für Büros die Menschen zum Arbeiten auf die Straßen.
Büroflächen auf den Straßen San Franciscos

In der Westküstenmetropol treiben horrende Mieten für Büros die Menschen zum Arbeiten auf die Straßen.

San Francisco Victor Pontis hat die Nase voll. Blechkarossen von Tesla bis Chevrolet verschwenden stunden- oder tagelang für kleines Geld kostbaren Straßenraum in San Francisco als Parkfläche, moniert er. Währenddessen müssen sich die Einwohner der Stadt an der Westküste winzige Wohnungen zu horrenden Mieten teilen und überteuerte Büros anmieten.

Pontis will dem den Kampf ansagen und hat deshalb Ende April die Initiative WePark gegründet. Mit Klapptisch und Stuhl „besetzt“ er Parklücken in der Stadt und will sich so den Lebensraum zurückholen, den viele schon unwiederbringlich an den „ruhenden Verkehr“ verloren geglaubt haben.

Auf Twitter kündigt der Webdesigner an, wann er wo sein nächstes Parkstreifen-Büro aufmachen will. Jedermann ist eingeladen, dazuzustoßen. Die Parkgebühren, irgendwo zwischen zwei und fünf Dollar pro Stunde, teilt man sich. Die Aktion gegen die Parkraumverschwendung für Autos hat binnen weniger Tage schon Nachahmer in Santa Monica oder sogar im französischen Toulouse gefunden.

Was als Protestaktion begann, könnte sich sogar zur Geschäftsidee entwickeln. Autoanhänger mit einer Zulassung und Nummernschild können legal für einen begrenzten Zeitraum in jeder Parklücke in San Francisco abgestellt und als mobiles Büro genutzt werden.

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    Sie böten ein Dach über dem Kopf, vielleicht einen großen Akku im Fahrzeugboden, Steckdosen, einen Drucker oder eine Kaffeemaschine. 2,75 Dollar Parkgebühren, vier Büroarbeiter, von denen jeder 5 Dollar die Stunde zahlt – und fertig ist das Start Up.

    Kollaboratives Arbeiten in der Öffentlichkeit hat Tradition in San Francisco. Mit Mietpreissteigerungen jenseits der Obszönitätsgrenze, können sich selbst gutverdienende Mittelständler mit 4000 Dollar Monatsgehalt nicht viel mehr als ein Bett in einem Doppelzimmer leisten. Selbst das kostet schon zwischen 500 und 1000 Dollar pro Monat.

    Ein eigenes Zimmer mit abschließbarer Tür und Schreibtisch neben dem Bett ist schon purer Luxus. Ein 35 Quadratmeter-Studio im Altbau kommt inklusive Nebenkosten und Heizung – falls vorhanden – schnell auf 75 Dollar pro Quadratmeter. Die 100-Dollar-Grenze ist in besserer Lage oder im Neubau geknackt.

    Unter diesen bedrängten Umständen ist an ein konzentriertes Arbeiten praktisch nicht zu denken. Also zieht es viele in Coffee Shops. Das „Cup a Joe’s“ auf der Leavenworth Street ist ab dem frühen Morgen durchgängig von mobilen Arbeitern belegt, die mit dem Laptop unter dem Arm der Öde ihrer Schlafhöhlen entfliehen.

    Das Bild ist immer das Gleiche: Ein Tisch mit vier Stühlen, besetzt von einer Person, Laptop, Papiere, Backpack und sonstigem platzraubenden Füllstoff, der strategisch auf Tischplatte und Stühlen verteilt ist. Wer sich nähert, wird von Blicken getroffen, die an Deutlichkeit nicht zu überbieten sind: „Sprich mich an, ob ich für dich was wegräume und ich bring dich um“, blitzt es aus zugekniffenen Augen.

    Von vielen Auswärtigen und Silicon-Valley-Romantikern wird das Arbeiten im Kaffeehaus gerne als disruptiv oder gesellig verklärt, als Weg zum eigenen Unternehmen und der ersten Milliarde stilisiert. Die Realität ist: es ist blanke Raum- und Geldnot. Alles andere ist Gerede.

    Denn je höher die Wohnungsmieten steigen, desto weniger bleibt übrig, um sich anderem Vergnügen zu widmen – etwa der Anmietung eines Schreibtischs in einem der WeWork-Gebäude. Da gäbe es ein regen- und windsicheres Dach über dem Kopf, Strom, Wlan, Kaffee, Drucker, eine Putzkraft und abends sogar Bier auf Kosten des Hauses.

    Doch das läppert sich. Bei WeWork in der zentral gelegenen California Street 600 kostet ein privates Winz-Büro 1040 Dollar im Monat, ein fest zugewiesener Schreibtisch im Großraumbüro 900 Dollar. Am günstigen ist mit 550 Dollar monatlich ein „Hot-Desk“, der nach dem Prinzip ‚Mal sehen, was gerade frei ist‘ funktioniert.

    2017 eröffnete dann das erste offizielle Freiluft-Büro. Auf dem Parkplatz eines alten Industriegeländes gibt es ab elf Dollar die Stunde einen Arbeitsplatz am Biertisch, ebenso wie die Toilette befindet er sich unter freiem Himmel. Wer ein Company-Meeting plant, kann sich auch für 500 Dollar pro Stunde einen Dachgarten mit Blick über San Francisco mieten.

    Da wirken 2,75 Dollar pro Stunde fürs Parkbüro von Pontis' WePark sehr günstig. Vor allem, weil sonntags sogar die Parkuhren abgeschaltet sind. Da wird kostenfrei durchgearbeitet, bis der Akku qualmt. Während in den 1980er Jahren die Revoluzzer noch ganze Häuser besetzt haben, reicht es in der Gig-Economy des 21. Jahrhunderts, wo Festanstellungen so rar geworden sind wie Hippies in Sausalito, nur noch für Parkplätze am Straßenrand.

    Denn im Grunde genommen ist die gesamte Parklücken-Aktion nur ein verzweifelter Hilferuf verärgerte Anwohner. Start-ups haben Tausende Elektroroller und Miet-E-Fahrräder auf den Straßen San Franciscos hervorgebracht und blockieren damit – ohne etwas zu zahlen – Bürgersteige, Bushaltestellen und Fußgängerzonen.

    Die Parkuhren in der Innenstadt sind verstopft von circa 40.000 Ride-Share-Autos, die nach Erhebungen der Stadt San Francisco täglich in die Stadt fluten. Zum Vergleich: es gibt 2100 lizensierte Taxis. Wenn die Fahrer mal Pause machen oder einfach nur auf neue Kunden warten, werfen sie natürlich kein Geld in die Parkautomaten. Anwohner oder Shopper bleiben mit ihren Autos für Stunden in der stabilen Umlaufbahn um den Häuserblock, bis mal ein Plätzchen frei wird.

    Nur die Einwohner, die haben praktisch nichts von den Straßen ihrer Stadt, müssen um Berge von E-Scootern herumlavieren, finden keinen bezahlbaren Platz zum Arbeiten. Den wollen sie sich jetzt wiederholen. Und wenn man nicht in Kalifornien unter freiem Himmel arbeiten kann, ja wo denn dann?

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