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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Schikanen gegen Chinesen haben in den USA eine lange Geschichte

Trump steht auf wirtschaftlichem Kriegsfuß mit China. Im 19. Jahrhundert war die Lage ähnlich. Damals wurden Chinesen in den USA per Gesetz schikaniert.
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So wie heute beschuldigten auch im 19. Jahrhundert viele Weiße die Chinesen, ihnen ihre Arbeitsplätze wegzunehmen, Lohndumping zu betreiben. Umso wichtiger ist ein Museum, das auch an die dunklen Seiten Amerikas erinnert. Quelle: AFP
Chinesisch-amerikanisches Museum Los Angeles

So wie heute beschuldigten auch im 19. Jahrhundert viele Weiße die Chinesen, ihnen ihre Arbeitsplätze wegzunehmen, Lohndumping zu betreiben. Umso wichtiger ist ein Museum, das auch an die dunklen Seiten Amerikas erinnert.

(Foto: AFP)

Los Angeles Die farbenprächtige Olvera Street und der anschließende Platz „Old Plaza“ sind beliebte Touristenattraktionen in Los Angeles Downtown. Mexikanische Händler bieten in kleinen Buden auf der Straßenmitte bunten Tinnef und Tand an, in den Restaurants gibt es die besten Burritos der Stadt, und Mariachi-Bands ziehen mit wagenradgroßen Sombreros, Trompeten und Gitarren ausgestattet von Tisch zu Tisch.

Folkloregruppen in traditionellen Trachten tanzen in der großen Rotunde auf der Plaza, die früher einmal der Stadtmittelpunkt von Los Angeles war. Ein Platz mit einer unbeschwerten, fröhlichen Atmosphäre, der ein düsteres Geheimnis in sich trägt.

Neben dem roten Backsteingebäude mit der ältesten Feuerwache der Stadt der Engel, direkt am Ende der Plaza, ist eine unscheinbare Messingplatte in den Gehweg eingelassen. Die Masse der Touristen, die die Reisebusse täglich ausspucken, geht achtlos daran vorüber. Aber sie erinnert an eine der düstersten Zeiten des jungen Kaliforniens und Amerikas.

Es war Oktober 1871, Los Angeles war nicht viel mehr als eine dreckige und wilde Kleinstadt mit rund 6.000 Einwohnern und einer höheren Mordrate als New York City oder Chicago. Laut einer Volkszählung von 1870 lebten gerade einmal 172 chinesische Einwohner dort – die meisten rund um den Bereich der heutigen Olvera Street.

Die Stimmung war angespannt. So wie heute beschuldigten viele Weiße die Chinesen, ihnen ihre Arbeitsplätze wegzunehmen, Lohndumping zu betreiben. Die Chinesen hatten trotz aller Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden, die Wäschereiindustrie der Stadt schon im Griff.

Es waren fast nur junge Männer, die hier wohnten und die harte Arbeit erledigten. Die Einwanderung von chinesischen, japanischen und mongolischen Frauen „zum Zweck der Prostitution“ war zuvor verboten worden. Und allein reisende asiatische Frauen, so die Logik, kämen ohnehin nur, um sich zu prostituieren. Also durfte keine einwandern.

Die Hoffnung: Junge chinesische Männer ohne Aussicht auf eine Familiengründung würden wieder wegziehen. Machten sie aber nicht.

Größte einzelne Lynchaktion in der US-Geschichte

Die Situation eskalierte, als es zu einer Schießerei zwischen zwei Gruppen von Chinesen kam. Es war ein Streit um die Entführung einer der wenigen jungen chinesischen Frauen. Bei dem Schusswechsel wurde ein Weißer durch einen Querschläger getroffen und getötet. Innerhalb kürzester Zeit rotteten sich rund 500 weiße Einwohner zusammen und stürmten ein Gebäude, in das sich viele Chinesen gerettet hatten.

Am nächsten Morgen lagen 17 Leichen, Männer und kleine Jungen, auf den Straßen, ein achtzehnter Toter war noch in der Nacht verscharrt worden. Berichte aus der Zeit sagen, dass nur einer der Toten an der Schießerei beteiligt war.

Zehn weiße Beteiligte an der bis heute größten, einzelnen Lynchaktion in der Geschichte der USA kamen vor Gericht. Acht wurden wegen Totschlag verurteilt, dann wegen Verfahrensfehlern freigesprochen. Die Justiz nahm die Verfahren nie wider neu auf. Die Zeitungen schwiegen über die Vorfälle, so gut es ging.

Doch die tiefliegenden Verwerfungen zwischen den weißen und chinesischen Bevölkerungsteilen waren nicht mehr zu übersehen, und sie wurden nur immer größer, je erfolgreicher und zahlreicher die chinesischen Einwanderer wurden.

Chinesen waren es, die von den Eisenbahnunternehmen angeworben wurden und unter unmenschlichen Bedingungen die Eisenbahnstrecken quer durch den Kontinent trieben. Wer das überlebte, blieb meist in Amerika, überwiegend in Kalifornien.

1872 verbot Kalifornien schließlich Mischehen, wieder in der Hoffnung, die asiatischen Männer würden nun ohne jegliche Aussicht auf eine Familie wieder zurückgehen. Doch es kamen immer mehr.

Was folgte, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der USA. Niemand redet heute gern über den sogenannten „Chinese Exclusion Act“, das Gesetz zum Ausschluss der Chinesen.

Am 6. Mai 1882 beschloss das Einwanderungsland Amerika erstmals, eine gesamte Menschengruppe nur aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit von der Einwanderung auszuschließen. Zunächst auf zehn Jahre begrenzt, sollte die Einwanderung von „Arbeitern“ aus China unterbunden werden.

Aus zehn Jahren wurden 48

Geschäftsleute oder Unternehmer wurden bei der Einreise allerdings oft ebenfalls einfach zu Arbeitern umgewidmet und zurückgewiesen. Chinesische Arbeiter, selbst wenn sie bereits US-Bürger waren, wurden nicht wieder ins Land gelassen, wenn sie einmal ausgereist waren und ihre Familien besucht hatten.

Aus den geplanten zehn Jahren wurden dann 48, und erst 1943 gab es für Chinesen Einwanderungsquoten wie für andere Bevölkerungsgruppen auch. 1945 erlaubte es ein Sondergesetz US-Soldaten des Pazifikkrieges, ihre oft langjährigen asiatischen Lebensgefährtinnen aus China, Korea oder Thailand bei der Rückkehr in die USA mitzubringen.

North Los Angeles Street, Hausnummer 425: Nur ein paar Schritte entfernt von der Gedenkplatte, die an den Lynchexzess erinnert, steht das liebevoll restaurierte Garnier Building, das älteste noch existierende Gebäude aus dem früheren Chinatown.

Das alte Chinatown wurde von Planierraupen niedergewalzt, um Platz zu machen für den imposanten Bahnhof Union Station. Die Bewohner bekamen 48 Stunden Zeit, ihre Sachen zu packen. Danach kamen unbarmherzig die Planierraupen.

Der Eingang des Backsteingebäudes gibt den Blick frei auf Stationen chinesischen Lebens in Kalifornien. Da steht liebevoll restauriert die erste traditionelle chinesische Kräuterapotheke in Los Angeles, in Vitrinen hängen kostbare traditionelle Kleider aus feinster Seide, Bilder von Einwandererfamilien, der Mann stolz stehend vor der Kamera posierend, daneben sitzend die Frau in festlicher Kleidung, mit herausgeputzten Kindern zu ihren Füßen.

Bilder ersten bescheidenen Wohlstands, wie sie der aufstrebende Teil der Mittelschicht um 1900 in allen Teilen der Welt fürs Wohnzimmer hat aufnehmen lassen.

Aber wer sich bis in den dritten Stock des kleinen Museums hochkämpft, sieht auch verstörende Bilder. Von Auseinandersetzungen asiatischer Aktivisten mit der Polizei, Demonstrationen gegen Rassismus, typische Bezeichnungen wie „Schlitzaugen“, die sich Chinesen, Koreaner, Japaner oder Thailänder in Los Angeles noch heute durchaus anhören müssen.

Der Vietnamkrieg diente dabei als Katalysator für eine junge asiatische Generation, die Napalm und Bomben auf Menschen fallen sah, die „so aussehen wie wir“. Der Krieg als Fortsetzung des alltäglichen Rassismus. In den 70er-Jahren waren die „Asian American“-Menschenrechtsgruppen fester Bestandteil der Studentenrevolten.

China ist heute wieder der Bösewicht

Und als 1975 der letzte US-Hubschrauber überhastet und gedemütigt vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhob, waren bei Umfragen in den USA nur 37 Prozent der Amerikaner dafür, ehemaligen asiatischen Verbündeten und ihren Familien auf der Flucht vor nordvietnamesischer Rache die Einreise zu erlauben. Der Rest wollte sie ihrem Schicksal überlassen.

Zeitreise vorwärts, ins Jahr 2017: China ist wieder der Bösewicht. Jetzt als „Währungsmanipulator“ gebrandmarkt, als der riesige Staubsauger, der erbarmungslos und mit unfairen Mitteln amerikanische Arbeitsplätze absaugt, belegt mit Strafzöllen und neuen Einreisehindernissen.

Seit Juni gelten für chinesische Studenten in bestimmten Bereichen schärfere Quoten und Bestimmungen. Eine von US-Präsident Barack Obama eingeführte Regel, die hochqualifizierten Bewerbern fünfjährige Studentenvisa ermöglichte, wurde abgeschafft. Jetzt gibt es ein Jahr Laufzeit und die Möglichkeit, sich um eine Verlängerung zu bewerben.

Die akademische Szene in den USA ist zutiefst besorgt. Obama wollte sicherstellen, dass die Besten der Besten in den USA studieren und dort auch ihre Unternehmen gründen und nicht „in Schanghai oder Indien“.

Jetzt liegt der Fokus auf Beschränkung, Kontrolle und möglichst schnelle Wiederausreise. Studenten würden geheimes Wissen auf Heimatbesuchen mitnehmen und ausplaudern, fürchten die Sicherheitsbehörden.

Eine aktuelle Studie wirft der berühmten Stanford-Universität systematische Benachteiligung von asiatisch-amerikanischen Bewerbern vor. Eine Analyse von Bewerbungsunterlagen über 20 Jahre habe gezeigt, dass diese Kandidaten nach akademischen Bewertungskriterien regelmäßig alle anderen ethnischen Gruppen, Weiße eingeschlossen, übertroffen hätten.

Dann aber seien sie nach den weicheren Kriterien der „persönlichen Qualitäten“ wieder so weit abgewertet worden, dass am Ende asiatischstämmige Studenten zwischen 2000 und (Studienbeginn) 2019 die geringste Zulassungsquote aller ethnischen Gruppen erreichten. Die Universität weist alle Vorwürfe des rassistischen Profilings auf das Schärfste zurück.

Asiatisch-amerikanische Community ist selbstbewusster geworden

Es ist immer noch da, dieses ambivalente Verhältnis zu asiatischen Einwanderern, die auf der einen Seite als Mustereinwanderer gelten, fleißig, gebildet, bescheiden, fähig und bereit zur Integration. Auf der anderen Seite gefürchtet als Vertreter der „gelben Gefahr“, die abwechselnd alle Arbeitsplätze rauben, Firmen und Immobilien aufkaufen und die Unis erobern.

Doch die asiatisch-amerikanische Community will sich nicht der neuen Anti-Asien-Stimmung in Teilen Amerikas geschlagen geben. Der Regisseur Jon M. Chu, der mit dem Liebesdrama „Crazy Rich Asians“ einen überraschenden Hollywood-Blockbuster gelandet hat, will jetzt den nächsten Schritt gehen.

„Crazy Rich Asians“ ist der erste Hollywood-Film mit ausschließlich asiatischen Schauspielern seit 25 Jahren. „Jetzt ist unsere Zeit“, sagt Chu im Interview mit „Daily Beast“. Er hofft, dass der Film eine ähnliche Bedeutung haben wird wie „Black Panther“, der ausschließlich schwarz besetzte Action-Film, der 2018 an den Kinokassen bereits Rekorde gebrochen hat.

Da ist Chu ganz amerikanisch: Wer Hollywood beherrscht, beherrscht die Diskussion im ganzen Land. Und dann wäre die Zeit vorbei, in der selbst asiatische Hauptrollen automatisch von zurechtgemachten Weißen besetzt werden.

Stoff für weitere Filme gibt es genug. Als im Zweiten Weltkrieg amerikanische Japaner mit US-GIs im Pazifik gegen die Japaner gekämpft und ihr Leben riskiert – und oft auch verloren – haben, mussten sie zusehen, wie zu Hause ihre Familien aus ihren Häusern geholt und in großen Konzentrationslagern weggesperrt wurden. Ein beschämendes Thema, das das weiße Amerika lange heruntergespielt hat.

Erst 1976 erklärte US-Präsident Gerald Ford öffentlich, dass die Deportation der geschätzt 120.000 Amerikaner japanischer Abstammung falsch gewesen sei.

Ein Mahnmal für die damals Deportierten, die oft alles verloren hatten, als sie wieder freigelassen wurden – Häuser, Arbeit, Läden oder Firmen –, findet sich nur zwei Kilometer Luftlinie von der Gedenkplakette im ehemaligen Chinatown entfernt. Versteckt, etwas abseits der belebten 1st Street, aber die amerikanischen Japaner haben lange gekämpft, bis es endlich aufgestellt wurde. Ein erster Schritt der Wiedergutmachung.

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