Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichten San Francisco und die Invasion der Killerroller

Die nächste Welle technologischer Zwangsbeglückung treibt die Bürger von San Francisco in den Wahnsinn. Überall liegen Elektroroller herum.
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Drei Start-ups haben viel Geld gesammelt und in tausende Elektroroller investiert. Jetzt ärgert sich die halbe Stadt über die vielen herumstehenden oder -liegenden Gefährte. Quelle: Bloomberg
Elektroroller in San Francisco

Drei Start-ups haben viel Geld gesammelt und in tausende Elektroroller investiert. Jetzt ärgert sich die halbe Stadt über die vielen herumstehenden oder -liegenden Gefährte.

(Foto: Bloomberg)

San FranciscoAuf einmal waren sie da, wie aus dem Nichts. Zu Hunderten liegen sie seit Mitte März auf Bürgersteigen rum, versperren Ausfahrten, Behindertenrampen und Haustüren, sie liegen quer auf Straßen und Parkplätzen oder auf Wiesen und in Büschen. Gemeint sind diesmal nicht Hippies und Blumenkinder, Obdachlose oder betrunkene Kneipengänger um zwei Uhr morgens.

Drei Start-ups haben eine Armada von batteriebetriebenen Miet-Rollern ohne Vorwarnung und ohne Genehmigung in der Stadt abgeworfen. Jetzt soll die doch sehen, wie sie damit fertig wird.

San Francisco jedenfalls hat schnell reagiert und Anfang April die Unternehmen Bird, Lime und Spin ultimativ aufgefordert, den unregulierten Betrieb einzustellen. So erging es auch schon einmal dem Taxi-Schreck Uber, als der einfach Roboter-Autos auf die Straßen gehetzt hatte und der Meinung war, er brauche dafür keine Erlaubnis der Stadt.

Die Behörden in San Francisco sahen das anders und machten Sicherheitsbedenken geltend. Aus Verärgerung über die angebliche Gängelung ging das Unternehmen daraufhin nach Arizona, wo zuletzt ein Uber-Roboterauto unter tragischen Umständen eine Frau totgefahren hat. Uber hat alle Testfahrten USA-weit eingestellt.

Auch bei den flinken elektrischen Rollern, die locker zehn Kilogramm und mehr wiegen, machen die betroffenen Städte Sicherheitsbedenken geltend. Ein Bürger in San Francisco hat sich bereits gemeldet, nachdem er nachts über einen achtlos abgelegten Scooter gestolpert war und sich einen Zeh gebrochen hatte.

Wenn ich morgens in Downtown San Francisco aus dem Haus gehe, trete ich jetzt noch vorsichtiger als ohnehin schon auf die Straße. Obwohl gesetzlich verboten, sausen viele Scooter-Fahrer mit voller Geschwindigkeit über den Bürgersteig, nicht auf der Fahrbahn, und flöten verschreckten Fußgängern bestenfalls ein fröhliches „Sorry“ hinterher, wenn sie um die nächste Ecke biegen. Eigentlich besteht auch eine gesetzliche Helmpflicht, an die sich nur keiner hält.

Die Unternehmen, die zusammen mehr als 250 Millionen Dollar an Risikokapital eingesammelt haben sollen und derzeit mehr suchen, zucken nur mit den Schultern und verweisen darauf, dass sie alle Nutzer klar auf die Gesetzeslage hinweisen und es „Schulungs-Tipps“ in den Apps gibt, die man sich anschauen kann.

Santa Monica hat die Geduld schon verloren

Die hat der bullige Zwei-Meter-Mann jedenfalls nicht gesehen, der mir auf dem mit Messebesuchern vollgepackten Bürgersteig vor dem Moscone-Center mit bestimmt 18 Stundenkilometern entgegenrauschte. Passanten waren für ihn offensichtlich nur Slalomstangen, die man so eng und schnell wie möglich umrunden muss. Wütende Beschimpfungen der Zur-Seite-Springenden ignorierte er souverän.

Anfang Dezember 2017 verlor die Stadt Santa Monica die Geduld, nachdem sich das Start-up „Bird“ angeblich wiederholt Anweisungen widersetzt und geweigert hatte, eine Genehmigung für den Geschäftsbetrieb einzuholen. Es wurden strafrechtliche Ermittlungen gegen das Management eingeleitet.

„Strafverfolgung ist wirklich nicht die erste Wahl, wenn es um Regelverstöße geht“, so die stellvertretende Anwältin der Stadt, Eda Shu. „Aber diese eklatante Missachtung der städtischen Gesetze gefährdet die öffentliche Sicherheit und muss verfolgt werden.“ Am Ende stand eine hohe sechsstellige Geldstrafe.

Dabei folgen Bird-CEO Travis VanderZanden und seine Mitbewerber nur einem altbekannten Muster aus dem Silicon Valley: Erst machen, dann mal fragen, am Ende sich entschuldigen – und danach ungerührt weitermachen wie bisher. VanderZanden kennt sich aus im rauen Geschäft mit städtischen Beamten und Genehmigungen. Er war zuvor in leitenden Funktionen bei Uber und dem Wettbewerber Lyft tätig, die ständig mit Städten und Gemeinden im Krieg liegen.

VanderZanden beherrscht das Neusprech des Silicon Valleys aus dem Effeff. Bird wolle den Nahverkehr „revolutionieren“, die „letzte Meile“ von der Bushaltestelle bis zur Haustür bedienen, das Leben der Menschen „besser“ machen, den „Autoverkehr“ vermindern.

Es ist die typische Rhetorik aus den Anfangsjahres der digitalen Wirtschaft. „Bewege dich schnell und zerbreche Sachen“, prangte in großen Lettern an den Wänden von Facebook: „Habe keine Angst, auch mal was kaputtzumachen. Hauptsache, es geht schnell. Marktanteile gewinnen ist alles.“

Der Bird-CEO ahnt aber, dass die Raubritterzeiten im Silicon Valley, als man einem Kritiker nur „Fortschrittsfeind“ entgegenbrüllen musste, um ihn für immer mundtot zu machen, vorbei sind. Spätestens seit Facebooks Erscheinen vor dem US-Kongress droht der Regulierungsapparat mit Wucht zurückzuschlagen.

Selbstverpflichtung statt Gesetze

Also Schritt zwei aus dem Start-up-Drehbuch: die unterwürfige Taktik des Hinhaltens und der Versprechungen, die der Sturm-und-Drang-Phase folgt. VanderZanden regt eine Selbstverpflichtung der Branche an, um zu verhindern, dass durch unkontrollierte Expansion Städte verwüstet werden wie in China, wo Berge von ungenutzten Mietfahrrädern die Bürgersteige verstopfen und aus Parks Müllabladeplätze machen.

„Das dürfen wir in den USA nicht zulassen“, heißt es jetzt treuherzig. Unter anderem sollen jeden Abend die Scooter eingesammelt, geladen und repariert werden. Mit anderen Worten: Die Branche will dafür gefeiert werden, dass sie freiwillig das Problem beseitigt, das sie gerade geschaffen hat.

Denn das Grundübel ist der Versuch, möglichst alle Servicebereiche des Unternehmens auf schlecht bezahlte Freiwillige auszulagern und ein System unabhängig von jeder städtischen Genehmigung aufzubauen. Der Autoriese Ford etwa unterhält als krasses Gegenbeispiel überall in Kalifornien Dockingstationen mit Mietfahrrädern. Da holt man sie ab und stellt sie wieder sicher zurück.

Doch dafür muss man eben eine Genehmigung und Stellplätze haben. Bird, Lime und andere Scooter-Verteiler stellen ihre aufgeblasenen Kinder-Spielzeuge einfach auf den Straßen ab. Mit einer App werden sie für einen Dollar pro Trip plus 15 Cent pro genutzter Minute entsperrt und am Zielort (oder wenn sie leer sind) einfach stehen oder liegen gelassen.

Nicht einmal das Laden will Bird selbst erledigen. Wer sich beim Unternehmen als Batterielader registriert, darf Scooter auf der Straße einsammeln gehen und zu Hause bei sich aufladen. Dafür gibt es dann rund sechs Dollar. Die Reichweite liegt, je nach Straßenzustand und Wetter, bei bis zu 30 Kilometern.

Wenn sich keine Freiwilligen finden, die sie einsammeln, bleiben die Dinger halt leer auf den Bürgersteigen liegen. Das will die Stadt nicht akzeptieren. Die Stadtreinigung hat in einer ersten Welle über 300 herrenlose oder zerstörte Scooter eingesammelt und will sie nur gegen 125 Dollar Gebühr pro Stück wieder herausrücken.

Selbst die Bürger wehren sich auf ihre Weise. Scooter mit zerschnittenen Kabeln oder abgeklemmten Batterien gehören zum Alltag, der QR-Code auf dem Lenkkopf ist schnell mit Farbe übersprüht. Der QR-Leser in der Smartphone-App kann den Roller dann nicht mehr aktivieren. Scooter werden in Bäumen, Mülltonnen, in Brunnen, in der Bucht von San Francisco oder in Gebüschen gefunden.

Neue Vorschriften in Rekordzeit

Damit der Krieg der Scooter schnell beendet wird und der Spielraum für die typischen Start-up-Rituale („Für unser Geschäft gibt es halt noch keine Regeln“) immer enger wird, hat die Stadt mit der San Francisco Municipal Transportation Agency, die auch die Buslinien betreibt, mit Hochdruck einen Antragsprozess für Micro-Mobility-Gesellschaften ausgearbeitet, der am 1. Mai auch schon verabschiedet worden ist.

Das ist für eine Stadtverwaltung eine überraschende Rekordzeit von unter zwei Monaten seit Erscheinen der Fahrzeuge. Und nun werden Rechte und Pflichten genau festgelegt. Fünf Unternehmen dürfen im ersten Schub Genehmigungen beantragen, und wer keine hat, der muss halt verschwinden.

In den ersten sechs Monaten des Testbetriebs werden zusammen maximal 1.250 Scooter erlaubt werden, danach bis Monat zwölf zusammen 2.500. Ein Horror für die Anbieter, die voll auf Verdrängungswettbewerb durch Masse setzen und versprechen, sie werden im Umkreis von fünf Minuten Fußweg für jeden Kunden einen Roller bereithalten.

Das Verhalten der Scooter-Mieter wird ebenfalls dem Unternehmen zugerechnet. Werden sie dauernd auf Bürgersteigen erwischt oder behindern achtlos weggeworfene Roller Fußgänger, Rollstuhl- oder Fahrradfahrer, steht die Lizenz auf dem Spiel. Anbieter Bird, die Nummer eins in SF, wollte auf Anfrage keine Stellungnahme zu der neuen Regelung abgeben und verwies nur auf seine Selbstverpflichtungen.

Aber vielleicht sorgen ja vorher schon Markt und gesunder Menschenverstand für das Ende von „Scootergeddon“: Erinnert sich noch jemand an Segways? Die Steh-Roller waren vor ein paar Jahren die selbsternannte Zukunft der Individualmobilität. Heute kurven noch ein paar versprengte Touristen damit durch die Stadt.

Oder die Hoverboards? Das einzig Witzige an den selbstbalancierenden Dingern waren eigentlich die Youtube-Videos von hilflosen Hoverboardern, die sich mit richtig Anlauf unter dem Gejohle der Umstehenden hingelegt haben, oder von brennenden Boards an Steckdosen. Heute sind Hoverboards praktisch restlos verschwunden. Warten wir einfach mal ab.

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