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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Österreich Ex-Gillette-Manager Christian Kircher verwaltet Wiens berühmte Bühnen

Kircher führt den größten Theaterkonzern der Welt mit 2400 Mitarbeitern. Doch Finanzkrisen und gesellschaftliche Erwartungen machen dem Manager zu schaffen.
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Der Chef der Bundestheater musste den Betrieb erst einmal finanziell sanieren.
Christian Kircher

Der Chef der Bundestheater musste den Betrieb erst einmal finanziell sanieren.

WienEine schönere Aussicht ist in Wien nicht zu finden. Von seinem Arbeitssalon blickt Christian Kircher auf den Burggarten mit seinen mächtigen Bäumen. Im Hintergrund erstrahlt die Hofburg, über Jahrhunderte der Sitz der Habsburger.

Der frühere Manager des Rasierklingenherstellers Gillette genießt im Vitra-Stuhl seinen imperialen Arbeitsplatz. Doch die repräsentative Kulisse des heutigen Geschäftsführers der Bundestheater-Holding täuscht. Als Chef des Kulturkonzerns mit 2400 Mitarbeitern bleibt Kircher zum Repräsentieren keine Zeit. Er hat seit der Übernahme der weltberühmten Bühnen wie der Wiener Staatsoper, des Burgtheaters oder der Volksoper alle Hände voll zu tun.

Denn der Chefsessel der Bundestheater ist voller Überraschungen, vor allem auch negativer. Als Kircher die Holding der staatlichen Bühnen übernahm, herrschte Finanzchaos. Das Burgtheater war durch Misswirtschaft in eine finanzielle Schieflage geraten. Kircher und die damals neu eingesetzte Burgtheater-Chefin Karin Bergmann mussten die berühmteste Bühne deutscher Sprache finanziell sanieren.

Die Finanzkrise der Bundestheater forderte ihren Tribut. „Es war mir ein großes Anliegen, die ökonomische Delle zu überwinden. Der Preis war hoch. Denn wir mussten einige Immobilien im Herzen Wiens verkaufen“, erinnert sich Kircher. Seit der vergangenen Saison sind alle Schulden des Burgtheaters abgebaut.

Der Finanzskandal ist heute beinahe vergessen. Denn das Regierungschaos durch die Ibiza-Affäre des früheren Vizekanzlers und Chefs der rechtspopulistischen FPÖ, Heinz-Christian Strache, beherrscht Österreich. Für die Imagekorrektur nach dem Ibiza-Skandal ruhen die Erwartungen nun auf der Kultur. Doch Bundestheater-Chef Kircher winkt ab. „Die Kultur kann nicht nur der Kit sein. Die Kultur sollte mehr leisten, als nur eine heile Welt darzustellen. Das ist das Selbstverständnis unserer Kreativen“, sagte der Manager. „Wir haben eine gesellschaftspolitische Funktion. In meiner Position fühle ich mich nicht der Parteipolitik verantwortlich.“ Theater kommentiere nicht die Tagespolitik. Es sei viel stärker.

Der größte Theaterkonzern der Welt

Der gelernte Betriebswirt Kircher versteht sich als Ermöglicher. Er führt den vermutlich größten Theaterkonzern der Welt mit einem Umsatz von 267 Millionen Euro, 1600 Vorstellungen und 1,3 Millionen Besuchern jährlich. Als langjähriges Mitglied im Arnold Schoenberg Chor, der mit vielen bedeutenden Dirigenten zusammengearbeitet hat, kennt er nicht nur die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern auch die künstlerischen und ganz praktischen Bedürfnisse.

Das richtige Personal in Zeiten der Hochkonjunktur zu finden ist für Kircher nicht gerade einfach. „Wir sind ein Konzern mit 2400 Mitarbeitern. Wir stehen im Wettbewerb mit der Industrie bei der Personalsuche“, sagt der Bundestheater-Chef. Auch wenn die Häuser fast ausschließlich mit Steuermitteln finanziert sind, geht es finanziell eng zu. „Wir müssen unsere Gehaltssteigerungen selbst erwirtschaften“, berichtet Kircher. Gerade die Anhebung der Tarifgehälter setzt den Bundestheatern zu. Kircher spricht von einer Mehrbelastung von jährlich über fünf Millionen Euro bei einem Personalaufwand von 181 Millionen Euro.

Das Trommeln bei der Politik gehört zum Geschäft. „Wir sind nicht nur ein großer Wirtschaftsfaktor, sondern wir erbringen eine große Leistung für die Gesellschaft in Österreich, nicht nur als Faktor für den Tourismus“, formuliert Kirche. Gerade in einer Zeit der politischen Labilität mit einer Übergangsregierung und vorgezogenen Neuwahlen im September gelten das Theater, die Musik und die Oper als Hort des Schönen, Wahren und Guten im Gegensatz zur Politik mit ihren Abgründen, Lügen und Falschheiten.

Mit Blick auf die Zukunft macht sich Kircher unterdessen keine Sorgen. Auch im digitalen Zeitalter sieht er keine Gefahr für seine Häuser. „Wir sind die letzte Bastion des Anlogen“, sagt der Manager und Opernliebhaber. „Das analoge Erlebnis wird immer bleiben.“ Das zeigt sich auch im Zuspruch des Publikums. Der Auslastungsgrad der Bundestheater ist nach eigenen Angaben überdurchschnittlich hoch. Ohnehin sei mit dem Digitalen kein richtiges Geld zu machen. „Ich sehe keine Möglichkeit, mit Streaming Geld zu verdienen“, sagt Kircher.

Umso wichtiger sind die Sponsoren. Der Ölkonzern OMV finanziert die Staatsoper, der Stahlriese Voestalpine das Burgtheater und der weltgrößte Autokonzern Volkswagen die Volksoper. Der Wiener Anwalt Hans Michel Piëch, Bruder von Ferdinand Piëch, sitzt schließlich im Aufsichtsrat der Volkswagen AG. Doch Geldgeber für die Häuser zu finden ist trotz guter wirtschaftlicher Lage alles andere als einfach.

Nur gut zwei Prozent des Haushalts kommen von Gönnern aus den Unternehmen. „Der Geldbeutel der Wirtschaft ist zugenäht“, bringt es Kircher auf den Punkt. Wie aus der Pistole geschossen liefert er auch gleich die Erklärung mit. „Im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz gibt es keine bürgerliche Tradition des Sponsorings.“ Österreich ist eben auch in diesem Fall anders, als die malerische Kulisse vorgaukelt.

Mehr: Nach dem Kanzler kommt die Kanzlerin. Österreichs oberste Verfassungsrichterin wird die erste Regierungschefin der Alpenrepublik. Bundespräsident Van der Bellen hat eine Meisterleistung vollbracht.

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