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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Österreich Flüchtlingskind, Nationalspieler und Filmmanager – die drei Leben des Hans Menasse

Hans Menasse floh mit acht Jahren aus Wien vor den Nazis nach England. Nach seiner Rückkehr wurde er zum Sportidol und verkehrte später beruflich auch in Hollywood.
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Hans Menasse (M.) beim Fußballspiel Österreich gegen Jugoslawien im Oktober 1954. Das Spiel endete 2:2. Quelle: imago/ZUMA Press/Keystone
Hans Menasse in Aktion

Hans Menasse (M.) beim Fußballspiel Österreich gegen Jugoslawien im Oktober 1954. Das Spiel endete 2:2.

(Foto: imago/ZUMA Press/Keystone)

WienFröhlich sitzt Hans Menasse an diesem sonnigen Frühlingstag in seinem Stammcafé Zartl. Der 89-jährige Wiener ist trotz seines hohen Alters eine sportliche Erscheinung. Nichts an seinem Äußeren deutet auf ein dramatisches Leben hin.

Im Alter von acht Jahren floh Hans Menasse mit seinem damals 15-jährigen Bruder vor den Nazis nach Großbritannien. „Die Abfahrt damals am Wiener Westbahnhof ist für mich als wäre es gestern geschehen“, erinnert sich Menasse. Während die Mutter und der jüdische Vater in Wien bleiben mussten, das die Nationalsozialisten bereits terrorisierten, waren die Kinder nach dem Transport in England endlich in Sicherheit.

Erst 1947 kam Menasse in seine Heimatstadt zurück. Nach neun Jahren im Exil hatte er anfangs Probleme, überhaupt noch Deutsch zu sprechen. „Das Deutsch ist aber in meinem Kopf schnell wieder nach vorne gerutscht“, erzählt er.

Hans Menasse, Vater der beiden Schriftsteller Eva Menasse („Vienna“) und Robert Menasse („Die Hauptstadt“), hat drei Leben gelebt. Als Flüchtling in England, als Fußball-Nationalspieler in Österreich und Hollywood-Filmmanager in Wien. Seine unglaubliche Vita hat sein Neffe Peter Menasse zusammen mit den Autoren Alexander Juraske und Agnes Meisinger nun in einer spannenden Biographie unter dem Titel „Hans Menasse – The Austrian Boy. Ein Leben zwischen Wien, London und Hollywood“ aufgeschrieben.

Menasse spricht langsam und überlegt. „Ich hatte sehr viel Glück in großem Unglück gehabt“, resümiert der Abkömmling einer bürgerlich-jüdischen Familie. Erst zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg und des Holocausts kehrte er nach Wien zurück. Aus Dankbarkeit über seine Rettung mit einem Kindertransport schloss sich der bis dahin nichtreligiöse Menasse vor mehr als 60 Jahren der jüdischen Kultusgemeinde in Wien an.

Hans Menasse – The Austrian Boy
Böhlau-Verlag
Wien
180 Seiten
23 Euro
ISBN-13: 978-3205207825

Der Neuanfang war schwer für den 17-Jährigen. „Ich habe damals bei meiner Rückkehr nichts gewusst – nicht einmal von Konzentrationslagern gehört“. Das große Verdrängen nach der Schreckensherrschaft war angesagt. „Mein Vater hat sich geweigert, über diese grausame Zeit zu sprechen“, erinnert er sich.

Sein Vater überlebte das Dritte Reich als Zwangsarbeiter nur mit großem Glück. Nach der Arbeit nahm er den Judenstern ab und fuhr mit der Straßenbahn, besuchte Cafés und auch Fußballspiele. Ein lebensgefährliches Unterfangen. „Er hat alles gemacht, was verboten war“, berichtet Menasse. „Meine Mutter berichtete mir über ihre schreckliche Angst jeden Tag, ob der Vater überhaupt heimkommt.“ Denn wäre sein Vater entdeckt worden, hätte das den sicheren Tod bedeutet.

Das Exil in England hatte Menasse um eine gute Ausbildung gebracht. Kein Abitur, kein Studium, seine zweijährige Tätigkeit als technischer Zeichner wurde in seiner österreichischen Heimat nicht anerkannt. Doch wieder hatte er Glück. Ein jüdischer Hausmeister verhalf ihm schließlich zu einem Job bei der Wiener Vertriebsfirma eines Hollywood-Studios. Hinzu kam seine Fußball-Karriere beim Wiener Klub Vienna und in der österreichischen Nationalmannschaft. Der ehemalige Migrant stieg in der Nachkriegszeit zum Sportidol auf.

Nach Jahrzehnten des Verdrängens kam die Zeit für eine tiefe Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung in Österreich erst spät. Menasse organisierte 1994 die europäische Filmpremiere von Steven Spielbergs Holocaust-Epos „Schindlers Liste“ in Wien.

Bei der Erstaufführung waren sogar der damalige österreichische Bundespräsident Thomas Klestil, Bundeskanzler Franz Vranitzky und der Nazijäger Simon Wiesenthal zugegen. „Das war der richtige Schlusspunkt für meine Karriere“, erinnert sich der ehemalige Österreich-Chef des Hollywood-Filmverleihs United International Pictures, der wenige Monate später in Rente ging.

Die Themen Antisemitismus und Intoleranz lassen den politisch interessierten Menasse aber bis heute nicht los. „Das Erstarken der Rechtspopulisten in Europa ist schrecklich“, sagt der ehemalige Flüchtling. Trotz des Verständnisses für die Ängste durch die Zuwanderung durch die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 macht er sich Sorgen.

„Juden wählen die Freiheitliche Partei aus Angst vor moslemischen Antisemiten. Das finde ich schrecklich.“ Die ehemalige rechtspopulistische Haider-Partei FPÖ sitzt seit Ende 2017 in der österreichischen Regierung und stellt mit ihrem Parteichef Heinz-Christian Strache den Vizekanzler.

Abschaffung der Nationalstaaten sei eine „Utopie“

Sein Sohn, der Bestseller-Autor Robert Menasse, ließ Ende vergangenen Jahres an 150 Orten in Europa die „Europäische Politik“ ausrufen – als Antwort auf den Vormarsch des Nationalismus von Helsinki bis Palermo. Er plädiert für die Abschaffung der Nationalstaaten. Daran glaubt Vater Menasse nicht. „Das ist eine komplette Utopie“, sagt er skeptisch zur Idee seines berühmten Sohnes und ergänzt aber in gleichem Atemzug: „Theoretisch ist seine Idee gut.“

Vor kurzem hat ihm Bürgermeister Michael Ludwig das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien verliehen. Eine Auszeichnung, auf die Menasse, bei aller Distanz, auch ein wenig stolz ist. Auf seinem Smartphone sucht er das Video der Ehrung auf Youtube.

Wien liegt ihm trotz aller Erfahrungen seiner Familie sehr am Herzen. Zuhause an seiner Pinnwand hat er den Spruch hängen: „Man kann den Menschen aus Wien herausholen, aber nicht Wien aus den Menschen.“ Ein Motto für ein unglaubliches Leben.

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