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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Rumänien Was sich hinter der Fassade von Ceausescus monströsem Palast verbirgt

1000 Zimmer, 440 Büros und 30 Säle: Der Palast des früheren kommunistischen Diktators Ceausescu ist gigantisch. Über seine Nutzung wird noch gestritten.
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Der Palast sinkt jedes Jahr vier Zentimeter tiefer in den Boden ein. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Parlamentspalast in Bukarest

Der Palast sinkt jedes Jahr vier Zentimeter tiefer in den Boden ein.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Bukarest Mit schnellem Schritt durcheilt die rumänische Parlamentarierin Cosette Chichirau die gewaltige Empfangshalle mit zwei überdimensionierten Marmortreppen und einem gefährlich schweren Kronleuchter. Der Weg von den Fraktionsräumen ihrer Antikorruptionspartei „Union Rettet Rumänien“ (USR) zum überdimensionierten Plenarsaal über breite Gänge mit schweren Teppichen, fußballfeldgroßen Sälen und verwinkelten Treppenhäusern ist eine kleine Wanderung.

„Ich habe lange gebraucht, um eine Orientierung zu haben“, bekennt die 42-jährige Oppositionspolitikerin. Das ist kein Wunder. Das frühere „Haus des Volkes“ des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu (1918-1989) ist nach dem Pentagon, dem US-Verteidigungsministerium in Washington, das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt.

Die Dimensionen des gigantomanischen Palastes mit tausend Zimmern, 440 Büros und 30 Sälen sind imposant. Mit einer Höhe von 86 Metern ist das architektonische Monstrum kilometerweit zu erkennen. 40.000 Wohnungen wurden dafür dem Erdboden gleichgemacht.

700 Architekten und 20.000 Arbeiter schufteten auf dem Arsenal-Hügel unweit der historischen Altstadt der rumänischen Hauptstadt. Trotz der damals katastrophalen Wirtschaftslage verbaute das Heer von Arbeitern mehr als eine Million Kubikmeter rumänischen Marmor aus Siebenbürgen und eine fast ebenso große Menge von Holz aus allen Teilen des Landes.

Als Ceausescu 1984 den Grundstein für den Bau biblischer Größe legte, konnte er noch nicht ahnen, dass er die Fertigstellung nicht mehr erleben sollte. Das Ende des Eisernen Vorhangs vor drei Jahrzehnten fegte das Regime und den verhassten Diktator in wenigen Tagen hinweg. Am 1. Weihnachtstag des Revolutionsjahres 1989 wurden Ceausescu und seine Frau Elena vor laufenden Kameras hingerichtet.

Nach den Exekutionen entbrannte ein heftiger Streit, ob das Symbol der kommunistischen Macht fertiggestellt werden sollte. Am Ende siegten die Befürworter. Der Parlamentspalast wurde fertig gebaut. Doch die Diskussionen über Sinn und Zweck gehen weiter.

„Es ist halt unheimlich hässlich“

„Wir werden nie aufhören, über dieses Monstrum zu streiten“, sagt ein rumänischer Politikberater bei seinem Spaziergang durch monumental kitschige Gänge und neoklassizistische Prunksäle. „Es ist halt unheimlich hässlich“, ergänzt er beim Blick auf die überdimensionierten Kronleuchter.

Auch die Abgeordneten der konservativ-liberalen Partei USR haben ihren Frieden mit dem Gebäude noch nicht gemacht. „Wir haben von Anfang an gefühlt, dass wir das Gebäude beeinflussen mussten“, sagt Chichirau. „Wir wollten unsere Werte in das Gebäude bringen“, ergänzt die frühere Finanzmanagerin.

Zu Zeiten der rumänischen Revolution war Chichirau zwölf Jahre alt. Nach fast anderthalb Jahrzehnten in den USA kam sie – ausgestattet mit Doktortitel und MBA – in ihr Heimatland zurück, um sich der 2016 gegründeten USR anzuschließen.

Im viel zu großen Fraktionssaal ihrer Partei erklärt sie, was sie damit meint. An den Wänden hängen die düsteren Bilder eines rumänischen Künstlers. Ein Bild zeigt eine junge Rumänin. Doch statt „Romania“ für Rumänien kann man nur „Mania“ lesen. Das rumänische Wort für wütend werden. Die Bilder mit eindeutigen politischen Botschaften sind ein Versuch. „Mit dieser Galerie wollen wir unsere demokratischen Werte in dieses Gebäude bringen“, sagt die Parlamentarierin.

Von der Idee einer Zerstörung des poststalinistischen Gebäudes hält die konservative Abgeordnete unterdessen nichts. „Ich bin gegen eine Zerstörung des Palastes. Wir müssen ihn uns aber wieder zurückerobern, beispielsweise mit einem neuen Interieur.“ Heute sitzen in dem Gebäude das Parlament und der Senat der Republik Rumänien. Die unzähligen Konferenzräume wurden beispielsweise in der ersten Jahreshälfte intensiv genutzt. Bis Ende Juni hatte Rumänien den EU-Ratsvorsitz inne. Nun steht der Mammutbau außerhalb der Parlamentswochen weitgehend leer.

Chichirau hat eigene Ideen, um den Parlamentspalast besser für die Bürger zu nutzen. „Ich könnte mir vorstellen, aus dem Parlamentsgebäude ein großes Museum zu machen und es daneben weiterhin als Konferenzzentrum zu nutzen.“ Doch Rumänien hat angesichts der instabilen politischen Lage, der weitverbreiteten Korruption und der schlechten Infrastruktur vom Verkehr bis zum Gesundheitswesen derzeit andere Probleme. Geld ist angesichts der angespannten Haushaltslage ohnehin Mangelware. Eine neue Nutzung steht daher erst einmal nicht auf der Tagesordnung.

Die Tourismuswirtschaft freut, dass alles beim Alten bleibt. Denn der Parlamentspalast ist das berühmteste Gebäude des Landes und daher ein gutes Geschäft. Das einstige „Haus des Volkes“ ist Besuchermagnet für die staunenden Touristen aus China, Russland oder Westeuropa. Der architektonische Größenwahn Ceausescus sorgt selbst an einem trüben und kalten Werktag für viel Betrieb. Im Keller hat man sogar ein kleines Museum mit Utensilien aus der untergangenen kommunistischen Epoche eingerichtet. An der Säule prangt die knallrote Fahne mit Hammer und Sichel. Hier klicken die Handys für ein Selfie besonders oft.

Das Gebäude sinkt

Doch der Parlamentspalast ist bedroht: „Jedes Jahr sinkt das Gebäude um vier Zentimeter“, sagt der Gästeführer mit breitem Lächeln. Der Untergrund arbeitet. Der junge Rumäne scheint von der zunehmenden Schieflage regelrecht fasziniert zu sein. Hinzu komme noch die große Erdbebengefahr in Bukarest, ergänzt er. Das letzte große Erdbeben in Rumänien gab es 1977 mit einer Stärke von 7,2 auf der Richterskala. Damals starben mehr als 1500 Menschen.

Erst das Erdbeben schuf bei Ceausescu angeblich die Idee, ein ganzes Stadtviertel für seinen monströsen Bau abreißen zu lassen. Reisen nach China und Nordkorea inspirierten den kommunistischen Diktator, sich Europas größtes Denkmal auf Kosten des eigenen Volkes bauen zu lassen. Ceausescu beauftragte damals die erst 31-jährige Architektin Anca Petrescu.

Warum? „Im Wettbewerb hatte sie einfach das größte Modell entworfen“, weiß der Touristenführer zu berichten. „So war das damals bei Ceausescu.“ Die kommunistische Architektin, die den Palast nach mehrjähriger Pause vollendet hatte, kehrte übrigens viele Jahre später – in den Zeiten der Demokratie – wieder zurück: nämlich als Abgeordnete der rechtspopulistischen Partei Großrumänien. Groß musste es für Anca Petrescu immer sein.

Mehr: Brauner Nachgeschmack – warum der Zweigelt in Österreich nicht mehr Zweigelt heißen soll.

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1 Kommentar zu "Rumänien: Was sich hinter der Fassade von Ceausescus monströsem Palast verbirgt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "700 Architekten und 20.000 Arbeiter schufteten auf dem Arsenal-Hügel unweit der historischen Altstadt der rumänischen Hauptstadt."

    Richtig ist vielmehr, dass ein Großteil der wunderschönen Bukarester Altstadt für den Größenwahn des roten Schlächters eingeebnet wurde.
    Es gibt dazu gute und schlechte Literatur. Ein absolutes Juwel ist jedoch der Reisebericht des US-Journalisten James Bovard nach Bukarest im November 1987:

    "Meine Kabine wurde viermal durchsucht, wobei jedes Team das vorige zu übertreffen versuchte. Die Matratzen der Liegen wurden durchgeschüttelt, und praktisch jeder Kubikzentimeter Raum wurde gründlich durchforstet.
    Dabei war ich doch nur ein Tourist auf dem Weg zum „Paris Osteuropas“, wie Bukarest sich in vorkommunistischen Zeiten gerne nannte. Zu meiner Zeit jedoch waren fast keine Touristen in dem Land, das damals eher „Äthiopien Europas“ genannt werden konnte. (...)
    Wenn ich eine neue Stadt besuche, spaziere ich gerne stundenlang herum, um ein Gefühl für sie zu bekommen. Ich fragte also den Concierge nach einer Straßenkarte von Bukarest. Ich dachte mir, er hätte vielleicht etwas wie einen Führer der größten Triumphe des Ceausescuismus im Umkreis um die Zentrale der kommunistischen Partei.
    Der Concierge verzog schon in der Mitte meines Satzes das Gesicht. Dieser grauhäutige, knopfäugige Mann war hier beschäftigt, weil er einen natürlichen Hass auf die Menschheit ausstrahlte.
    „Wofür brauchen Sie eine Karte?“
    „Ich möchte die Attraktionen der Stadt besichtigen.“
    „Wir haben keine Karten. Wenn Sie irgendwo hin möchten, fragen Sie mich, und ich sagen Ihnen, wie Sie dorthin kommen.“
    „Wo ist die Altstadt?“ Ich fragte ihn in dem Wissen, dass der größte Teil davon eingeebnet worden war, um den hässlichsten Monolithen des „sozialistischen Realismus“ jenseits von Pjöngjang Platz zu machen.
    Der Concierge machte ein finsteres Gesicht und murmelte irgendetwas – vermutlich ein rumänisches Schimpfwort für lästige Ausländer..."
    https://www.misesde.org/?p=17234