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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Brauner Nachgeschmack: Österreich streitet über die Weinsorte Zweigelt

Die Vergangenheit holt die populäre Rebsorte ein. Namensgeber Zweigelt war ein überzeugter Nationalsozialist. Die Winzer fürchten einen Imageschaden.
Update: 20.09.2019 - 17:25 Uhr Kommentieren
Der Namensgeber der Rebsorte, Friedrich Zweigelt, war ein überzeugter Nationalsozialist. Quelle: imago/Manfred Ruckszio
Blauer Zweigelt

Der Namensgeber der Rebsorte, Friedrich Zweigelt, war ein überzeugter Nationalsozialist.

(Foto: imago/Manfred Ruckszio)

Wien Prächtig stehen die Reben des Blauen Zweigelts am Südhang des Winzerorts Göttlesbrunn im Herzen des Carnuntums. Die Weinregion östlich zwischen Wien und Bratislava hat der Rotweinsorte sehr viel zu verdanken. Denn der Zweigelt ist nicht nur in Österreich die populärste Rotweinsorte. Die Rebsorte ist längst zu einem Synonym für österreichischen Rotwein aufgestiegen.

Was die wenigsten Liebhaber der Rotweine aus dem Carnuntum oder dem benachbarten Neusiedler See wissen: Der Zweigelt ist seit fast einem halben Jahrhundert nach dem überzeugten Nazi und einflussreichen Rebzüchter Friedrich Zweigelt (1888-1964) benannt. Den Marketingexperten und PR-Strategen ist es über Jahrzehnte gelungen, die wenig geschmackvolle Namensgebung unter den Tisch zu kehren.

Doch die Wiener Künstlergruppe „Institut ohne direkte Eigenschaften“ hat mit ihrer Aktion „Abgezweigelt“ Ende des vergangenen Jahres in der Weingemeinde einen heftigen Streit ausgelöst. Die Gruppe schlug vor, den Namen der belasteten Rebsorte Zweigelt durch den neuen Namen „Blauer Montag“ zu ersetzen.

Mit ihrer provokanten Aktion sorgten die Künstler teilweise für wütende Reaktionen, bekamen aber auch Zuspruch. Bei den Besuchern des Wiener Perinetkellers, das ist das ehemalige Kelleratelier der Wiener Aktionisten, kommt die Umbenennung bereits gut an, berichtet Robert Sommer vom „Institut ohne direkte Eigenschaften“ dem Handelsblatt.

Bei den Winzern löste die Aktion hingegen teilweise Entsetzen aus. Denn sie fürchten um den Absatz ihrer Zweigelt-Weine. „Hasspostings kamen aber nicht nur von ultrarechts, sondern auch aus linken Ecken. Man schlug uns vor, ,wichtigere‘ Probleme anzugehen als das Problem der Weinflaschenetiketten“, erzählt Sommer.

Namensgebung wird wissenschaftlich aufgearbeitet

Die Aktion des „Instituts ohne direkte Eigenschaften“ zur Aufarbeitung dieses nationalsozialistischen Erbes lenkte noch mehr Aufmerksamkeit auf das unrühmliche Kapitel. Die Marketingorganisation Österreich Wein beauftragte bereits im Juli 2018 den Weinhistoriker und Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Daniel Deckers, im Rahmen des geplanten Buches „Wein in Österreich“ mit der Aufarbeitung der Vergangenheit des Namensgebers Fritz Zweigelt.

„Die Historikerkommission (…) wird wohl zu der Empfehlung kommen, den Rebsortennamen zu ändern“, ist sich Sommer sicher. Österreich Wein wird dem Landwirtschaftsministerium noch in diesem Jahr einen offiziellen Namensvorschlag unterbreiten. Am 29. September wählt Österreich eine neue Regierung. Sie muss über die Umbenennung des Rotweins mit braunem Nachgeschmack entscheiden. Bis zur Ibiza-Affäre regierte eine konservativ-rechtspopulistische Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz die Alpenrepublik.

„Vermutlich wird vorgeschlagen werden, auf den ursprünglichen Namen dieser Kreuzung zurückzugreifen: Rotburger. Die Nazis und ihr Umfeld brauchen sich nicht aufzuregen. Zweigelt selbst hat nämlich für diesen Namen plädiert“, sagt Zweigelt-Kritiker Sommer dem Handelsblatt. Deckers erwartet, dass die Historikerkommission bis Ende dieses Jahres gegenüber der Marketingorganisation Österreich Wein eine Empfehlung aussprechen wird.

Ein Pressesprecher von Österreich Wein wollte sich zu einer Umbenennung des Weins in Rotburger nicht äußern. Geschäftsführer Wilhelm Klinger, der Ende des Jahres ohnehin den Chefsessel bei Österreich Wein verlassen wird, ließ nur mitteilen, dass eine Historikerkommission „Handlungsempfehlungen an die österreichische Weinwirtschaft formulieren wird. Der Bericht soll im Dezember dem Aufsichtsrat der Österreich Wein präsentiert und anschließend veröffentlich werden.“

An der Nazi-Vergangenheit des Namensgebers Fritz Zweigelt gibt es unterdessen keine Zweifel. Im Auftrag von Österreich Wein arbeitete Weinhistoriker Deckers die tiefen Verstrickungen des früheren Chefs der Höheren Bundeslehranstalt und Bundesversuchsstation für Wein-, Obst- und Gartenbau in Klosterneuburg bei Wien detailliert auf. Österreich tut sich Jahrzehnten mit der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus schwer.

Ein überzeugter Nationalsozialist

Das gilt auch für den Zweigelt. „Es stand nie in Frage, dass Zweigelt ein überzeugter Nationalsozialist war“, sagte Deckers auf Anfrage. Bereits 1933 also längst vor der Machtübernahme der Nazis in Österreich sei Zweigelt in die NSDAP eingetreten. „Die NSDAP-Ortsgruppe Klosterneuburg hatte Zweigelt über das Wochenende, an dem die deutschen Truppen einmarschiert waren, im Handstreich zum Leiter der Anstalt (in Klosterneuburg, d. Red.) gemacht.

„Mit Datum vom 14. März wurde Zweigelt durch Landwirtschaftsminister Reinthaller nur zum kommissarischen Leiter bestellt“, schreibt Deckers in einem wissenschaftlichen Artikel. Der Text soll in einem 700 Seiten umfassenden Buch mit dem Titel „Wein in Österreich: die Geschichte“ auf Initiative des Österreich-Wein-Chefs Wilhelm Klinger noch im Oktober erscheinen.

Aus seiner Nazi-Gesinnung machte der Rebzüchter Zweigelt nie einen Hehl. Wie Deckers nachweist, begrüßte Zweigelt die Besetzung des Sudetenlandes durch Nazi-Deutschland und pries als „Schriftleiter“ der Zeitschrift „Weinland“ auch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. „Bis 1945 gab sich Zweigelt als fanatischer Nationalsozialist“, resümiert der Weinhistoriker. Nach dem Krieg wurde er als „minderbelastet“ eingestuft und konnte seine Karriere als Weinbauexperte fortsetzen.

Zweigelt – eine Kreuzung von Blaufränkisch und St. Laurent – ist mit einer Fläche von 6.400 Hektar die wichtigste Rotwein-Rebsorte in Österreich. Sein Anteil an der österreichischen Rebfläche betrug zuletzt mehr als 14 Prozent. 1972 wurde der belastete Name für den Rotburger in das offizielle Rebsortenverzeichnis für Qualitätsweine aufgenommen. Die österreichische Marketingexperten von Österreich Wein schwärmen vom Zweigelt in höchsten Tönen: „Bei hoher Reife entstehen vollmundige und langlebige Weine mit Sauerkirschenaroma.“

Über Jahrzehnte wurde die braune Vergangenheit der Rebsorte in Österreich verdrängt. Um einen nachhaltigen Imageschaden zu vermeiden, wird Österreich um eine Umbenennung des Zweigelts kaum herumkommen. Österreich exportierte im vergangenen Jahr Wein im Wert von 170 Millionen Euro ins Ausland. Knapp die Hälfte ging nach Deutschland.

Doch wie der Rotwein künftig heißen soll, das muss am Ende die Politik entscheiden – in welcher Koalition auch immer Österreich nach den Wahlen regiert werden wird.

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