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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Das ist das Geheimnis der Wiener Heurigen

Die Unesco hat die Heurigenkultur in die Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Auch königliche Prominenz war schon zu Gast in den Lokalen.
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Das Kronprinzenpaar besuchte 2017 den Bioheurigen Obermann. Quelle: Reuters
Prinz Charles und Camilla

Das Kronprinzenpaar besuchte 2017 den Bioheurigen Obermann.

(Foto: Reuters)

Wien Vom Wiener Nussberg ist das Panorama imperial. Vom legendären Weinberg reicht der Blick über die Donaumetropole bis zu den Kleinen Karpaten in der Slowakei. An der vorderen Spitze der Bergnase gibt es zwei lange Schlangen vor dem Schuppen des Weinguts Wieninger. Die einen stehen geduldig für Aufstriche, den Mangalitza-Speck oder die Blunzn an, die anderen für einen Schoppen des beliebten Cuvées Wiener Satz.

Die Platzsuche gestaltet sich schwierig. Denn an milden Herbsttagen ziehen die Hauptstadt-Bewohner wie in einer Prozession auf den Nussberg zu den Heurigen. Und Wieninger – eines der besten Weingüter der österreichischen Hauptstadt – ist besonders beliebt. 

Die Heurigen sind in Wien eine historische Institution. Ihre Ursprünge reichen bis ins Mittelalter zurück. Die Tradition beruht auf den „Leutgebern“. So wurden Winzer in früheren Jahrhunderten genannt, die das Recht besaßen, ihren Rebsaft an Besucher auszuschenken. Bis heute gibt es in Wien rund 100 Heurige. Die meisten Betriebe sind familiär geführt.

Nun hat die Unesco die Wiener Heurigenkultur geadelt. Die in Paris ansässige Weltkulturorganisation hat sie in die Liste der Immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Unter diesem Begriff werden weltweit seit 2003 Traditionen von der Unesco geschützt. Dabei benötigt die Heurigenkultur in der österreichischen Hauptstadt eigentlich gar keinen Schutz. Denn Wien ohne Heurige ist schlichtweg nicht vorstellbar.

Die Buschenwirtschaften in Stadtteilen wie Grinzing, Nussdorf, Mauer oder Stammersdorf sind seit Jahrhunderten Bestandteil des Daseins. Sie sind für die Hauptstädter die kleine Flucht ins Grüne mit hohem Genussfaktor. Viele der Burschenwirtschaften boomen regelrecht. An milden Herbsttagen ist in Heurigenlokalen wie Edlmoser, Zahel, Wieninger oder Mayr am Pfarrplatz kaum ein Platz zu kriegen.

Ohne Reservierung läuft am Wochenende in den meisten Heurigen ohnehin nichts mehr. Längst sind auch die Zeiten vorbei, als die Gäste noch selbst ihre Jause – wie Brotzeit auf österreichisch heißt – mitbrachten. Heute warten opulente Buffets mit feinen regionalen Leckereien auf die immer anspruchsvoller werdenden Besucher.

Der Heurige ist und bleibt eine zutiefst demokratische Institution. Zwischen den Rebstöcken sitzen Freunde, Familien und sogar Geschäftspartner – manche sogar einen halben Tag. Auf den Holzbänken treffen sich Jung und Alt, Wohlhabende und weniger Wohlhabende, Ohnmächtige und Mächtige aufeinander. Der Wein und der kulinarische Genuss verbinden über alle Unterschiede.

Selbst komplette Bundesregierungen beispielsweise unter dem Ex-Kanzler Christian Kern sind schon zum Heurigen gepilgert – in der vergeblichen Hoffnung auf mehr Koalitionsfrieden.

Bereits seit 2003 gibt es sogar einen eigenen Verein mit dem Namen „Der Wiener Heurige“ mit derzeit 43 Betrieben, der vom Winzer Michael Edlmoser geführt wird. Alle Mitglieder müssen den vom Bundesland Wien definierten Heurigengebieten angehören. Ziel ist es die Tradition und Qualität zu sichern. An oberster Stelle steht der für Wien so typische „Gemischte Satz“. Während einfacher Zechweine noch immer im typischen Henkelglas serviert werden, sind es bei edleren Tropfen längst anspruchsvolle Weiß- und Rotweingläser. 

Hinter der nun von der Unesco geschützten Heurigenkultur verbergen sich wirtschaftliche Interessen. Denn der eigene Ausschank ist ein für die Familienweingüter ein wichtiger, oft der wichtigste Absatzkanal. Die Gäste trinken nicht nur vor Ort gerne und viel, sondern nehmen auch gerne kistenweise ihren Lieblingswein mit.

Dennoch ist der Heurige ein hartes Geschäft. Zuverlässiges Personal ist nicht nur an schönen Sommer- und Herbsttagen ein Problem. Hinzu kommen noch zahlreiche bürokratische Auflagen. Heurigenwirt zu sein, ist zweifellos ein Knochenjob. 

Doch mancher Winzer wird für seine Anstrengungen mit hohem Besuch belohnt, der Ehre und Aufmerksamkeit einbringt. Das britische Kronprinzenpaar Charles und Camilla ließ es sich bei ihrem Wien-Besuch vor zwei Jahren nicht nehmen, dem romantischen Bioheuriger Obermann im Vorort Grinzing höchstpersönlich einen Besuch abzustatten.

Schließlich sind den Royals Produkte aus ökologischer Landwirtschaft ausgesprochen wichtig. Und der malerische Wiener Bioheuriger ist dafür ein Musterbeispiel.

Die Lieblingsheurigen des Autors: 

Edlmoser:  Malerischer Buschenschank im Stadtteil Liesing mit exzellentem Wein und vorzüglichem Essen. Viele Stammgäste, deshalb ist eine frühe Reservierung empfehlenswert. Maurer Lange Gasse 123, 1230 Wien

Zahel: Die guten Weine und das gute Heurige-Essen sorgen für ein volles Haus. Die gemütlichen, verwinkelten Gasträume sind eine Alternative bei schlechtem Wetter. Reservierung empfehlenswert. Maurer Hauptplatz 9, 1230 Wien

Christ: Die Weine von Rainer Christ haben viele Fans, genauso wie sein zeitgemäßer Heuriger mit flinker Bedienung. Die Lage ist leider nicht so romantisch. Amtsstraße 10-14, 1210 Wien

Wieninger auf dem Nussberg: Großartige Lage zwischen den Reben und exzellente Weine, doch leider Selbstbedienung mit überschaubarem Speisenangebot. Eichelhofweg 125, 1190 Wien

Mayer am Pfarrplatz: Bilderbuchheuriger mit sehr guten Weinen und wunderschönem Garten in Grinzing, professionelle Küche. Reservierung empfehlenswert. Pfarrplatz 2, 1190 Wien

Obermann: Bio-Heuriger im weinseligen Vorort Grinzing am Fuß des Wienerwaldes, gute, klassische Heurigenküche mit exzellenten Produkten und aufmerksamer Service. Cobenzlgasse 102, 1190 Wien

Wlitschko: Versteckt liegender Heuriger beim Lainzer Tiergarten, in dem Familienbetrieb stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis, schöner Hausgarten. Wittgensteinstraße 143, 1230 Wien

Mehr: In immer mehr britischen Restaurants bleibt die Küche kalt. Eine Weltgeschichte aus London.

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