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Weltgeschichte Egon Schiele – Warum es sich lohnt, die private Seite des Skandalmalers zu entdecken

Anlässlich seines 100. Todestags feiert Österreich den Maler Egon Schiele. Sein Geburtsort Tulln zeigt jetzt das Privatleben des Künstlers.
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Das Schiele-Denkmal steht vor dem neuen Schiele-Museum in Tulln an der Donau. Die Ausstellung zeigt die Lebensumstände, unter denen Schiele aufgewachsen ist. Quelle: schielemuseum.at / Helmut Lackinger
Egon-Schiele-Denkmal

Das Schiele-Denkmal steht vor dem neuen Schiele-Museum in Tulln an der Donau. Die Ausstellung zeigt die Lebensumstände, unter denen Schiele aufgewachsen ist.

(Foto: schielemuseum.at / Helmut Lackinger)

TullnMit leuchtenden Augen sitzt die amerikanische Kunsthistorikerin Alessandra Comini im ersten Stock eines Häuschens an der Donau. Zum Stehen hat die gebürtige Texanerin mittlerweile wegen ihres Alters keine Kraft mehr. Doch ihre Sprachkraft ist der Wissenschaftlerin geblieben. „Ich sah die ersten Bilder von Egon Schiele an der Universität von California in Berkeley. Vom ersten Moment an war ich verzaubert“, berichtet Comini in breitem Amerikanisch. Schiele machte zu Beginn des 20. Jahrhunderts von sich reden, weil er den menschlichen Körper vollkommen schonungslos und ohne Tabus darstellte. Damit provoziert er die Menschen bis heute.

Dieser Zauber sollte für den berühmten Vertreter der Wiener Moderne Folgen haben. Denn Comini machte sich 1956 als junge Studentin auf den Weg nach Wien. Im Namen der Albertina erforschte sie später den privaten Egon Schiele. Comini sprach mit der Familie und Freunden. Die ausführlichen Gespräche nahm sie auf Tonband auf. Damit schuf sie die Grundlage für einen neuen Blick auf Egon Schiele, nämlich den ganz privaten Künstler.

Ein malerisches Häuschen in dem einstigen Römerstädtchen Tulln, westlich von Wien und mit dem Auto in 40 Minuten zu erreichen, bildet die Hülle für den neuen Blick auf den Jahrhundertkünstler. Das für 330.000 Euro neu geschaffene Egon-Schiele-Museum zeigt nur wenige Bilder. Die Besten sind ohnehin im Wiener Leopold-Museum zu sehen.

Die kleine Sammlung führt stattdessen durch die private Welt von Egon Schiele. Auf zwei Ebenen kann man in die Welt des Künstlers vor dem Ende des österreich-ungarischen Imperiums eintauchen. Im Hauptraum bringen sechs Stationen dem Besucher das kurze Leben von Schiele näher. Visuelle und akustische Animationen zeigen seine Schul- und Studienzeit.

Der Besucher lernt über den Audioguide die Eltern Marie und Adolf Schiele, den respektierten Bahnhofsvorstand von Tulln, kennen.  Noch viel wichtiger ist der Einfluss seines Onkels und späteren Vormunds Leopold Czihaczek. Seine beiden Schwestern Melanie und Geri werden die wichtigsten Frauen in seinen Leben, auch wenn er die bürgerliche Edith Harms heiratet.

Kunsthistorikerin Alessandra Comini kann vom Vertreter der Wiener Moderne bis heute nicht genug kriegen. Für die Reise nach Tulln nimmt die hochbetagte Schiele-Expertin aus Dallas auch körperliche Mühen auf sich. Voller Stolz sitzt sie im Obergeschoss, wo die Ton-Dokumente erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.  Im August 1963 grast die resolute Amerikanerin die Schicksalsorte Schieles ab: Tulln, Klosterneuburg, Neulengbach, Krems und Mühling.  Comini befragte schließlich die beiden Schwestern Melanie und Gerti sowie seine Schwägerin Adele Harms ausführlich.

Einst war Egon Schiele (1890-1918) ein Geächteter und Außenseiter. Die Behörden ließen ihn wegen seiner Kunst ins Gefängnis werfen. Im ehemaligen Bezirksgereicht von Neulengbach war Schiele 28 Tage wegen der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ eingesperrt. Comini entdeckt die damalige Zelle – fast unverändert.  Mit nur 28 Jahren starb der von Gustav Klimt geförderte Künstler an der Spanischen Grippe. Heute ist er Teil des österreichischen Kunsterbes.

Die niederösterreichische Ministerpräsidentin Johanna Mikl-Leitner kam eigens zur Eröffnung des neu gestalteten Egon-Schiele-Museums. „Egon Schiele war und ist ein ganz großer Niederösterreicher“, beteuerte die konservative Politikerin.  Er sei „ein Künstler von Welt“, der die Menschen mit seinen Werken berühre und dabei von seiner Heimat inspiriert worden sei. Was hätte wohl Egon Schiele zu dieser Vereinnahmung gesagt?

Vielleicht hätte er sich über so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung sogar gefreut.  Der Kurator des Schiele-Museum in Tulln, Christian Bauer, sagt: Wer einen Künstler verstehen wolle, müsse sich auch dem Menschen annähern. 

Aus diesem Grund lohnt sich die Reise in das beschauliche Donaustädtchen Tulln. Denn dort steht nicht nur das Egon-Schiele-Museum, sondern auch das Geburtshaus im Bahnhof Tulln. Auch wenn die Originaleinrichtung nicht mehr erhalten ist, so gibt die Wohnung doch einen guten Einblick in das enge gesellschaftliche Korsett des untergehenden Kaiserreichs. Ein Weg mit mehr als einem Dutzend Stationen führt vom Museum zum Geburtshaus, das derzeit allerdings durch Renovierungsarbeiten entstellt ist. Schiele hätte sich über diesen Bruch der Idylle sicher gefreut.

Egon-Schiele-Museum, Donaulände 28, 3430 Tulln an der Donau, geöffnet  Dienstag-Sonntag 10-17 Uhr (bis Saisonende am 4. November)

Geburtshaus Egon Schiele, Bahnhof Tulln, Bahnhofsstr. 69, geöffnet tägl. 9-20 Uhr

 

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