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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Salzburg und Wien drohen Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden

Österreichs Vorzeigestädte Salzburg und Wien boomen. Doch der Touristenansturm bringt große Probleme. Ein Rezept dagegen suchen die Städte bisher vergeblich.
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Wien versucht die Besucher aus dem historischen Zentrum in andere Stadtviertel zu lenken – doch es gelingt nur teilweise.
Historisches Museum Wien

Wien versucht die Besucher aus dem historischen Zentrum in andere Stadtviertel zu lenken – doch es gelingt nur teilweise.

Salzburg Von ihrem Büro im Salzburger Festspielhaus kann Helga Rabl-Stadler auf die vielen Touristen in der Mozartstadt blicken, die den Max-Reinhardt-Platz überqueren. Der Massenansturm in ihrer Heimatstadt macht die Präsidentin der Salzburger Festspiele wütend. „Der Stundentourismus zerstört Salzburg. Wir dürfen nicht nur zuschauen“, fordert die 71-Jährige.

Die Präsidentin steht seit fast zwei Dekaden an der Spitze des berühmten Opern- und Musikfestivals. „Der Overtourism ist eine reale Gefahr für Salzburg. Es macht mir große Sorgen. Wir dürfen nicht zuschauen, sondern müssen den Fremdenverkehr gestalten“, fordert die ehemalige ÖVP-Politikerin. „Wir müssen schleunigst Antworten auf den touristischen Klimawandel finden.“

In der Getreidegasse, der berühmtesten Einkaufsstraße Salzburgs, kommen die Massen zwischen Kettenläden nur noch im Schneckentempo voran. Die Luft steht. Es riecht nach Pommes und Schweiß. Den meisten Einheimischen ist die Getreidegasse im Hochsommer ein Graus. Dann machen sie um die Shoppingmeile einen großen Bogen.

Salzburg boomt. Die Zahlen der Übernachtungen stiegen im vergangenen Jahr um über drei Prozent auf die Rekordmarke von fast 3,2 Millionen Übernachtungen. Die Chinesen sind mittlerweile auf Platz fünf der touristischen Herkunftsländer – nach Gästen aus Österreich, Deutschland, USA und Großbritannien. Hinzu kommen noch 6,5 Millionen Tagesgäste, die aber im Schnitt nur 35 Euro in der 156.000 Einwohner großen Stadt und auch nur fünfeinhalb Stunden ihrer Zeit lassen.

Die Antworten auf den „Stundentourismus“, welche die Präsidentin der Salzburger Festspiele stellvertretend für viele Einheimische fordert, sind alles andere als einfach zu finden.

Kampf gegen „Overtourism“

Ein simples Rezept gegen das gefährliche Phänomen des „Overtourism“ gibt es nicht. „Gebraucht werden viele Anreize, um das Problem in den Griff zu kriegen“, sagt Rabl-Stadler. Bert Brugger, Geschäftsführer der Tourismus Salzburg GmbH, geht auf unterschiedlichen Wegen gegen den Overtourism vor. „Im Wesentlichen versuchen wir, Besucher besser zu steuern und zu lenken“, sagt der langjährige Tourismusmanager. So müssen sich Reisebusse online anmelden und können Zeitslots für Anreise und Abholung an zwei Terminals buchen.

Um Staus zu vermeiden, hat die Mozart-Stadt einen Gratisparkplatz am Messezentrum errichtet. Mit einem preiswerten Shuttle geht es dann in die Altstadt. Geführte Gruppen sind dort auf 25 Personen begrenzt. Darüber hinaus versuchen die Tourismusverantwortlichen, die Besucher weg von den Ameisenstraßen wie der Getreidegasse beispielsweise auf die Stadtberge zu führen.

Und dennoch: Salzburg platzt aus allen Nähten. Die österreichische Stadt wird Opfer ihres eigenen Erfolgs.

Auswirkungen für Wien

Während Salzburg das Phänomen des „Overtourism“ erkannt hat und nun aktiv bekämpft, versucht Wien, die gewaltige Herausforderung kleinzureden. „94 Prozent der Befragten sind dem Tourismus gegenüber positiv eingestellt. Ähnlich hohe Werte konnten wir auch in den vergangenen beiden Jahren messen“, sagt der Wiener Tourismus-Chef Norbert Kettner.

Zuletzt verkündete der Fremdenverkehrsdirektor für die boomende Donaumetropole einen neuen Tourismusrekord. Im ersten Halbjahr stieg die Zahl der Übernachtungen um knapp zehn Prozent auf annähernd acht Millionen. Kettners Ziel, bis zum Jahr 2020 die Marke von 18 Millionen Nächtigungen im Jahr zu erreichen, rückt in greifbare Nähe.

Der Boom hat Folgen für Wien. Das Zentrum der österreichischen Hauptstadt, der erste Bezirk, wird in den Sommermonaten zunehmend zum teuren Tourismusgetto. „Im ersten Bezirk gehe ich nur noch zum Arbeiten, aber nicht, um mich mit Freunden zu treffen“, sagt eine Mitzwanzigerin, die in der Nähe des Stephansdoms beschäftigt ist. Ihr sind - wie vielen anderen - die Preise im Zentrum durch den Touristenansturm längst viel zu hoch. Die Einheimischen ziehen sich zunehmend in ihre Stadtviertel zurück.

„Wenn etwas aufregt, sind es nicht die Menschen, die unsere Stadt besuchen. Es sind die schnellen Geschäftemacher, die auf Kosten des öffentlichen Raumes, der Gäste und nicht zuletzt der Bevölkerung kurzfristig Gewinn machen, langfristig damit aber die Tourismusgesinnung und die Reputation einer Destination zerstören“, sagt eine Sprecherin von Wien Tourismus auf Anfrage.

Strengere Regeln für aufdringliche Verkäufer von Tourismuskonzerten und der Kampf gegen Ramsch im öffentlichen Raum seien wichtige Schritte. „Der öffentliche Raum ist ein wertvolles Gut, mit dem sorgsam umzugehen ist“, sagt die Sprecherin.

Neue Strategie

Ähnlich wie Salzburg versucht Wien, die Besucher aus dem historischen Zentrum in andere Stadtviertel umzulenken. Das gelingt auch teilweise. Die zweitgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum entwickelt eine neue Strategie bis 2025, die im Herbst vorgestellt wird. Ziel ist, nicht noch mehr Besucher nach Wien zu locken, sondern die Umsätze beispielsweise in der Hotellerie zu erhöhen.

Der harte Preiskampf in der Luxuskategorie macht die österreichische Hauptstadt im Vergleich zu London, Paris oder Rom noch immer zu einem vergleichsweise preiswerten Ziel. Wien versucht, sich als Premium-Destination zu verkaufen, um nicht in die gleiche Falle wie Barcelona oder Venedig zu tappen. Die Stadt will eine kulturinteressierte, kaufkräftige Zielgruppe anzusprechen, die sich individuell auf die Stadt einlässt und so für eine höhere Wertschöpfung sorgt.

Die Praxis sieht aber immer noch so aus: Die Massen wälzen sich durch das Zentrum, wo immer mehr billig ausgestattete Straßencafés den öffentlichen Raum zwischen Hofburg und Stephansplatz okkupieren. Insbesondere an Wochenenden im Sommer und während der Adventszeit hat der Tagestourismus das historische Zentrum fest im Griff. Dann wird es selbst auf den breiten Straßen Wiens schon mal eng.

Die Einheimischen machen in dieser Zeit einen großen Bogen um den Freizeitpark „Erster Bezirk“. Noch will Wien aber nicht die Notbremse ziehen. „Verzweiflungstaten wie Zwangsgebühren oder Zugangsbeschränkungen hat Wien nicht nötig“, teilen die Tourismusmanager auf Anfrage mit.

Viele Gäste suchen unterdessen individuell nach einer Möglichkeit, um dem Phänomen Overtourism zu entkommen. Während der Salzburger Festspiele fahren immer mehr Gäste mit ihrem Auto nur noch in die unterirdische Garage des Mönchsberges, statt sich in der Altstadt einen Aperitif zu gönnen.

Von der Tiefgarage können sie über einen Tunnel direkt in das Festspielhaus spazieren. Auf gleichen Weg verlassen sie auch wieder die Mozart-Stadt. Salzburg mit seinem Touristenrummel selbst müssen sie gar nicht mehr betreten. Auch eine Form des stillen Protests gegen Overtourism - zum Nachteil der Stadt.

Mehr: Urlaubsregionen ächzen unter den Folgen des Massentourismus. Dem gilt es entgegenzusteuern. Sonst verlieren die Reiseorte ihren besonderen Charakter. Ein Kommentar.

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