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Weltgeschichte Warum Österreich einen Tunnel zum Mittelmeer gräbt

Die Österreichische Bahn gräbt sich einen Weg durch die Alpen zur Adria. Mit dem Bau des Semmering-Tunnels verfolgt das Land ein ehrgeiziges Ziel.
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Weltgeschichte: Der Semmering-Tunnel in Österreich Quelle: mauritius images
Bohrung des Semmering-Tunnels

Der neue Tunnel soll das Nadelöhr am Semmering beseitigen und den Eisenbahnverkehr zwischen Wien und Graz beschleunigen.

(Foto: mauritius images)

SemmeringEin Höllenlärm herrscht tief unter Tage in den steirischen Alpen. Gewaltige Tieflader, Bagger und Lastwagen bahnen sich ihren Weg durch den staubigen Tunnel. An den verputzten Wänden hängen Schläuche, an der Decke hängen Röhren zur Belüftung. Auf einem Kran bereitet einer der Arbeiter an einer Tunnelwand die nächste Sprengung vor.

Währenddessen fressen sich die beiden gewaltigen Bohrmaschinen an anderer Stelle durch das Innere der Berge. Sie werden Carl und Ghega genannt – in Erinnerung an den Erbauer der oberirdischen Semmering-Bahn Carl Ritter von Ghega.

„Wir müssen das Nadelöhr am Semmering beseitigen“, sagt Gerhard Gobiet, Projektleiter der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), entschlossen. Ziel ist es, eine schnelle Strecke für den Güterverkehr nach Südosteuropa zu bauen.

800 Mitarbeiter arbeiten von zwei Seiten an dem 27,3 Kilometer langen Semmering-Tunnel. Sie werkeln rund um die Uhr in drei Schichten. Der 3,3 Milliarden Euro teure Semmering-Tunnel wird Österreich schneller mit dem Mittelmeer verbinden. Ab 2026 sollen dann die Fahrgäste in weniger als zwei Stunden von Wien nach Graz reisen können – eine halbe Stunde weniger als bisher.

Mit den anderen Projekten an der Südstrecke werden am Ende auf dem Weg zur Adria 50 Minuten eingespart. Die Züge können dann mit einer Geschwindigkeit von bis zu 230 Stundenkilometern durch die Alpenregion rauschen. Insgesamt investiert die ÖBB stolze elf Milliarden Euro in den Ausbau der österreichischen Südstrecke.

Das Tunnelprojekt ist strategisch wichtig für den Güterverkehr in Europa. Denn dadurch wird die Anbindung von Österreich und seinen Nachbarländern wie der Slowakei und Tschechien nach Slowenien und Kroatien deutlich schneller. Die Mittelmeerhäfen wie Triest (Italien), Koper (Slowenien) und Rijeka (Kroatien) rücken dadurch näher an Mitteleuropa an.

In der PR-Sprache der ÖBB heißt das, „die Konkurrenzfähigkeit Österreichs innerhalb Europas“ zu sichern. Es macht die Alpenrepublik zur Drehscheibe des Güterverkehrs von den polnischen Ostseehäfen Stettin und Danzig zur Adria.

Keine Routineaufgabe für die Baufirmen

Der Bau des Semmering-Tunnels ist allerdings für die Baufirmen alles andere als eine Routineaufgabe. „Wir sind mit dem Bau sehr gefordert“, sagt ÖBB-Manager Gobiet. „Die Berge und das Grundwasser sind die größten Herausforderungen“, erklärt der Projektleiter. Die Geologie des Gebirges, das die beiden österreichischen Bundesländer Steiermark und Niederösterreich voneinander trennt, macht den Bauarbeitern und Ingenieuren zu schaffen.

Es werden bis zu 400 Meter tiefe Schächte mit stark wasserführenden Gesteinsschichten gebaut, um den Zugang zu den beiden Tunnelröhren eröffnen. Um das Bergwasser zu beherrschen, muss zudem bis zu 300 Meter in den Berg vorgebohrt werden. Dann werden Zement, Kunstharz und andere Materialien eingespritzt, um den Wasserzutritt auf ein Minimum zu beschränken. Das nennen die Fachleute Gebirgsinjektionen. Sie sind ein Beispiel für die technisch anspruchsvollen Herausforderungen.

Zudem erfordern die Zugangsschächte, Verbindungen und Querschläge einen hohen Arbeitsaufwand. Schließlich müssen 62 Tunnel-Kilometer gegraben werden, um den 27 Kilometer langen Bahntunnel zu bauen. Hinzu kommen noch die Massen an Gestein und Geröll. Die Ingenieure rechnen am Ende mit rund sechs Millionen Kubikmetern Material. Das ist das Doppelte der Cheops-Pyramide.

An Geld mangelt es unterdessen nicht. Allein in diesem Jahr sollen rund 300 Millionen Euro verbaut werden. Zwei bis drei Meter Tunnel schaffen die Arbeiter mit ihren Maschinen pro Tag.

Trotz der Komplexität des Projektes herrscht bei der ÖBB, dem Auftraggeber der insgesamt 400 beteiligten Firmen, große Zuversicht das Milliardenprojekt nach 14 Jahren Bauzeit pünktlich Ende 2026 fertig zu stellen. Daran lässt ein Sprecher der ÖBB in Wien keinen Zweifel: „Alles läuft planmäßig.“ Bislang sind von den gut 27 Kilometern aber erst rund drei Kilometer Tunnel in den Alpenkamm getrieben worden.

Ein jahrhundertealtes Projekt

Österreich knüpft mit der Verbesserung der Verbindungen zwischen der Ostsee und der Adria an alte Kaiserzeiten an. Denn die Bahnstrecke zum Mittelmeer hatte bereits in Zeiten der Monarchie höchste Priorität. Schon damals brachte die vor 160 Jahren gebaute Semmeringbahn nicht nur die feine Adelsgesellschaft aus Wien zu ihren adriatischen K.u.K-Ferienorten wie Abbazia – das heutige kroatische Opatja.

Schon damals diente die Eisenbahnstrecke vor allem dem intensiven Warenverkehr im weitläufigen Habsburger-Reich in Südosteuropa. Die noch heute in Betrieb befindliche Semmering-Bahn mit ihren imposanten Bogenbrücken und großen Steigungen und längst Unesco-Weltkulturerbe.

Nach Fertigstellung des Semmering-Tunnels wird die eindrucksvolle alpine Bahnstrecke, eine technische Meisterleistung ihres damaligen Erbauers Carl Ritter von Ghega, weiter genutzt werden– nicht nur aus touristischen Gründen, sondern auch als Ausweichstrecke.

Projektleiter Gobiet schwärmt noch heute von den Leistungen des außergewöhnlichen Ingenieurs Carl Ritter von Ghega, der als Sohn albanischer Eltern in Venedig 1802 geboren wurde und 1860 in Wien starb. Die oberirdische Semmeringbahn galt im 19. Jahrhundert als technische Wunderwerk. Sie ist für die Pioniere unter Tage das qualitative Vorbild für den milliardenschweren Semmering-Tunnel 160 Jahre später.

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