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Weltgeschichte Eine Tour entlang der Fronten des philippinischen Drogenkrieges

Baseco ist ein Schauplatz der Anti-Drogen-Kampagne von Präsident Duterte. Touristen können Führungen durch den berüchtigten Slum buchen.
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Die Führung durch Manilas Slum Baseco gehört zu den immer populärer werdenden Slum-Touren auf der Welt. Aber es ist eine umstrittene Art Urlaub zu machen. Quelle: Reuters
Slum von Baseco

Die Führung durch Manilas Slum Baseco gehört zu den immer populärer werdenden Slum-Touren auf der Welt. Aber es ist eine umstrittene Art Urlaub zu machen.

(Foto: Reuters)

ManilaVielleicht gibt es keine unangenehmere Geruchsmischung: Knoblauch und Fäkalien. Hier in Baseco riecht es nach Knoblauch, weil tausende Slumbewohner die Knollen schälen, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen – etwa einen Euro am Tag. Es riecht nach Fäkalien, weil viele Plastiktüten als Toiletten verwenden und die Beutel dann auf den nahen Strand schleudern.

Tourleiterin Janet erspart keine Details: „Manche der Slum-Bewohner haben zwar Toilettenschüsseln“, sagt sie. „Aber weil es keine Wasseranschlüsse gibt, bringt das auch nicht viel.“ Zwei junge Japaner nicken verständnisvoll. Dann lassen sie ihren Blick ungläubig über den mit Plastiktüten übersäten Strand streifen. Ihr höfliches Lächeln schleicht langsam aus ihren Gesichtern.

Aber dafür sind sie ja hier. Sie wollen wissen, wie es wirklich ist auf den Philippinen. Weg von den Traumstränden, weg von den riesigen Casinos, in denen tausende Chinesen ihren frischen Reichtum verzocken. Ein junger Amerikaner sagt: „Diese Tour ist ein absolutes Must-See.“ Gestern hat er sich einen Bunker nahe Manila angeguckt, in dem hunderte japanische Soldaten kollektiven Selbstmord begingen.

Die Führung durch Manilas Slum Baseco gehört zu den immer populärer werdenden Slum-Touren auf der Welt. Es ist eine umstrittene Art, Urlaub zu machen: Für manche sind die Führungen nichts anderes als ein Menschenzoo. Andere sehen darin eine Studienreise für die Ultraharten: eine Möglichkeit, das wahre Leben in Schwellenländern kennenzulernen.

Viele Anbieter investieren die Einnahmen außerdem für soziale Projekte in den Slums – das ist bei der Organisation World Experience Philippines der Fall, die die Slum Tour in Manila anbietet. Auch die Tour-Guides rekrutiert die Nichtregierungsorganisation aus dem sozialen Brennpunkt.

Doch die Tour zeigt auch die Grenzen des Slum-Sightseeings auf. Baseco ist einer der Brennpunkte des Drogenkrieges des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Zwar gibt es Viertel in Manila, in denen noch häufiger gemordet wird. Doch auch aus Baseco berichten die Zeitungen immer wieder von Razzien, Festnahmen und Toten. Darüber schweigt der Veranstalter bei den Führungen aber lieber.

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte versprach vor seinem Amtsantritt 2016, Jagd auf Junkies und Dealer zu machen – und er machte sein Wahlversprechen wahr. Wer einen Drogensüchtigen umbringt, kann mit Straffreiheit rechnen.

Slum-Bewohner haben sich an giftiges Wasser gewöhnt

Beobachter werfen Duterte vor, das Land in einen rechtsfreien Raum zu verwandeln. Das Europäische Parlament geht davon aus, dass insgesamt bereits rund 12.000 Menschen getötet worden sind. Die philippinische Regierung bestreitet die Zahl.

Dass es hier am Strand alles andere als lebenswert ist, erfahren die Besucher allerdings auch so: Direkt an dem besagten Strand mit den Plastiktüten ist ein kleiner Brunnen. Er ist eine wichtige Wasserquelle für viele Slumbewohner. „Das ist praktisch giftig, aber wir haben uns daran gewöhnt“, sagt die Führerin.

Sie lenkt die Gruppe weiter durch die engen Gassen des Slums. Da die meisten Türen offen sind, können die Besucher direkt in die oft verwahrlosten Wohnungen gucken.

Nichts sagt Führerin Janet dagegen über die Drogenproblematik in dem Viertel. Dabei erlebt sie die Tragödie täglich mit – doch das sagt sie erst nach der Führung. „Nachts höre ich oft Schüsse, das macht mir Angst“, sagt sie.

Den harten Krieg gegen die Drogen des Präsidenten lehnt sie ab. Sie sagt aber auch, dass Duterte die Sicherheit im Slum letztendlich erhöht habe. Prinzipiell rede sie über diese Probleme aber nur, wenn sie auf der Tour explizit gefragt wird.

Bei Smokey Tours diskutierte man lange, wie man auf die eskalierende Gewalt durch den Drogenkrieg reagieren sollte. Letztendlich entschieden sich die Organisatoren, die Route aus Sicherheitsgründen durch einen anderen Stadtteil verlaufen zu lassen.

Zu gefährlich – der Drogenkrieg ist kein Thema auf der Tour

Zum Thema machen will man bei Smokey Tours den Drogenkrieg nicht, er wird auf der Tour nicht angesprochen. „Wir halten uns aus der Angelegenheit komplett raus“, sagt Ella Daalderop, Programm-Managerin bei Smokey Tours.

Während der Drogenkrieg im Ausland scharf kritisiert wird und das EU-Parlament fordert, die Handelserleichterungen für das Schwellenland aufzuheben, hat Dutertes harte Linie im Land auch zahlreiche Unterstützer. Der Krieg gegen die Drogen polarisiert die Gesellschaft. Smokey Tours will sich nicht auf eine Seite ziehen lassen und in Probleme geraten.

Zudem will man die Bewohner und Tourleiter schützen. „Die Menschen haben Angst, mit Drogen in Verbindung gebracht zu werden“, sagt Daalderop. Zu schnell werde man zum Ziel. Am besten man nehme das Wort erst gar nicht in den Mund. „In dem Slum haben auch die Ohren Wände.“

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