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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Wie in Indien eine Pop-up-Stadt für 150 Millionen Menschen entsteht

600 Feldküchen, 250 Kilometer Straße, 1000 Kilometer Stromleitungen: Das Hindu-Fest Kumbh Mela wird auf dem Subkontinent zum logistischen Abenteuer.
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Wie Indien eine Pop-up-Stadt für 150 Millionen Menschen baut Quelle: AFP
Zelte bei Allahabad

Erwartet werden bis zu 150 Millionen Menschen, die alle versorgt werden müssen.

(Foto: AFP)

BangkokDas Leben in indischen Großstädten ist hart: Der Plastikmüll liegt verteilt auf der Straße oder wird sofort angezündet, beißender Rauch zieht durch die Gassen. Für zarte Europäer ist das Leitungswasser gefährlich. An kaum einem anderen Standort haben westliche Unternehmen so große Schwierigkeiten, Personal für Entsendungen zu finden.

Ausgerechnet in diesem Land, das für seine katastrophale Infrastruktur berüchtigt ist, entsteht in diesen Tagen die größte Pop-up-Megacity der Welt. Die für indische Verhältnisse nur mittelgroße Stadt Allahabad empfängt in den kommenden Wochen zur Kumbh Mela (deutsch: Krugfest) bis zu 150 Millionen Menschen. Zeitweise werden sich mehrere Dutzend Millionen Menschen auf engstem Raum aufhalten. Sie alle müssen transportiert, versorgt und untergebracht werden. Und irgendwie soll es dabei auch noch einigermaßen sauber bleiben.

Die Megastadt aus dem Nichts ist eine gigantische Herausforderung für die Planer. Die nahezu unlösbare Aufgabe wird zwar jedes Mal irgendwie gemeistert, dennoch geht einiges schief. Bei der vergangenen Veranstaltung in Prayagraj liefen beispielsweise Abwassertanks über. Die Folge waren zahlreiche Durchfallerkrankungen. Für Mensch und Umwelt ist das riesige Festival eine enorme Belastung – dennoch kommen jedes Mal mehr Besucher. Sie lockt ein für viele spirituell einmaliges Erlebnis.

Der Schlamassel begann der Legende nach, als Gott Vishnu im Streit um den sogenannten Unsterblichkeitsnektar einen Krug fallen ließ. An den vier Orten, wo die Tropfen des Nektars auf die Erde trafen, feiern Hindus alle drei Jahre

abwechselnd die Kumbh Mela. Am 15. Januar ist Prayagraj (früher Allahabad) an der Reihe, und zwar dort, wo sich der heilige Fluss Ganges mit seinem wichtigsten Nebenfluss Yamuna vereinigt. Das Fest bei Prayagraj gilt als die größte Kumbh Mela.

Der Aufwand ist gigantisch: 600 Feldküchen stehen für die Gäste bereit. Außerdem bauen die Organisatoren rund 250 Kilometer Straße und verlegen 1000 Kilometer Stromleitungen. 22 schwimmende Brücken verbinden die Uferabschnitte zwischen dem Fest. Insgesamt hat die Regierung des Bundesstaates Uttar Pradesh umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro in die religiöse Veranstaltung investiert.

Die Zahl der Toiletten wird verdoppelt

Erstmals setzen Organisatoren und Behörden verstärkt auf digitale Technologien, um das Großereignis zu managen. Die indische Staatsbahn, die insgesamt 800 Sonderzüge nach Prayagraj schickt, will Künstliche Intelligenz von IBM einsetzen. Mit der Technik sollen die Menschenmassen besser gelenkt werden können. Auf dem Gelände sind auch 3000 Überwachungskameras verteilt, deren Informationen permanent ausgewertet werden.

Doch nicht nur für die Pilger ist das Fest mit Strapazen verbunden. Auch der Ganges muss einiges aushalten. Zur Pilgerfahrt gehören in der Regel rituelle Bäder im Fluss. Für das ohnehin schon schwer verschmutzte Gewässer erweisen sich die Millionen Badegänger regelmäßig als verheerend, die Verschmutzungswerte schnellen während und nach der Veranstaltung in die Höhe. Auch für die Menschen ist die spirituelle Reinigung deswegen mit Gesundheitsgefahren verbunden.

Die Behörden versuchen, die Risiken wenigstens zu minimieren: Dutzende Industrieanlagen flussaufwärts haben bereits den Betrieb einstellen oder einschränken müssen, 100.000 Arbeiter wurden beurlaubt. Damit der Wasserpegel zum Fest noch einmal steigt, haben die Behörden außerdem Dämme in anderen Landesteilen geöffnet.

Experten rechnen dennoch damit, dass sich die Wasserqualität des Ganges wieder deutlich verschlechtern wird. Schon bei früheren Veranstaltungen wurden ähnliche Maßnahmen getroffen – ohne durchschlagenden Erfolg. Die Zahl der Toiletten wurde im Vergleich zum vergangenen Fest noch einmal auf mehr als 100.000 verdoppelt. Damit werden sich dennoch mehrere Hundert Menschen eine Toilette teilen müssen.

Wen diese Zahlen abschrecken, kann trotzdem die wohl einzigartige Atmosphäre der Kumbh Mela besuchen. Wer das nötige Kleingeld hat, kommt auch komfortabel unter. In rund 600 Luxuszelten kostet die Übernachtung rund 200 Euro. Ein eigenes Klo ist auch dabei. 

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