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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Großbritannien „Apple Pray“ – Digitaler Klingelbeutel macht Kirchengänger spendabler

Ein Fintech stattet englische Kirchengemeinden mit einem digitalen Klingelbeutel aus. Die Pfarrer fragen sich nun, ob sie eine Maschine segnen dürfen.
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Großbritannien: Kirche setzt auf digitalen Klingelbeutel Quelle: dpa
Korb und Klingelbeutel

In einigen anglikanischen Kirchengemeinden bezahlen die Mitglieder die Kollekte kontaktlos.

(Foto: dpa)

LondonDie Geschichte von Crowland Abbey reicht zurück bis in das achte Jahrhundert. Seit dem Englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert ist die Benediktiner-Abteikirche in der englischen Grafschaft Lincolnshire nur noch eine Ruine.

Doch bis heute trifft sich eine kleine Gemeinde im wiederaufgebauten Nordschiff zum Gottesdienst. Seit einigen Monaten können sich die Kirchgänger zu den digitalen Pionieren des Landes zählen: Statt Münzen oder Scheine in den Klingelbeutel zu werfen, dürfen sie ihre sonntägliche Spende inzwischen auch kontaktlos bezahlen. Von „ApplePray“ ist bereits scherzhaft die Rede.

Zusammen mit dem Berliner Fintech SumUp hat die Anglikanische Kirche in 20 Gemeinden landesweit digitale Klingelbeutel für die Kollekte eingeführt. Binnen Sekunden lassen sich so voreingestellte Beträge von zwei, fünf, zehn und 25 Pfund von der Kreditkarte oder dem Smartphone abbuchen.

Wie Coffeeshops, Geschäfte und Restaurants reagiert die Kirche auf einen gesellschaftlichen Trend: Immer weniger Briten tragen Bargeld bei sich. Laut SumUp hat sich die Spendensumme aus der Kollekte in einigen Gemeinden seit dem Start ihrer digitalen „Collection Box“ im September nahezu verdoppelt.

In Crowland Abbey ist das Echo auf den digitalen Klingelbeutel noch zurückhaltend. „Wir sind eine sehr alte Gemeinde“, sagt David Searle, 73, der dem Pfarrer im Gottesdienst hilft. „Die Technologie ist mehr was für die Jungen.“ Aber das kleine Gerät ist Gesprächsthema in der Pfarrei.

Man überlege, ob man es zusammen mit dem Klingelbeutel herumreichen solle oder lieber hinten am Eingang bereithalte, sagt Searle. Er findet die neue Technik gut, hat aber noch keine Antwort auf ein praktisches Problem: Bisher bringe er nach der Kollekte den Klingelbeutel an den Altar, wo der Pfarrer ihn segne. „Wollen wir die Maschine auch zum Altar bringen und segnen lassen?“, fragt er. „Das wäre schon merkwürdig.“

Rund 600 Millionen Pfund pro Jahr nimmt die Anglikanische Kirche an Spenden ein. Der Großteil wird per Dauerauftrag überwiesen. Doch um die Einnahmen aus der sonntäglichen Kollekte zu maximieren, führt kein Weg am kontaktlosen Bezahlen vorbei.

Schon im vergangenen März hatte die Kirche sich daher mit SumUp und der schwedischen Firma iZettle zusammengeschlossen und für alle 16.000 Gemeinden ein Portal für digitale Zahlungen bereitgestellt. Laut SumUp nutzen derzeit rund 700 Gemeinden das System, um größere Zahlungen für Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen abzuwickeln.

Der nächste Schritt ist es, den Kartenleser während des Gottesdiensts durch die Reihen zu reichen. Daran wird sich der eine oder andere Kirchgänger wohl erst langsam gewöhnen. „Wir werden das nicht übers Knie brechen“, sagt Searle. Aber es sei die Zukunft.

Im Londoner Stadtteil East Greenwich hingegen ist die Technologie gut angenommen worden. Die Gemeinde der Christ Church ist im Schnitt jünger als die von Crowland Abbey. Pfarrerin Margaret Cave möchte ihr Kartenlesegerät nicht mehr missen. „Die meisten Menschen haben kein Bargeld mehr dabei“, sagt sie. Deshalb sei es wichtig, mit der technologischen Entwicklung mitzugehen. Die Christ Church ist schon seit 2017 bei digitalen Pilotprojekten dabei.

Der Trend zum kontaktlosen Bezahlen lässt sich in London nicht nur in der Kirche beobachten. Bei Street-Food-Wagen und Markthändlern ist das Kartenlesegerät längst ein Muss. Aber auch die Straßenmusikerin im Bahnhof Waterloo hat vor sich prominent ein iZettle-Kartenlesegerät platziert. Wer die Karte dranhält, gibt ihr damit ein Pfund.

Bei den Obdachlosen in der Stadt überwiegt noch der Pappbecher für Münzen, aber der Herausgeber der Obdachlosen-Zeitung „Big Issue“ kündigte im Dezember an, die ersten 20 Verkäufer landesweit mit iZettle-Geräten auszustatten. Viele Verkäufer beschweren sich bereits: Weil die meisten Passanten keine Münzen in der Tasche haben, gehen die Verkaufszahlen zurück.

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