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Großbritannien Warum Abramowitsch in Chelsea einen kalten Krieg führt

Erst verschleppt die britische Regierung die Ausstellung seines Visums, nun sagt Roman Abramowitsch den Bau eines neuen Stadions für seinen FC Chelsea ab.
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Roman Abramowitsch führt in Chelsea einen Kalten Krieg Quelle: dpa
Roman Abramowitsch

Der russische Oligarch Roman Abramowitsch liegt im Clinch mit der britischen Regierung: Die Behörden haben sein Visum nicht verlängert.

(Foto: dpa)

LondonDas britische Innenministerium hat Roman Abramowitsch offenbar mürbe gemacht. Nachdem er wochenlang vergeblich auf sein neues Investorenvisum gewartet hatte, hat der russische Oligarch seinen Visumantrag zurückgezogen. Zugleich teilte sein Fußballklub FC Chelsea am Donnerstag mit, dass der geplante Neubau des Stadions an der Stamford Bridge auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt werde.

Als Grund führte der Verein das „derzeit ungünstige Investitionsklima“ an. Alle Arbeiten würden bis auf Weiteres eingestellt, und es gebe keinen Zeitplan, um die Entscheidung zu überdenken.

Das Timing dürfte kaum ein Zufall sein. Vergangenen Monat war das Visum des 51-jährigen Russen für Großbritannien ausgelaufen. Statt es wie in der Vergangenheit einfach zu erneuern, ließen ihn die britischen Behörden zappeln.

Publik wurde der Fall, als der Chelsea-Eigentümer beim Pokalfinale seines Clubs gegen Manchester United vor zwei Wochen nicht auf der Tribüne saß. Nun revanchiert sich der Milliardär offenbar auf seine Weise, indem er das Mega-Bauprojekt absagt, das eine Milliarde Pfund in die britische Wirtschaft pumpen sollte.

Es ist die neueste Eskalation im Machtkampf zwischen der britischen Premierministerin Theresa May und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Zwar hat sich Abramowitsch nichts zuschulden kommen lassen, seit er das letzte Mal ohne Probleme ein Visum bekam. Doch die Zeiten haben sich seit dem Mordanschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal auf britischem Boden geändert.

Die Downing Street vermutet den Kreml hinter dem Anschlag und sucht nach einer passenden Antwort. Da bieten sich die in London lebenden Oligarchen an, die ihr Vermögen ihren guten Beziehungen zum Kreml zu verdanken haben.

„Herr Abramowitsch ist keine Gefahr für die nationale Sicherheit“, kommentierte das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ diese Woche. „Aber als Großbritanniens bekanntester Oligarch ist er ein machtvolles Symbol.“

Und es sieht ganz so aus, als wollte die britische Regierung ein Exempel statuieren. Erstmals stellte sie Abramowitsch unangenehme Fragen zur Herkunft seines Vermögens und seinem Charakter. Putins Sprecher Dmitrij Peskow beklagte sich dieser Tage bereits, dass russische Geschäftsleute in London eine „unfaire und unfreundliche Behandlung“ erlebten.

Einen solchen Umgang sind die Superreichen in London nicht gewöhnt: Jahrelang wurden sie umworben und ihr Geld gern genommen. Solange die Millionen in die englischen Maklerbüros, Boutiquen und Fußballklubs flossen, wurde nicht allzu genau hingeschaut, woher sie stammten.

Auf der „Sunday Times Rich List“ der reichsten Menschen in Großbritannien wird Abramowitsch mit einem Vermögen von 9,3 Milliarden Pfund auf Platz 13 geführt. Seit er 2003 den FC Chelsea gekauft hat, ist er ein fester Bestandteil der Londoner Society geworden. Kein Wunder, dass die Boulevardzeitung „The Sun“ nun besorgt fragt: „Is Roman Offski?“ (auf Deutsch: Ist Roman jetzt weg?) Das wäre eine schlechte Nachricht für das Blatt, schließlich war der Oligarch über die Jahre ein unerschöpflicher Quell saftiger Geschichten.

Die neue Härte dürfte Abramowitsch überraschen. Ganz hilflos ist er aber nicht. Zuerst besorgte er sich diese Woche die israelische Staatsbürgerschaft. Die bekam er anstandslos, weil er aus einer jüdischen Familie stammt. Als Israeli kann Abramowitsch sich nun bis zu sechs Monate ohne Visum in Großbritannien aufhalten. Arbeiten darf er allerdings nicht.

Und damit hängt wohl auch die Absage des Stadionprojekts zusammen. Bevor Abramowitsch Hunderte Millionen Pfund investiere, wolle er Klarheit über seinen Aufenthaltsstatus, sagte eine Person aus dem Chelsea-Umfeld der „Financial Times“.

Die Baugenehmigung für den spektakulären Entwurf der Schweizer Stararchitekten Herzog und de Meuron hat der Club bereits. Das neue 60.000-Sitze-Stadion sollte bis zur Saison 2021/22 fertig sein. Während der Umbauphase sollte die Mannschaft im Wembley-Stadion, der Heimat der englischen Nationalelf, spielen. So hatte es in dieser Saison bereits Premier-League-Rivale Tottenham Hotspurs gemacht, dessen Arena im Norden Londons ebenfalls umgebaut wird.

Ob Abramowitsch es sich noch anders überlegt, ist unklar. Laut einem früheren Chelsea-Manager könnte der Eigentümer das Visum-Problem auch nur als Vorwand genutzt haben, um aus einem schwierigen Projekt auszusteigen. Die Kosten seien zuletzt explodiert, sagte Christian Purslow der „BBC“. Er habe daher schon länger geglaubt, dass der Neubau gar nicht erst nicht begonnen werde.

Abramowitsch dürfte jedenfalls nicht der letzte Oligarch sein, der ins Visier des britischen Innenministeriums gerät. Sein Freund Alisher Usmanov, auf der „Rich List“ noch fünf Plätze weiter oben, wäre ein weiterer Kandidat. Der Milliardär besitzt 30 Prozent des Chelsea-Rivalen Arsenal. Hier steht immerhin gerade kein Stadionbau an.

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  • Die Briten sind die allerletzten, die fragen dürfen, woher das Geld der Reichen stammt. Das ihrer eigenen Oberschicht stammt aus der Ausbeutung von Kolonialvölkern oder ihrer Arbeiterklasse. Da waren die nie zimperlich-auf ein paar Tote mehr oder weniger kam es ihnen nie an. Und denkt man an den Irak-Krieg mit mehr als 200.000 Toten Irakern, ist das auch heute noch so. Dagegen sind russische Oligarchen reine Schäfchen.

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