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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Wo die Perücke Pflicht ist

Gerichtsprozesse sind faszinierend – besonders in England, wo die Anwälte Perücke tragen und die Geschworenen zum Jury-Dienst anrücken müssen.
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In vielen Prozessen sind traditionelle Roben und Perücken weiterhin vorgeschrieben.
Richter in London

In vielen Prozessen sind traditionelle Roben und Perücken weiterhin vorgeschrieben.

LondonWenn Achim Kraemer von der Anklagebank aufblickt, dürfte er sich manchmal fragen, wo er hier gelandet ist: In den beiden Reihen vor ihm sitzen Männer und Frauen mit weißen Perücken, in jedem Nacken baumeln zwei kleine Zöpfe. Manchmal wippen sie auch. Die Leute unterhalten sich gedämpft in vornehmem Englisch, ein Schotte ist auch dabei. Es sind die Staatsanwälte und Verteidiger. Vorne thront der Richter, ebenfalls in weißer Lockenpracht.

Kraemer, der bei der Deutschen Bank in Frankfurt arbeitet, muss sich seit vergangener Woche als einer von fünf Angeklagten im Euribor-Prozess in London verantworten. Es geht um den Referenzzins der Euro-Zone, der auf den hochmodernen Trading Floors der City manipuliert worden sein soll. Doch die Kostümierung in Saal 6 des Southwark Crown Court erinnert eher an die Renaissance.

1822 ließ sich Humphrey Ravenscroft die Perücke patentieren, die bis heute als gängiges Modell unter Londons Anwälten gilt. Hergestellt aus hundert Prozent Pferdehaar, gibt es sie in den Farbtönen weiß, dunkelblond oder hellgrau. Was so eine Perücke koste, will der Reporter im Fahrstuhl von einem der Anwälte wissen. „Vielleicht 400 Pfund?“, fragt der Anwalt seine Kollegen. Nicken in der Runde.

Im Fachgeschäft Stanley Lee an der Fleet Street gibt es das einfache Anwaltsmodell für den Alltagsgebrauch ab 425 Pfund. Die aufwändigere Perücke für Richter kostet 1291,66 Pfund. Noch teurer sind die langen Perücken für besondere Anlässe. Bei Online-Händlern gibt es sie auch billiger, Lieferzeit drei Tage.

Die Perücken sollen die Würde und Kontinuität der englischen Justiz unterstreichen. Doch sie sind nicht unumstritten, immer wieder gibt es Vorstöße zur Modernisierung. Seit 2008 tragen Richter in Zivil- und Familienverfahren keine Perücken mehr, 2011 wurden sie auch am Supreme Court abgeschafft. Man wolle die Justiz „zugänglicher“ machen, hieß es zur Begründung.

In Strafprozessen wie dem Euribor-Prozess sind die Perücken aber bis heute vorgeschrieben. Nur wenn Kinder beteiligt sind, kann eine Ausnahme gemacht werden. Die altmodischen Accessoires gelten als potenziell traumatisierend. 

Gerichtsprozesse sind faszinierend – ganz besonders in England. Die Retro-Verkleidung der Juristen ist nämlich nicht die einzige Besonderheit. Im Gerichtssaal sitzen auch zwölf Geschworene, die am Ende über die Schuld oder Unschuld der Angeklagten urteilen. Die Jury-Auswahl kann langwierig sein, einige Kandidaten werden als befangen oder anderweitig ungeeignet abgelehnt, andere versuchen, sich von der als lästig empfundenen Bürgerpflicht zu befreien.

Im Euribor-Prozess dauerte die Jury-Auswahl zwei Tage. Von den 60 einbestellten Londonern wurden in mehreren Schritten zwölf ausgesiebt. Zur „Jury Duty“ kann jeder Brite herangezogen werden – ebenso EU-Bürger, die seit mehr als fünf Jahren im Land leben. Wer sich weigert, macht sich strafbar. Normalerweise dauert der Dienst am Gemeinwesen zwei Wochen, aber es kann sich auch in die Länge ziehen: Der Euribor-Prozess etwa ist auf drei Monate angesetzt. Da macht so mancher Arbeitgeber Druck.

Die Jury-Auswahl gestaltete sich daher nicht ganz einfach. Schon einen Tag später, der Prozess sollte endlich beginnen, wollten drei der zwölf Auserwählten nachträglich entschuldigt werden. „Ich muss es noch einmal betonen“, sagte der Richter streng. „Die Arbeitgeber müssen sich anpassen.“ Die Geschworenenpflicht sei die erste Bürgerpflicht. Auch Arzttermine seien kein Hinderungsgrund. Es gebe Sprechstunden am Abend, am besten lege man sich alle Termine auf den Freitagnachmittag.

Einzeln mussten die drei Geschworenen zu ihm treten und ihre Gründe darlegen. Zwei wies der Richter als unzureichend ab. Bei der dritten hatte er ein Einsehen. Die Frau hatte einen notwendigen Operationstermin im Krankenhaus, und das staatliche Gesundheitssystem NHS sei „unnachgiebig“, wie der Richter erklärte. Da nickte manch einer im Publikum wissend. Gegen die NHS-Bürokratie hilft kein Aufbegehren, diese Erfahrung hat jeder Brite schon einmal gemacht.

Bevor der Prozess dann richtig losging, hatte der Richter auch noch eine Ankündigung in eigener Sache: An einem bestimmten Datum werde der Prozesstag eine halbe Stunde früher enden, gab er bekannt. „Da muss ich mich um meinen Zahn kümmern“.

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