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Weltklimakonferenz Warum ein Ende der fossilen Brennstoffe so schwer fällt

Die Welt ist weit entfernt vom Ausstieg aus der Kohleenergie. Werden alle geplanten Kraftwerke gebaut, sind die Ziele des Klimaabkommens unerreichbar.
Update: 03.12.2018 - 03:51 Uhr 4 Kommentare
Weltweit steigt die Anzahl der Kohlekraftwerke an. Quelle: dpa
Braunkohlekraftwerk

Weltweit steigt die Anzahl der Kohlekraftwerke an.

(Foto: dpa)

Berlin Dass es auch einem Industrieland wie Deutschland gelingt, aus der Kohleverstromung auszusteigen, diese Botschaft wollte Svenja Schulze pünktlich zur jetzt gestarteten Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz mitbringen. Gerne hätte die Bundesumweltministerin der Staatengemeinschaft ein überzeugendes Konzept für einen raschen Kohleausstieg präsentiert.

Daraus wird nun nichts. Das von vielen Umweltschützern und Wissenschaftlern ersehnte Signal aus Deutschland bleibt aus. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission wird nach einer Intervention der Kanzlerin nicht Anfang Dezember, sondern erst im Februar ihren Endbericht vorlegen.

Wie Deutschland tun sich auch andere Länder schwer, von der klimaschädlichen Kohle zu lassen. Doch während in Deutschland zumindest über einen Kohleausstieg debattiert wird und keine neuen Kraftwerke gebaut werden, steigt weltweit die Zahl der Kraftwerke, in denen Kohle verfeuert wird, an.

Neue Daten zeigten, dass im vergangenen Jahr die Kohlenutzung global wieder zugenommen hat, sagte Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), jetzt auf einer Veranstaltung der Berliner Denkfabrik.

„Da wäre es ein wichtiges Zeichen gewesen, dass Deutschland einen konkreten Fahrplan für den Kohleausstieg vorzeigen kann“, sagte der Ökonom, der auch designierter Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) ist: „Wir sollten nicht vergessen: Es geht nicht um den Schutz der Kohlekraftwerke, sondern um den Schutz und die Würde der Menschen.“

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Für das Weltklima besonders problematisch sind vor allem die schnell wachsenden Schwellenländer Türkei, Indonesien, Vietnam und Bangladesch, die in Kohlekraftwerken ihr Heil suchen, um den zunehmenden Energiehunger ihrer wachsenden Bevölkerungen zu decken.

So haben zum Beispiel die Türkei, Indonesien und Vietnam vor, zusammengenommen ihre Kapazität um rund 118 Gigawatt (GW) zu erhöhen. 118 Gigawatt stehen für 118 sehr große Kohlekraftwerksblöcke. Zur Einordnung: In Deutschland sind insgesamt Braun- und Steinkohlekraftwerke mit einer Leistung von rund 45 Gigawatt installiert.

China und Indien bauen eifrig

Sie erzeugen knapp 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms. Auch Ägypten und Pakistan haben seit 2016 – also nach dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens Ende 2015 – ihre Ausbaupläne massiv erhöht. China und Indien sind zwar den entgegengesetzten Schritt gegangen und haben ihre Ausbaupläne drastisch reduziert. Zwischen 2010 und Juli 2018 wurden die Pläne für 603 Kohlekraftwerke zurückgenommen.

Allein China hat zwischen Januar 2017 und Juli 2018 Pläne in Höhe von 156 Gigawatt gestrichen, Indien in Höhe von 55 Gigawatt. Doch von einem Ausstieg aus der Kohleverstromung sind beide Länder weit entfernt. Denn der Absage von Kraftwerksprojekten stehen neue Vorhaben gegenüber.

Unterm Strich investieren beide Länder Milliardensummen nicht nur in erneuerbare Energien, sondern auch in die Verstromung von Kohle.

In all diesen Ländern gilt Kohle immer noch als eine zuverlässige und billige Energiequelle, zudem sind die Kraftwerke ein wichtiger Arbeitgeber. Kohle ist vielerorts verfügbar, der Abbau eine bewährte Technik. Das Problem dabei: Einmal gebaut, haben die Kraftwerke eine Lebensdauer von 40 Jahren oder mehr.

Die Emissionen sind damit für Jahrzehnte festgeschrieben, wenn die Kraftwerke nicht früher vom Netz genommen werden. Klimaforscher sprechen vom „Lock-in-Effekt“. Damit meinen sie die unflexible und dauerhafte Ausrichtung der Energieversorgung auf Kohlekraft, die aus den hohen Investitionskosten und den langen Laufzeiten von Kohlekraftwerken resultiert.

Würden alle in Bau befindlichen und geplanten Kohlekraftwerke gebaut und bis zum Ende ihrer Lebensdauer betrieben, würde sich der Handlungsspielraum im Klimaschutz stark verengen. Die Kohlekraftwerke würden einen ganz erheblichen Teil des CO2-Budgets aufbrauchen, das die Menschheit noch emittieren darf, wenn sie die Erderwärmung unter zwei Grad halten will – das MCC hält das Ziel für „kaum erreichbar“.

„Das Kohleproblem erledigt sich trotz aller Fortschritte bei den erneuerbaren Energien keinesfalls von selbst“, sagt MCC-Direktor Edenhofer. Die damit verbundene Entwicklung ist fatal: Weltweit sinken die klimaschädlichen Emissionen nicht, sondern sie nehmen zu – allen Bekenntnissen zu mehr Klimaschutz nach dem als historisch gefeierten Pariser Klimaabkommen zum Trotz.

Erneuerbare kosten mehr

„Zwar hat China jüngst weniger auf Kohle gesetzt und vielleicht sogar den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen überschritten“, meint Edenhofer. Das habe zu Recht starke Beachtung gefunden, „doch der Untergang der Kohle wurde zu früh ausgerufen“.

Neueste Daten zeigten auch, dass China zunehmend in Kohlekraftwerke im Ausland investiert. Bislang sind erneuerbare Energien trotz der Kostensenkungen in den vergangenen Jahren kapitalintensiver als Kohle. Das macht den endgültigen Durchbruch für die Erneuerbaren so schwierig, obwohl klar ist, dass jedes Kraftwerk die Erfüllung der Pariser Klimaziele gefährdet.

Und außerdem haben zumindest Windräder und Photovoltaikanlagen noch einen eklatanten Nachteil: Die Stromerzeugung ist volatil und nicht sicher prognostizierbar. Für eine verlässliche Stromerzeugung mittels Sonne und Wind sind Back-up-Lösungen – Speicher oder fossile Kraftwerke – unerlässlich.

Das lässt die Systemkosten steigen. Aus Sicht vieler Entwicklungs- und Schwellenländer erscheint es daher immer noch sinnvoll, in Kohlekraftwerke zu investieren.

Hinzu kommt, dass Kohle weltweit verfügbar und vergleichsweise kostengünstig ist. Gerade Schwellenländer sind reichlich mit Kohlevorkommen gesegnet. China und Indien belegen nach den USA die Plätze zwei und drei der Länder mit den größten Steinkohlereserven.

Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe

Um Investitionen in die erneuerbaren Energien zu fördern, fordern Wissenschaftler und Ökonomen seit Monaten die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe und einen ausreichend hohen CO2-Preis auf internationaler Ebene.

Die Grundüberlegung dabei: Ein Preis für CO2 über alle Sektoren soll dafür sorgen, den Einsatz fossiler Energien wirtschaftlich unattraktiv zu machen, um so den Einsatz erneuerbarer Energien zu begünstigen.

Die Einnahmen aus einem CO2-Preis könnten wiederum dazu verwendet werden, andere Steuern zu senken, sie für Investitionen in nachhaltige Infrastruktur aufzuwenden oder einkommensschwache Haushalte zu kompensieren. Erst vergangene Woche drängte auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen auf eine Bepreisung von CO2.

Leider hinkt die Realität vielen berechtigten Forderungen von Klimapolitikern hinterher. Das wird seit Jahren am Problem der verbreiteten Subventionen für fossile Energieträger deutlich. Das Standardwerk der Internationalen Energie-Agentur (IEA), der jährlich erscheinende „World Energy Outlook“, widmet dem Thema regelmäßig kritische Worte.

Dem aktuellen Report zufolge summierten sich die Subventionen für fossile Energieträger 2017 auf rund 300 Milliarden Dollar. Sie lagen damit um 30 Milliarden Dollar höher als im Jahr zuvor – obwohl die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt (G20) schon 2009 die Abschaffung ineffizienter Subventionen für fossile Brennstoffe beschlossen hatten.

Doch Versuche von Regierungen, solche Subventionen tatsächlich zu kürzen oder gar abzuschaffen, scheitern regelmäßig an Protesten. Die Subventionen betreffen sämtliche fossilen Energieträger, wobei allerdings der Anteil, der auf Kohle entfällt, relativ klein ist. Die Subventionen bewirken genau das Gegenteil einer CO2-Steuer: Sie machen das Verfeuern von Kohle, Gas und Öl ökonomisch besonders interessant.

Allerdings gibt es auch Hoffnungsschimmer. Es wird immer schwieriger, Geld für Kohlekraftwerksprojekte aufzutreiben. Viele institutionelle Anleger wie etwa die Allianz, Axa oder auch HSBC haben bereits beschlossen, ihre Investments in Unternehmen einzuschränken, die besonders viel CO2 ausstoßen.

150 große Asset-Manager, Fonds und Versicherungen sind der Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC) beigetreten. Gemeinsam machen sie sich mit Lobbyarbeit, Studien und Veranstaltungen für den Klimaschutz stark – wollen Politik, Unternehmen und Anleger dafür gewinnen, den Klimawandel stärker in ihren Strategien zu berücksichtigen.

Allerdings ist nicht damit zu rechnen, dass Kohlekraftwerksprojekten von heute auf morgen der Geldhahn zugedreht wird. Das dürfte schon angesichts der schieren Mengen des investierten Geldes schwierig werden.

Einer vor knapp einem Jahr veröffentlichten Untersuchung von Klimaschutzorganisationen zufolge sind bei den 120 wichtigsten Unternehmen, die aktuell neue Kohlekraftwerke planen oder bauen, 1455 institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Vermögensverwalter oder Versicherungen engagiert. Sie halten demnach Aktien oder Anleihen in einem Volumen von 140 Milliarden Dollar.

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4 Kommentare zu "Weltklimakonferenz: Warum ein Ende der fossilen Brennstoffe so schwer fällt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • CO2 ist immer noch der Flaschenhals der Photosynthese - mehr CO2 in der Luft bedeutet, dass das Pflanzenwachstum beschleunigt wird und Sauerstoff produziert wird.
    Das ist ein Regelkreis und insgesamt erhöht sich der CO2 Gehalt der Luft nur minimal im Bereich weniger Zehntel Prozente - also Tausendstel Anteile in der Luft!

    Die Deutschen machen sich schon immer enorm viele Gedanken und Panik, die Wälder sind auch nicht gestorben wie zur Gründungszeit der Grünen spekuliert wurde.
    So gewinnt man Wahlen - mit Angst machen! Das war schon immer in der Geschichte Deutschlands so!

  • Problem erkannt "die in Kohlekraftwerken ihr Heil suchen, um den zunehmenden Energiehunger ihrer wachsenden Bevölkerungen zu decken" ... .
    Kohle entsteht ja eigentlich permanent nur unser Verbrauch ist weiter darüber hinaus. Ich würde auch vermuten ein Kohlekraftwerk auf der Welt ist bedenkenlos für das Klima. Das wahre Problem ist doch die hirnlose Vermehrung. Natürlich und auch zu recht will jeder Mensch den gleichen Lebensstandard haben nur können wir den für bald 15 Milliarden Menschen nicht gewährleisten. 15 Milliarden Auto, Computer, Handys u.s.w. was das allein für eine gigantische Ressourcenbindung ist. Aber bloß nicht das Thema mal offensiv bei der Klimakonferenz ansprechen.

  • "Allerdings ist nicht damit zu rechnen, dass Kohlekraftwerksprojekten von heute auf morgen der Geldhahn zugedreht wird. Das dürfte schon angesichts der schieren Mengen des investierten Geldes schwierig werden."
    Traurige Tatsache, dass es immer noch Fonds- und Pensionskassenanleger gibt, die Unsummen in solche Kohlekraftwerke-Dreckschleudern investieren. Durch Millionen Tonnen weiterer CO² und anderer Abgase wird die Erderwärmung weiter beschleunigt, die Auswirkungen für unser Klima werden noch dramatischer. Das der Erhalt unserer Umwelt durch die Profitgier der Energiekonzerne, Autoindustrie und anderer Partizipanten in Gefahr ist, wird deutlich. Bis die letzten Öl-, Kohle- und Gasreserven ebenso teuer wie umweltschädlich verfeuert worden sind, wollen Lobbyisten aus Politik und Wirtschaft weiterhin den milliardenschweren Gewinn, der sich die nächsten Jahre noch aus der Verstromung der Bodenschätze wie Kohle ergibt, reinholen. Jetzt muss endlich jeder gezwungen werden, seine Sicht der Dinge und Gewohnheiten zu ändern und aufgeklärt werden. Neueste Forschung bieten innovative Alternativen. Die revolutionärste Entdeckung für die Menschheit des 21.Jahrhunderts bietet unendliche Ressourcen - Emissionsfreie Neutrino-Energy wird einen System Wechsel weg von der Grosskraftwerk-Stromversorgung hin zur mobilen und dezentralen Haushaltsenergieversorgung und vor allem zur abgasfreien Mobilität mit unendlicher Reichweite bewegen. Billionen von Neutrinos strömen mit der Solaren Strahlung weltweit und können allerorts in emissionsfreie Energie gewandelt werden mittels Haushaltsgeneratoren/ PowerCubes. Dazu liegen spannende, internationale Forschungsergebnisse und Patente der Berliner Neutrino Energy Group bereit. Das muss in den Medien endlich verbreitet werden, um Investoren zu Pionieren einer neuen Energiewirtschaft zu motivieren. http://solardat.uoregon.edu/prnewswire.html?rkey=20181119NY78486&filter=2355

  • Wenn ich das lese bekomme ich immer arge Kopfschmerzen. Meinen Menschen ernsthaft, dass man mit Naturgesetzen verhandeln kann. Auch wenn wir es nicht sehen...wir müllen die Atmosphäre mit CO2, sekundär mit Methan und vermehrten Wasserdampf voll. Diese Gase reflektieren verstärkt Infrarotstrahlung und dadurch wird es im Mittel wärmer. Und das gleiche gilt auch für die Meere. Es gibt daran nichts zu rütteln und jedes weitere Wegsehen ist kollektiver Wahnsinn. Ich empfehle 8 Minuten in den Vortrag von Professor Lesch zu investieren:
    https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/lesch-und-co-ist-die-sonne-schuld-am-klimawandel-108.html...Fazit nicht die Sonne sondern der Mensch ist Schuld am Klimawandel und dementsprechend hat er es in der Hand zu ändern!!!

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